"Ganztagsschule kann Benachteiligungen ausgleichen"

Interview9. September 2015, 08:00
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In ihrem neuen Buch will Bildungspsychologin Christiane Spiel Mythen rund ums Thema Schule aufklären.

Bildung erhitzt die Gemüter seit Jahren. Eltern wollen bekanntlich nur das Beste für ihr Kind. Die Suche nach der richtigen Schule wird deshalb oft zur Gretchenfrage. Doch gibt es die richtige Schule überhaupt? Und: Ist der Schultyp wirklich entscheidend für ein erfolgreiches Lernen? Im Gespräch mit dem STANDARD verrät Christiane Spiel, weshalb sie die Ganztagsschule als Modell der Zukunft sieht.

Spiel gilt als Begründerin der Bildungspsychologie, vor ihrer wissenschaftlichen Karriere unterrichtete sie drei Jahre lang an einem Gymnasium. Durch diese unterschiedlichen Zugänge konnte die Wienerin verschiedene Sichtweisen erwerben, die sie in ihrem neuen Buch "Schule – Lernen fürs Leben" darstellt.

STANDARD: Im Herbst werden 8000 Schüler beim Pisa-Test abgeprüft. Die Ergebnisse der österreichischen Schüler waren in den letzten Jahren enttäuschend. Wieso schafft es Österreich nicht wie Deutschland, bei der Platzierung aufzuholen?

Spiel: Bei den ersten Pisa-Ergebnissen im Jahr 2000 waren beide Länder von ihren schlechten Ergebnissen überrascht. Es gab einen richtigen Pisa-Schock. In Deutschland hat man nach dem Schock viel Geld in Forschung investiert, um herauszufinden, wo die Probleme liegen. Man hat sich Maßnahmen überlegt, die auch greifen. In Österreich haben wir in typisch österreichischer Manier erstmal nach dem Schuldigen gesucht. Zum Schluss haben wir uns getröstet, dass wir noch besser waren als die Deutschen. Beim nächsten Pisa-Test hat Österreich schlechter als Deutschland abgeschnitten. Eine Nachanalyse der Daten von 2000 hat gezeigt, dass wir bereits bei der ersten Testung schlechter waren als unsere Nachbarn.

Wir müssten genau analysieren, wo die Probleme liegen. Ein Schulkonzept aus anderen Ländern in Österreich 1:1 zu adaptieren hat wenig Sinn, weil Schule viel mit Schulorganisation und der eigenen Kultur zu tun hat.

STANDARD: Denken Sie, dass in Österreich zu wenig zwischen Wissenschaft und Schulen kooperiert wird?

Spiel: Die Wurzel ist eine andere. Wir haben in Österreich fast keine Förderquellen für die Bildungsforschung, vor allem für die angewandte empirische Forschung gibt es kaum Geld. Aber auch die Kooperation zwischen Wissenschaft, Schulverwaltungen und der Bildungspolitik ist zweifellos sehr schwierig. Das Problem ist, dass wir unterschiedliche Kulturen haben.

STANDARD: Politiker spüren die Auswirkungen ihrer Reformen in der Bildungspolitik in ihrer eigenen Legislaturperiode meist nicht. Ist das der Grund, warum Reformen so schleppend umgesetzt werden?

Spiel: Erfolge werden in der Bildungspolitik erst spät eingefahren. Das ist definitiv ein Grund, warum so wenige Reformen im Bildungsbereich umgesetzt werden. Am Beispiel der neuen PädagogInnenausbildung zeigt sich das ganz gut: Es hat Jahre gedauert, bis die neue Ausbildung beschlossen wurde. Nun dauert es aber noch sechs weitere Jahre, bis die Studierenden das Gelernte im Unterricht umsetzen können. Bis man Veränderungen im Unterricht und schließlich bei den Schulergebnissen merkt, vergeht wieder viel Zeit. Das dauert länger als eine Legislaturperiode.

STANDARD: SPÖ und ÖVP streiten sich seit Jahren um die "richtige" Schulform. Wie wichtig ist die Schulform für ein erfolgreiches Lernen?

Spiel: Wenn ich nur Schilder vor eine Schule austausche, ändert sich noch nichts an der Schulform. Zentral ist die Organisation der Schule vor Ort und inwiefern es dort möglich ist, die einzelnen Schüler zu fördern. Fest steht aber: Wenn die Gesamtschule mit "Ho ruck" eingeführt wird und es eine große Gegnerschaft bei Lehrern und Eltern gibt, dann kann die Gesamtschule gar nicht erfolgreich sein.

Es ist aber unmöglich, eine stabile Prognose über die Potenziale und Leistungen von Zehnjährigen abzugeben. Zweifellos haben frühe Bildungsentscheidungen einen Nachteil für Kinder, die zu Hause nicht genügend unterstützt werden können. Das heißt: Die Menschen müssen überzeugt werden, warum das Modell der Gesamtschule – mit innerer Differenzierung – so wichtig ist.

STANDARD: Letzte Woche hat Manfred Juraczka, Chef der Wiener ÖVP, gesagt, dass er befürchtet, dass Gymnasien ganz bewusst ausgedünnt werden. Wäre das Ende des Gymnasiums aus Ihrer Sicht fatal?

