Virtuoses Klangkraftwerk mit Zauberkünstler

7. September 2015, 17:37
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Berliner Philharmoniker und Simon Rattle in Grafenegg

Grafenegg – Was für ein Festivalfinale: Zum Abschluss ihrer kurzen Europatournee gastierten die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle erstmals in Grafenegg, und dann auch noch gleich mit zwei Konzerten.

Im ersten am Samstagabend – es wurde witterungsbedingt im Auditorium abgehalten – gab es eher selten gespielte Werke zu hören: Benjamin Brittens im Jahr 1937 uraufgeführte Variationen über ein Thema von Frank Bridge für Streichorchester sowie Dmitri Schostakowitschs beinahe zeitgleich entstandene vierte Symphonie.

Grundspannungen

Die Berliner waren natürlich großartig. Was für eine Wucht, was für eine Intensität, was für eine Spannung vom ersten Ton der Introduction an. Dann die intensive Glut der tiefen Streicher im Adagio, die kompakte Rhythmik im Marsch. Toll. Kraftvoll, fast etwas überdreht die Aria Italiana, mit Schmackes wurde die Bourrée classique getanzt, breitärschig der Beginn des Wiener Walzers, kernig das Moto perpetuo.

Die Berliner Philharmoniker, klar, sie sind ein Klangkraftwerk, musizierten auf kompakte, durchtrainiert-muskulöse Art, mit einer hohen Grundspannung und enormer Reaktionsschnelligkeit. Aber dann zauberten sie unter der Leitung ihres 60-jährigen Chefdirigenten auch immer wieder Klangwunder hin von einer Leichtigkeit, einer Eleganz, einer Subtilität, die das Herz rührte. Helle Begeisterung bei den Konzertbesuchern, darunter auch Franz Welser-Möst.

Ausnahmeklangkörper

Auch bei Schostakowitschs Vierter beeindruckte der Ausnahmeklangkörper mit stupender Virtuosität und exzellenten Solisten: weich-zart, teilweise fast schüchtern das Fagottsolo zu Beginn des Finalsatzes; der Solohornist musizierte im Mittelsatz auf eine für einen Blechbläser unerhört biegsame, gesangliche, tänzerische Art.

Dmitri Schostakowitschs Vierte ist in einer für den Komponisten enorm schwierigen Zeit entstanden; das ausufernde, heterogene Werk, das zwischen Extremen keine Mitte findet, muss nicht als sein stärkstes bezeichnet werden. So stellten sich gegen Ende trotz aller interpretatorischer Exzellenz gewisse aufmerksamkeitstechnische Abnützungserscheinungen ein. Großer Jubel nichtsdestotrotz. (Stefan Ender, 7.9.2015)

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