Ein Overkill an Postkartenkitsch

7. September 2015, 17:43
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Josef E. Köpplinger inszeniert an der Volksoper ein doppelbödiges "Weißes Rössl"

Wien – Einen "Alpenspaß" sieht Michael Otto, Chefdramaturg des Münchner Gärtnerplatz-Theaters, in jenem Singspiel, das nach seiner Berliner Uraufführung 1930 auf der halben Welt für Furore sorgte – gerade auch wegen seiner Frechheiten und einer Frivolität, die sich auch in schwülen jazzigen Anklängen äußerte.

Generationen verbanden Ralph Benatzkys Im weißen Rössl freilich mit dem Film von 1960 mit Peter Alexander und Waltraud Haas – und mit der veränderten Musik einer Neufassung aus der Nachkriegszeit, die manches aus der Originalversion glättete.

2008 wurden die Orchesterstimmen der Uraufführung unerwartet wiedergefunden. In dieser Form zeigte Josef Ernst Köpp linger das Stück am Gärtnerplatz-Theater vor drei Jahren. Und nun kam der „Alpenspaß“ an die Volksoper Wien: mit Volksfeststimmung schon vor der Vorstellung und vor dem Haus, einer Fremdenführerin (Helga Papouschek), die das Publikum im Foyer begrüßt und in österreichischem Englisch keine Peinlichkeit auslässt.

Mit einem szenischen Rahmen, der mit bunten Lichtern anzeigt, dass es hier zum einen sehr oft ins Revuehafte geht, zum anderen jedoch durch eine windschiefe Riesenpostkarte touristische Träume als Schäume entlarvt – ein platter Reim, der im Stück immerhin dem Herrschermund des Kaisers (Wolfgang Hübsch) entkommt.

Es ist geradezu ein Overkill an Kitsch, der sich in der Ausstattung von Rainer Sinell und in der Regie von Köpplinger explosionsartig entlädt: Der Text des Robert-Stolz-Schlagers Die ganze Welt ist himmelblau etwa wird wortwörtlich genommen. Eine Überdrehtheit bis ins Groteske straft alle Fremdenverkehrsidylle Lügen, doch gleichzeitig ist mit Tempo und szenischer Präzision dafür gesorgt, dass die Pointen funktionieren: frech, respektlos, doppelbödig und mit dem nötigen Herzschmerz. So wechseln im Publikum, wo viele in Tracht sitzen, Lachtränen und Rührung.

Wundersame Symbiose

Die unmögliche Liebe zwischen der Rössl-Wirtin Josepha und dem Zahlkellner Leopold servieren Sigrid Hauser und Daniel Prohaska zwar mit dem einen oder anderen stimmlichen Kompromiss. Prohaska kauft man Liebeswahn und Seelenpein aber ebenso ab wie Hauser die allmählich auftauende Bissgurn.

Was woanders in ein hoffnungsloses Nebeneinander von so lala singenden Schauspielern und holpernd sprechenden Sängern ausartet, wird an der Volksoper zu einer wundersamen Symbiose geführt: So steht der potente Tenor von Carsten Süss (Doktor Siedler) ebenbürtig neben dem präzise albernden Burgschauspieler Markus Meyer (Sigismund), die in Mara Mastalir (Ottilie) und Juliette Khalil (Klärchen) Herzensdamen finden, die auch vokal zu beglücken vermögen. Dass manchmal die Sänger trotz Verstärkung an Grenzen stoßen, liegt eher an der schwierigen Akustik im ehemaligen Kaiser-Jubiläums-Stadttheater als an Michael Brandstätter, der das um Jazzcombo und Zithertrio angereicherte Orchester mit Schmiss und Sinn für stilistische Buntheit dirigiert. (Daniel Ender, 7.9.2015)

  • Mit Tempo und szenischer Präzision wird "Im weißen Rössl" an der Volksoper dafür gesorgt, dass die Pointen funktionieren.
    foto: toppress austria

    Mit Tempo und szenischer Präzision wird "Im weißen Rössl" an der Volksoper dafür gesorgt, dass die Pointen funktionieren.

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