Spiel: Das Gymnasium ist im internationalen Vergleich gesehen gar nicht so erfolgreich, wie immer angenommen wird. Natürlich gehen die leistungsstärksten Schüler in Gymnasien, dennoch schafft man es dort nicht, die Potenziale der Schüler entsprechend zu fördern. Es müsste sonst eine größere und breitere Spitze von guten Leistungen geben. Die Pisa-Studien zeigen jedoch, dass Österreich eine große Risikogruppe beim sinnverstehenden Lesen hat und im Vergleich dazu eine relativ kleine Spitzengruppe.

STANDARD: Glauben Sie, dass durch die Ganztagsschule Kinder aus sozial benachteiligten Familien bessere Schulerfolge erzielen können?

Spiel: Auf jeden Fall. Studien aus anderen Ländern zeigen, dass die Ganztagsschule in der Lage ist, Benachteiligungen auszugleichen. In Familien, wo Eltern ihren Kindern nicht helfen können, kann eine Ganztagsschule kompensierend wirken. Diese Schulform unterstützt ebenso Eltern, die durch ihren Beruf zeitlich sehr eingespannt sind.

Die Ganztagsschule kann also auch für Familien mit hohem Bildungsniveau eine Entlastung sein. Denn es sorgt für Harmonie in Familien, wenn die Hausaufgaben am Abend bereits gemacht sind und das Kind auf nahende Tests und Prüfungen vorbereitet ist. Im Idealfall würde die Ganztagsschule auch in den Schulferien offen haben – mit entsprechenden Freizeitangeboten, die Kinder auch unter dem Schuljahr ausüben können.

STANDARD: In Ihrem neuen Buch zeichnen Sie Ihre Vorstellungen einer idealen Schule auf. Wäre dafür das passende Modell die Ganztagsschule?

Spiel: Die Schule sollte ein Teil der Gesellschaft sein. In Österreich ist das noch nicht ausreichend der Fall. Eine Ganztagsschule, die berücksichtigt, dass sich die Lebensumstände von Eltern verändert haben, hat großes Potenzial.

STANDARD: Die Bildungsreformkommission hat sich darauf geeinigt, dass Schulen mehr Autonomie bekommen. Warum ist Autonomie für Schulen wichtig?

Spiel: Autonomie heißt immer auch Verantwortung. Wenn eine Schule keine Autonomie hat, dann kann sie ihre Verantwortung auch nur begrenzt wahrnehmen. Die Schülerklientel ist in Schulen sehr unterschiedlich. Das heißt: Schulen sollten die Freiheit haben, gewisse Schwerpunkte zu setzen, die sich nach den Potenzialen ihrer Schüler richtet.

Ich würde mir wünschen, dass Schulen entsprechend den Schülerklientelen unterschiedlich viel Geld bekommen. Schulen mit einer schwierigeren Klientel sollten mehr Geld als andere Schulen bekommen. Wo und wie sie das Geld einsetzen, sollen Schulen selbst entscheiden dürfen. Also zum Beispiel: In welchen Klassen machen zwei Lehrer, Sozialarbeiter oder Psychologen Sinn?

STANDARD: Sie appellieren, Kinder zum selbstständigen Lernen zu erziehen. Lehnen sich Ihre Überlegungen am Konzept der Montessori-Schulen an?

Spiel: Montessori-Schulen haben viele vernünftige Ansätze. Man darf nicht vergessen, dass die Lehrer, die an diesen Schulen unterrichten, zusätzliche pädagogische Ausbildungen benötigen. In solchen Schulen sind deshalb von vornherein besonders engagierte Lehrer. Ein Vergleich mit anderen Schulen ist daher schwierig.

STANDARD: Kritiker behaupten, dass Schüler und Schülerinnen, die diese Schulen besucht haben, sich im Arbeitsalltag schwerer tun. Zu Unrecht?

Spiel: Um stichhaltige Schlüsse ziehen zu können, müsste man die Lehrerklientel und die Schülerklientel der verschiedenen Schultypen vergleichen können. Sonst kann ich die Effekte nicht auf die unterschiedlichen Schultypen zurückführen, sondern auf das unterschiedliche Engagement der Lehrer oder auf eine unterschiedliche Klientel bezüglich Leistungsfähigkeit und Begabungen. Wir wissen ja nicht, ob dasselbe Kind, auch wenn es einen anderen Schultyp besucht hätte, nicht im späteren Berufsleben dieselben Probleme hätte.

STANDARD: Sie sagen, dass es wichtig ist, Kinder früh zum lebenslangen Lernen zu erziehen. Braucht es lebenslanges Lernen, um am Arbeitsmarkt bestehen zu können?

Spiel: Wenn wir uns die dramatischen Entwicklungen am Arbeitsmarkt durch neue Technologien ansehen, müssen wir die Kinder auf einen neuen Arbeitsmarkt vorbereiten. Sie müssen lernen, sich ständig und schnell auf neue Begebenheiten einzustellen. Deshalb ist ein lebenslanges Lernen so wichtig. (Sophie-Kristin Hausberger, 9.9.2015)

  • Die Bildungspsychologin Christiane Spiel appelliert, Kinder zum selbstständigen Lernen zu erziehen.
    foto: robert newald

    Die Bildungspsychologin Christiane Spiel appelliert, Kinder zum selbstständigen Lernen zu erziehen.

  • Christiane Spiel, Sonja BettelSchuleLernen fürs Leben?!Galila-Verlag 2015224 Seiten, 21,90 Euro
    foto: galila

    Christiane Spiel, Sonja Bettel
    Schule
    Lernen fürs Leben?!

    Galila-Verlag 2015
    224 Seiten, 21,90 Euro

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