Problematische Diagnose via Gesundheits-Apps

8. September 2015, 12:55
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Die Zahl der Apps, die Patienten eine Diagnose oder Therapie anbieten, nimmt zu. Eine Studie zeigt allerdings: Die "Tools" sind oft ungenau

Stuttgart – Internetportale oder Apps, die dabei helfen, medizinische Symptome zu deuten, werden immer zahlreicher. Die mobilen Dienstleister scheinen den Patienten Vorteile zu bieten: Etwa Untersuchungen und damit Wartezeiten in der Arztpraxis zu umgehen und die Selbständigkeit von Patienten zu fördern. Die App "iTriage" beispielsweise berät jährlich 50 Millionen Nutzer in Gesundheitsfragen, bei triefender Nase, Rückenschmerz oder anderen Beschwerden.

"Telemedizin und andere internetbasierte Techniken haben ein großes Zukunftspotential", sagt Gerd Hasenfuß, Direktor der Klinik für Kardiologie und Pneumologie der Georg-August-Universität Göttingen. Gesundheits-Apps und Portale sind aber mit Vorsicht zu nutzen, wie eine Studie des British Medical Journals (BMJ) jetzt nahelegt. Demnach sind die Technik und die Berechnung von medizinischen Daten nicht so weit entwickelt, dass Online-Tools eine ärztliche Diagnose ersetzen können.

"Elektronische Informationstools sind in der Medizin nicht mehr wegzudenken, auch wir Ärzte nutzen sie ja täglich in der Klinik", meint Hasenfuß, . "Doch die Anwendungen müssen technisch ausgereift sein, qualitätsgesichert und es muss medizinische Expertise einfließen", ergänzt der Mediziner.

Kein Ersatz für Arzt

In der BMJ-Studie untersuchten Forscher 23 internationale Online-Portale auf ihre Tauglichkeit zur Ferndiagnose. Davon gaben acht nach Eingabe der Symptome eine Diagnose ab, vier empfahlen entsprechende Handlungsmaßnahmen und elf boten beide Servicleistungen an. Die Ergebnisse waren ernüchternd: In nur etwa einem Drittel aller Fälle nannten die Portale die richtige Diagnose und bei 58 Prozent der Patientenanfragen listeten sie den korrekten Befund unter den Top 20 der genannten Vorschläge.

"Das gibt dem Nutzer noch nicht einmal eine Fifty-Fifty-Chance auf eine zuverlässige Deutung seiner Beschwerden", gibt der Ulrich Fölsch von der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) zu bedenken. Etwas bessere Resultate lieferten Programme, die dem Patienten nach Eingabe der Symptome einen Handlungsvorschlag geben: Insgesamt stimmten 57 Prozent der Angaben. Insbesondere bei Symptomen, die einen Notfall suggerierten, empfahlen diese Tools in 80 Prozent der Fälle, einen Arzt oder ein Krankenhaus aufzusuchen.

Apps sind unsichere Entscheidungsgrundlage

Weniger verlässlich waren die Ergebnisse bei Patienten, die ihre Beschwerden ohne medizinische Hilfe in den Griff bekommen können: Lediglich bei einem Drittel lagen die Portale hier richtig. "Mit Blick auf diese Ergebnisse können wir nicht dazu raten, die Entscheidung für oder gegen einen Arztbesuch von einer App abhängig zu machen", sagt Diethelm Tschöpe vom Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen.

Der einstimmige Tenor der Experten: Die Technik habe ein hohes Potential, müsse aber weiterentwickelt werden. "Telemedizinische Anwendungen könnten künftig das Gesundheitssystem nachhaltig entlasten", so Tschöpe. Denkbar wäre beispielsweise, chronisch Kranken Kontroll-Untersuchungen beim Arzt zu ersparen. (red, 8.9.2015)

  • Die Evaluierung der digitalen Gesundheits-Tools fiel ernüchternd aus: In nur etwa einem Drittel aller Fälle nannten die Portale die richtige Diagnose.
    foto: apa/dpa/daniel naupold

    Die Evaluierung der digitalen Gesundheits-Tools fiel ernüchternd aus: In nur etwa einem Drittel aller Fälle nannten die Portale die richtige Diagnose.

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