"Entwicklung Chinas kaum prognostizierbar"

Interview7. September 2015, 05:30
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Einen Einbruch des Geschäfts mit China verzeichnete der Hamburger Hafen im ersten Halbjahr, der Ausblick bleibt laut Vorstand Axel Mattern unsicher

STANDARD: Welche Bedeutung hat der Hamburger Hafen für Europa?

Mattern: Bei den Umschlagszahlen ist Rotterdam in Europa der mit Abstand größte Hafen, gefolgt von Antwerpen und Hamburg. Hamburg hat ungefähr 22 Prozent Marktanteil unter den Atlantikhäfen.

STANDARD: Sie haben im ersten Halbjahr beim Containerumschlag mit China einen Rückgang um elf Prozent verzeichnet. Was sind die Ursachen?

Mattern: Rund jeder dritte Container im Hamburger Hafen kommt aus oder geht nach China. Bei China hat die Währungsproblematik zugenommen. Zuerst wurde der Yuan gegenüber dem Euro stark aufgewertet, dadurch konnten europäische Firmen schwieriger in China kaufen und die Chinesen weniger verkaufen. Wir haben aber auch allgemeine konjunkturelle Rückgänge verzeichnen können in China.

STANDARD: Wird diese Konjunkturschwäche in China anhalten?

Mattern: Das ist nur schwer zu beurteilen, denn die chinesische Regierung agiert nicht, wie es der Rest der Welt macht – also nicht unbedingt nur nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten und nicht unbedingt berechenbar. Jetzt haben sie die Währung wieder abgewertet und ein Konjunkturprogramm im Hintergrund laufen. Sie versuchen an allen Ecken und Enden lenkend einzugreifen. Daher ist die Entwicklung kaum zu prognostizieren.

STANDARD: Welche Bedeutung hat der Hamburger Hafen für Österreich?

Mattern: Fast 50 Prozent des österreichischen Containervolumens wurden 2014 über den Hamburger Hafen aus und nach Übersee verschifft. Zu den Hauptgüterarten zählen Holz, Papier, Getränke, Beschläge, Maschinen und Anlagen.

STANDARD: Wie wichtig ist im Gegenzug der österreichische Markt für den Hafen?

Mattern: Österreich nimmt eine Doppelfunktion ein: Zum einen ist Österreich im Bereich der Schiene – nach dem innerdeutschen und dem tschechischen – der drittwichtigste Markt für den Hamburger Hafen. Zum anderen nimmt Österreich eine zentrale Rolle in Südosteuropa ein, da viele Logistikunternehmen in Österreich das Headquarter für die Region haben.

STANDARD: Der Boom im Schiffsbau in den 2000er-Jahren hat zu Überkapazitäten geführt. Werden diese wieder abgebaut?

Mattern: Nein, im Gegenteil, das ist ja so absurd. Die Reedereien haben in den letzten Jahren wieder viele noch größere Schiffe bestellt. Analysten haben herausgefunden, dass man nur diese immer größeren Schiffseinheiten beschäftigen sollte, um die Stückgutkosten etwas geringer zu gestalten. Das haben alle plump gemacht und bekommen jetzt diese riesigen Schiffe ausgeliefert.

STANDARD: Wird dieser Trend zu noch größeren Schiffen anhalten?

Mattern: Was wir beobachten und was auch die OECD mit einer Studie belegt hat, ist, dass es langsam kippt. Die Spareffekte bei den Reedereien können nicht mehr erzielt werden, weil insgesamt die Mengen fehlen. Diese Riesenschiffe rechnen sich nur, wenn sie voll sind.

STANDARD: Hält der Boom bei Kreuzfahrten noch an?

Mattern: Ja, wir haben die Kreuzfahrtaktivitäten in Hamburg auf ein Vielfaches steigern können. Früher waren Kreuzfahrten ein amerikanisches Thema und für reiche und ältere Leute, das hat sich komplett gewandelt. Durch Reedereien wie Aida, wo man das mit Kind und Kegel bei 14 Tagen Vollbespaßung bezahlbar machen kann, ist eine neue Tourismus-Sparte entstanden.

STANDARD: Die gab es früher auch schon. Aber die Schiffsgrößen sind wohl heute ganz andere.

Mattern: Sie kennen sicher auch die Fernsehserie Traumschiff, die zum Teil auf der Deutschland gedreht wurde. Dieses Schiff ist so klein – als die zuletzt nach Hamburg gekommen und neben einem Aida-Schiff gelegen ist, haben wir gedacht: Was ist das denn? So eine Nussschale. (Alexander Hahn, 7.9.2015)

AXEL MATTERN ist Vorstand der Hamburger Hafen Marketing, einer internationalen Vermarktungsorganisation. Sie vertritt die Interessen der Seehafenverkehrswirtschaft Hamburgs und der Region.

  • Der Trend zu immer größeren Containerschiffen scheint wegen fehlender Mengen gebrochen. Die Riesenschiffe rechnen sich nur, wenn sie voll beladen sind.
    foto: apa/bockwoldt

    Der Trend zu immer größeren Containerschiffen scheint wegen fehlender Mengen gebrochen. Die Riesenschiffe rechnen sich nur, wenn sie voll beladen sind.

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