Wenn Aliens Hakenkreuze tragen

5. September 2015, 12:00
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Strache ließ sich von einer "Zahlenmystikerin" betreuen, blaue Funktionäre verdingen sich als Energetiker, EU-Parlamentarier glauben an Ufos

Auch erfahrene Politiker packt manchmal das Lampenfieber, selbst hartgesottene Demagogen kennen den kalten Schweiß vor dem Bühnenauftritt. Aber nur manche helfen sich mit einem "Schutzmantel bei Auftritten", wie ihn Tina Puchinger anbietet. Auch FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache vertraut der selbsternannten "Magierin". Von ihr habe er erfahren, dass der Tag der Wien-Wahl "ein ganz tolles Datum sein soll", offenbarte er im ORF-Interview.

Anders als Astrologen, die aus dem Sternenbild Lebensverläufe abzulesen glauben, kommt Puchinger gänzlich ohne Gestirne aus: Ihr reicht schon das bloße Geburtsdatum, um auf Fragen wie "Worin besteht die Aufgabe in meinem Leben?" oder "Warum habe ich immer wieder Probleme?" eine Antwort zu geben. Das Magazin News hat eine Leistungsaufstellung der "lieben Bekannten" Straches abgedruckt.

Es ist nicht der einzige Ausflug von FPÖ-Chef Strache ins Reich der Esoterik. Ob Kornkreise, Lichttherapie oder verdächtige Kondensstreifen am Himmel, die manche für "Chemtrails", also Spuren einer gezielten Wettermanipulation, halten: Den früheren Bewunderer neuheidnisch-germanischer Riten bringen jetzt "interessante Phänomene, die oftmals nicht erklärbar sind" dazu, sich die dazugehörigen Antworten bei esoterischen Lehrmeistern zu holen. Strache ist kein Einzelfall in der FPÖ.

Der Nationalratsabgeordnete Harald Jannach widmet der Frage, ob wir alle Opfer einer großen Verschwörung geheimer Mächte seien, sogar zwei parlamentarische Anfragen an die Bundesregierung. Die EU-Parlamentarierin Barbara Kappel kassierte für ein "bionisches" Wunderwässerchen 200 Euro pro Set. Und der FP-Nationalratsabgeordnete Josef Riemer lädt in seinem steirischen "Kristallhaus" zum "Feuerspucken, Sonnenanbeten und Runendeuten" ein.

Uralte Beziehung

Die Rechten und die Esoterik – das ist eine uralte vertraute Beziehung. In den esoterischen Schriften des 19. Jahrhunderts verbanden sich okkultistische Fantasien mit tief verwurzeltem Antisemitismus. Der blonde Arier als einzig wahrer Mensch, der minderwertige Jude – die Esoterikliteratur bot all diese kruden Thesen bereits, als Adolf Hitler noch nicht geboren war.

Nach 1945 vorübergehend eingeschlafen, boomt auch die rechte Esoterik heute. Deren Popstar ist der deutsche Buchautor, Herausgeber und Filmemacher Jan van Helsing, bürgerlich Udo Jan Holey. Van Helsing erzählt von Aliens, von geheimen Mächten und dem Kampf zwischen Gut und Böse, gewürzt mit ein wenig Sex und Drama. Das fasziniert viele, regelmäßig stürmt Van Helsing die Esoterikcharts. Vor allem junge Leser spricht seine Skepsis gegenüber Autoritäten aus Politik und Wirtschaft an. Ganz nebenbei werden den Lesern antisemitische Theorien eingeflößt. Politiker seien nur Marionetten, die wahren Fädenzieher seien die "Illuminati" – ein eingeschworener Zirkel aus Juden, reichen Finanziers und Freimaurern.

Wer für rechte Schlägertrupps zu schmächtig, für Pegida zu einzelgängerisch und für Tagespolitik zu desinteressiert ist, wird quasi auf der Couch ideologisiert. Es ist ein äußerst sanfter Einstieg ins rechte Milieu. Und ein Einstieg, der anfangs unbemerkt bleibt – zumal Van Helsing nun vorsichtiger formuliert, seit zwei seiner Bücher in Deutschland und der Schweiz wegen Verhetzung verboten wurden. In Österreich sind sie übrigens weiterhin frei erhältlich.

Das Gefühl, in einen elitären Zirkel eingeführt, in geheimes Wissen eingeweiht zu werden, beflügelt viele Leser. Die von Historikern wie Wolfgang Wippermann geäußerte Kritik, wonach Van Helsings Bücher von Paranoia, Verschwörungstheorien und wissenschaftlich leicht widerlegbaren Behauptungen nur so strotzten, schmettert er ab: Das sei doch nur die postwendende Ohrfeige der Obrigkeit, die allen drohe, die sich trauten, die Wahrheit anzusprechen, entgegnet er. Er spricht damit vielen aus der Seele: Der tägliche Frust über Hierarchien in Job, Behörde, Arbeitsamt, gegen die nicht rebelliert werden darf – hier findet er das ersehnte Echo.

Neonazis nutzen den anhaltenden Esoterikboom für Propagandazwecke. Auf Eso-Messen findet man Bücher von Holocaust-Leugnern und Schriften des antisemitischen Aids-Leugners Ryke Geerd Hamer. "Das Problem ist, dass es vielen Esoterikfans am politischen Bewusstsein fehlt, um das Ideologische zu erkennen", meint Roman Schweidlenka von Logo-Eso.Info, einer Sekten- und Extremismusberatung in Graz. "Sie sehen die Vortragenden und denken: Der ist eh ganz lieb."

Aufgewärmtes Judenhass-Manifest

Zwar publiziert Van Helsing durchaus Harmloses. Er hat in seiner Geheimgesellschaften-Trilogie aber auch das Manifest modernen antisemitischen Weltverschwörungsdenkens, die auch in der NS-Zeit offensiv verbreiteten Protokolle der Weisen von Zion aus dem Jahr 1903, wieder salonfähig gemacht. Zentrale Aussage: Alles Böse sei von Juden gemacht – selbst der Zweite Weltkrieg. Hitler sei nicht tot, er lauere nur in der Antarktis darauf, gemeinsam mit SS-Granden und einer Kompanie gutartiger Aliens per Ufo zurückzukehren und das Goldene Zeitalter auszurufen. Klingt absurd? "Ich kann verstehen, dass einige Menschen dieses Buch unglaubwürdig finden", schreibt ein Leser im Rezensionsforum zu Band Nummer drei, "das liegt aber doch wohl nur daran, dass wir Bürger dieser ,freien' und ,aufgeklärten' westlichen Welt durch alle Massenmedien von morgens bis abends nur belogen werden."

Die "Lügenpresse" – sie ist eingeschworenen Esoterikern und Rechtsextremen gleichermaßen Feindbild. Indem alles Wissen, das aus Zeitungen stammt, als Lüge dargestellt wird, wird man immun gegen Argumente: Jeder gut begründete Einwand speist sich ja aus Wissen, das Mainstream-Medien entnommen wurde.

"Nicht jeder, der sich für Esoterik interessiert, ist rechts", betont Schweidlenka, nur ein kleiner Teil der Esoterikszene zeige fließende Grenzen zum Rechtsextremismus. Doch lassen sich viele Kassenstürmer der esoterischen Verschwörungstheorie mühelos mit rechtem Gedankengut anreichern. