Hasspostings: Von guten Bürgern und rechten Taten

Userkommentar5. Oktober 2015, 09:45
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In Reaktionen gilt es, Emotionen zu beherrschen und reflekiert auf das Gegenüber und die Themen einzugehen

Dieser Tage geziemt es sich für den guten Bürger, zu den aktuellen Entwicklungen in der Flüchtlingsfrage Stellung zu nehmen; besser noch, aktiv zu werden und sich dem Kampf gegen den rechten Mob anzuschließen. Dabei kommt es vermehrt zu einem Phänomen, das kritisch hinterfragt werden sollte.

Eine Aussage Armin Wolfs – "Es gibt schon schöne Trotteln" – in der "ZiB 2" sorgte Ende Juli für große Begeisterung. Gemeint war damit ein junger Mann, der in sozialen Medien üble Hetze gegen Asylsuchende verbreitete ("An die Wand stellen und ein (sic!) Kopfschuss verpassen"). Meine Kritik an beleidigenden Aussagen in Nachrichtenformaten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks war in sozialen Medien nur für wenige nachvollziehbar. Die große Masse begrüßte die "klare Stellungnahme" Wolfs.

Abwertende Reaktionen

Es gibt weitere prominente und weniger bekannte Personen, die es als adäquate Form der Reaktion sehen, Hasspostings und andere menschenverachtende Vorkommnisse entsprechend emotional und medienwirksam zu kommentieren. Dabei werden Mitbürger auch abwertend und hässlich beschimpft.

Ein Videokommentar der deutschen Komödianten Joko und Klaas zum Beispiel verbreitete sich besonders schnell in sozialen Medien: "Intelligenzflüchtlinge", "erbärmliche Trottel" "Ihr seid die Dummheit". Gerechtfertigt wird dieser Ton wohl mit der Begründung, die (der rechte Mob) hätten es verdient, und wir (die guten Bürger) kämpften für die gerechte Sache.

Auf Verachtung folgt Verachtung?

Es drängt sich die Frage auf, wann wir begonnen haben, uns unreflektiert auf das Niveau menschenverachtender Mitbürger zu begeben und dabei auch noch das selbstgerechte Gefühl zu haben, unser Tun sei gerecht und gut. Ist die Antwort auf Böses wirklich Böses? Auf Verachtung folgt Verachtung? So sehr die Verachtung gegenüber besagten Aktivitäten auch begründet ist, glauben wir wirklich, so zu einer nachhaltigen Lösung zu kommen? Wie weit ist es mit unserer Moral her?

Ich bin zu 100 Prozent Heinz-Christian Straches Meinung, dass viele österreichische Bürger besorgt sind und Angst haben. Wie wollen wir jedoch mit dieser Situation umgehen? Menschen, die aus Unsicherheit heraus, falsch informiert und fehlgeleitet, Abscheuliches tun, weiter stigmatisieren, isolieren und wie Minderwertige behandeln? Der alternative Weg ist mit Sicherheit kein leichter. Sich derer anzunehmen (das Gespräch suchen), deren Argumente ("Die nehmen uns was weg, sind kriminell" und so weiter) sachlich zu widerlegen und beständig vorzuleben, was wir selbst von ihnen erwarten: Verständnis für komplexe und schwierige Situationen. Verurteilen, ohne zu verstehen, scheint wenig sinnvoll.

Verantwortung übernehmen

Um Dinge zu ändern, braucht man eine gewisse Macht; eine Macht, die man nur erhält, wenn man Verantwortung übernimmt. Diese Mitbürger sind unsere Kinder, Geschwister und Eltern. Sie sind ein Teil Österreichs, ein Teil von uns, und sie haben das Recht, ernst genommen zu werden. Können wir uns dieser Aufgabe stellen? So, wie es eine Selbstverständlichkeit ist, sie rechtlich für ihre Aussagen und Taten mit aller Härte und Konsequenz zur Verantwortung zu ziehen, um klarzustellen, welches Niveau des Miteinanders in Österreich vom Großteil der Bevölkerung gewünscht wird, so sollte es gleichermaßen unser Selbstverständnis sein, weitsichtiger mit dem Problem umzugehen. Denn Fremdenhass ist genauso ein intrapersonelles Problem wie ein gesamtgesellschaftliches.

Raus aus der Gewaltspirale

Fernab von gewaltfreier Kommunikation wundern wir uns, warum die Gewaltspirale nicht aufhört, sich zu drehen. Wenn es am schwierigsten ist, zählen Gleichmut und Zuversicht, weniger Arroganz und Hetze, um den Herausforderungen lösungsorientiert begegnen zu können.

Schließlich stellt sich die Frage, wer größeren Schaden anrichtet: Flüchtlinge, die uns aus unserer Komfortzone "zwingen", vermeintliche Patrioten und deren rechtsextreme Eskalationen oder der konsequent falsche Umgang der guten Bürger mit einem ernsten wiederkehrenden Problem in der Gesellschaft. (Ajang Rezayati, 5.10.2015)

  • Wie reagiert man auf Hetze, etwa auf Facebook? Nicht indem man Poster beschimpft, sondern indem man mit Argumenten das Gespräch sucht.
    foto: apa/dpa/friso gentsch

    Wie reagiert man auf Hetze, etwa auf Facebook? Nicht indem man Poster beschimpft, sondern indem man mit Argumenten das Gespräch sucht.

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