Wels: ÖVP-Kandidatin warb mit Koran-Zitat

8. September 2015, 09:52
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Aktion auf Facebook war oberösterreichischen Stadtpartei nicht bekannt

Güler Bilgic-Cankurtaran tritt in Wels im Rahmen der Gemeinderatswahlen am 27. September für die ÖVP an 61. Stelle an. Das wäre grundsätzlich nicht besonders außergewöhnlich. Außergewöhnlich ist jedoch, dass sie auf einem Wahlplakat, das die ÖVP-Kandidatin über Facebook verbreitet hatte, mit einem Koran-Zitat warb. "Aus euch soll eine Gemeinschaft enstehen, die zum Guten aufrufen, das Rechte gebieten und das Verwerfliche verbieten. Das sind die, denen es wohl ergeht", heißt es hier mit dem Hinweis "Quran, S3/V104".

Kein offizielles ÖVP-Plakat

Auf STANDARD-Anfrage beim Welser Stadtparteiobmann Peter Csar zeigte sich dieser von der Wahlwerbeaktion überrascht. Die Partei habe das Plakat nicht in Auftrag gegeben, es handle sich um kein offizielles Werbemittel der ÖVP. Auf die Frage, ob er als ÖVP-Politiker ein Problem mit einem Koran-Zitat auf einem ÖVP-Plakat habe, meint Csar: "Wir sind eine Partei mit christlich-sozialen Wurzeln. Bei uns steht jedoch die politische Einstellung im Vordergrund, nicht die religiöse."

Csar spricht sich für die Trennung von Politik und Religion aus und meint, dass sowohl Koran-Zitate als auch Bibel-Zitate in politischer Werbung nichts verloren hätten. Der Welser ÖVP-Politiker vermutet, dass die junge Kandidatin die Aktion auch deshalb "hoch motiviert" gemacht habe, um in ihrer Community zu werben. Ihr sei sicherlich auch nicht bewusst gewesen, welche Reaktionen ein derartiges Plakat beim politischen Gegner auslösen könne. Csar will nun mit Bilgic-Cankurtaran ein Gespräch führen, Konsequenzen werde es aber keine geben.

Plakat wieder verschwunden, ÖVP-Kandidaten veröffentlicht Stellungnahme

Die Kandidatin selbst war für den STANDARD zunächst nicht erreichbar. Das Plakat ist mittlerweile aus Facebook verschwunden, stattdessen hat die ÖVP-Kandidatin die folgende Stellungnahme veröffentlicht:

"Guten Morgen!!

Viele Menschen haben mir unzählige Mitteilungen geschrieben, kennen mich aber nicht persönlich. Darum möchte ich mich kurz vorstellen: Ich bin Güler, geboren in Wels, Oberösterreich. Ich habe mich immer eingesetzt für eine erfolgreiche Integration von MigrantInnen. In meiner beruflichen Tätigkeit habe ich am BFI und beim OÖ Integrationsfond Deutsch für MigrantInnen unterrichtet. Ich bin Jugendcoach und bereite MigrantInnen auf ihre Bewerbungen vor. Ich kümmere mich gerne um jene, die besonderen Bedarf haben. Darum leiste ich seit Jahren ehrenamtlich Seelsorge im Klinikum Wels.

Ich bin erst seit etwa einem Jahr ehrenamtlich politisch engagiert. Dass die Trennung von Kirche und Staat den Staat vor kirchlicher Bevormundung und religiöser Belehrung und gleichzeitig die Kirche vor der Einmischung des Staates schützen soll, ist mir grundsätzlich bekannt. Im Wahlkampf möchte ich aktiv mitarbeiten und da kam mir auch die Idee mit dem Zitat aus dem Koran. Es war mir nicht bewusst, dass dieses nach meinem Facebook-Posting eine derartige Reaktion auslösen wird und dass auf politischer Werbung keine religiösen Statements angebracht sind. Ich möchte mich bei all jenen entschuldigen, die sich dadurch verunsichert und irritiert fühlten.

Alles Gute!"

Vorwurf der Judenfeindlichkeit

Der ÖVP-Kandidatin wurde in Zusammenhang mit ihren Facebook-Aktivitäten auch Judenfeindlichkeit vorgeworfen. Auf der Facebook-Seite hat der Grüne Efgani Dönmez eine Anzeige entdeckt, in der türkische Produkte internationalen Marken gegenübergestellt wurden – die als "jüdisch" gebrandmarkt werden, darunter Nivea, Oral B, L’Oréal und Persil.

Vom STANDARD mit dem Vorwurf konfrontiert, antwortete Bilgiç-Cankurtaran: "Ich bin grundsätzlich gegen Krieg! Bin für Welt Offenheit und Friede! Mehr möchte ich nicht schreiben! Danke für Ihr Verständnis."

(ras, cs, 8.9.2015)

  • Das Plakat von Güler Bilgic-Cankurtaran, das sie auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte.
    screenshot: derstandard.at (facebook.com/guler.bilgiccankurtaran)

    Das Plakat von Güler Bilgic-Cankurtaran, das sie auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte.

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