"Speedy" kämpft gegen die Versteinerung in der ÖVP

7. September 2015, 11:25
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Carmen Jeitler-Cincelli, ÖVP-Stadträtin in Baden, schlägt Mütterquoten in politischen Gremien vor

Baden – Dass Carmen Jeitler-Cincelli (35) für in der ÖVP etablierte Kollegen zur echten Konkurrenz werden kann, zeigte sie 2012, als sie antrat, um im Wirtschaftsbund Baden das Ruder zu übernehmen und das "alte, versteinerte System" aufzubrechen. Nicht einmal in der Ortspartei aktiv, setzte sie sich damals in einer Kampfabstimmung gegen einen etablierten Kandidaten durch.

Als Nummer eins auf der Liste des Wahlkreises Baden / Bruck an der Leitha trat sie bei der Nationalratswahl an. Den Einzug verpasste sie dennoch: zu wenige Stimmen für die Volkspartei.

Bei den Gemeinderatswahlen 2015 war sie an zweiter Stelle hinter dem schwarzen Bürgermeister gereiht. Nach einem erfolgreichen Vorzugstimmenwahlkampf – sie erlangte mit über 250 Vorzugstimmen das zweitbeste Ergebnis – zog Jeitler-Cincelli direkt als Stadträtin für Wirtschaft und Stadtmarketing in die Badener Regierung ein. Die Mutter dreier Kinder gilt als hervorragende Netzwerkerin.

Netzwerk in Innsbruck

Mit 15 Jahren war "Speedy" – so lautet ihr Verbindungsname – Teil des Gründungsteams der christlichen Mittelschul-Mädchenverbindung Veldidena Innsbruck, später engagierte sie sich bei der Jungen ÖVP in Tirol.

Bis heute pflegt sie ihre Netzwerke von damals.

Bezirksvorsitzende von Frau in der Wirtschaft in Baden, Vorstandsmitglied des Akademikerbundes Niederösterreich, Elternvertreterin im Landesschulrat Niederösterreich, Obfrau des Badener Wirtschaftsbundes ist eine Auswahl jener Funktionen, die die Geschäftsführerin einer Werbeagentur innehat und -hatte. "Anstatt Partikularinteressen zu vertreten, müssen die Großparteien Visionen entwickeln, wie die Gesellschaft in Zukunft funktionieren kann", sagt Jeitler-Cincelli.

Fehlende Visionen

Und an solchen fehle es auch der ÖVP. An den nicht angemessenen Pensionen und den nicht hinreichend ausgebauten Kindergärten sei etwa erkennbar, dass der Staat seine Leistung zurückgeschraubt hat, "obwohl wir Länge mal Breite Steuern zahlen". Zur Flüchtlingsproblematik sagt Jeitler-Cincelli: "Der Staat erfüllt nicht einmal mehr seine humanitären Aufgaben."

Junge hätten es heute schwer, sich etwas aufzubauen. Die von der ÖVP so oft geforderte "Leistungsgerechtigkeit" ist auch für sie ein zentrales Anliegen. Die Frage der Leistungsgerechtigkeit stelle sich etwa, wenn Bezieher der Mindestsicherung mit einem zusätzlichen Gelegenheitsjob mehr verdienen als so mancher Arbeitnehmer: "Man muss mehr Anreize schaffen, damit sich Arbeit lohnt."

Vorbilder: Köstinger und Kurz

Jeitler-Cincelli will sagen, was sie denkt, ohne darauf achten zu müssen, auf Parteilinie zu sein. Dass homosexuellen Paaren bis heute eine standesamtliche Heirat verwehrt wird, hält sie für "lächerlich". Ob Quoten den Frauenanteil in der Spitzenpolitik erhöhen würden? Im Gespräch mit dem Standard schlägt sie die Einführung von Mütterquoten in politischen Gremien vor. Für Frauen mit Kinderbetreuungsaufgaben sei es im derzeitigen System sehr schwer möglich, in der Politik zu reüssieren. Die ÖVP-Abgeordnete im EU-Parlament Elisabeth Köstinger und Außenminister Sebastian Kurz nennt sie als Zukunftshoffnungen der Partei. (Katrin Burgstaller, 7.9.2015)

  • Jeitler-Cincelli: Mütterquoten für die Gremien
    foto: jeitler&partner

    Jeitler-Cincelli: Mütterquoten für die Gremien

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