Krieg in Syrien: Ruf nach Bodentruppen

Kommentar7. September 2015, 17:39
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Ein militärisches russisches Engagement in Syrien könnte zur Rutschbahn für eine Bodenintervention auch anderer Staaten werden

Dass sich der Flüchtlingsstrom aus Syrien derartig intensiviert und auch strukturell ändert – nie waren so viele Mittelstandsfamilien mit Kindern unterwegs -, hat gleich mehrere Gründe. Einer ist sehr pragmatisch: Das Einsetzen des Herbstwetters wird die Flucht übers Mittelmeer, aber auch über Land nicht einfacher machen; wer weg will, versucht es jetzt. Dass jedoch nun vermehrt ganze Familien flüchten, ohne zuvor ein männliches Mitglied als Wegbereiter vorauszuschicken, zeigt auch, dass die meisten Syrer keinerlei Hoffnung auf eine mittelbare Verbesserung ihrer Lage sehen. Im Gegenteil, sie wissen, dass es noch schlimmer werden dürfte.

Unterschiedliche militärische und diplomatische Entwicklungen sind zurzeit zu Syrien zu verfolgen, wobei sie eine Gemeinsamkeit haben: eine Neudefinition der Rolle des Assad-Regimes, um dessen Sturz der Konflikt ja ursprünglich ausbrach. So frustrierend das für die syrische Opposition im Exil sein muss, Assads Abgang ist heute auch für ihm feindlich gesinnte Staaten nicht mehr das dringendste Anliegen. Aus "weg, und zwar sofort" ist längst ein "früher oder später" geworden.

Der Paradigmenwechsel wurde bereits 2014 eingeleitet, als die USA nicht nur im Irak – dort mit Aufforderung der Regierung –, sondern auch in Syrien mit Luftschlägen gegen den "Islamischen Staat" (IS) eingriffen, also gegen jemanden, der Assad die Macht streitig macht. Etliche andere Staaten beteiligten sich deshalb bisher in Syrien nicht: unklare Rechtslage, unklare Freund/Feind-Lage. Diese Haltung beginnt zu bröckeln. Die Anstrengungen, den IS aus der Luft zu brechen, werden intensiviert – auch im Hinblick darauf, dass der Ruf nach Bodentruppen lauter wird.

Zu meinen, dass ein Engagement am Boden eine schnelle militärische Lösung bringen würde, ist naiver Wahnsinn. Es gibt schon viel zu viele Akteure in diesem Krieg. Aber die Diskussion läuft in diese Richtung: etwa wenn eine Pufferzone zur Türkei angedacht wird, von der jeder weiß, dass sie nicht von "moderaten Rebellenkräften" gehalten werden könnte. Der Westen wird auch aufgeschreckt durch Anzeichen, dass ihm die Russen zuvorkommen könnten: Ein militärisches russisches Engagement in Syrien, natürlich in Kooperation mit Assad, könnte zur Rutschbahn für eine Bodenintervention auch anderer Staaten werden.

Die Russen, dass sich in Syrien bereits wiederholt – etwa 2013 bei der Chemiewaffenkrise – weniger konzeptlos als der Westen gezeigt haben, wollen wohl auch ihrer diplomatischen Initiative Nachdruck verleihen. Sie haben den abenteuerlich erscheinenden Versuch gestartet, Assad und seinen erbittertsten Gegner Saudi-Arabien in einer Antiterrorallianz zusammenzuschmieden. Aber an dieser diplomatischen Front geht nicht wirklich etwas weiter, ein iranischer Vierpunkteplan verläuft im Sand, und auch die neue Uno-Initiative hebt nicht ab. Der Krieg in Syrien wird noch lange dauern, und die Flüchtlinge wissen das. (Gudrun Harrer, 7.9.2015)

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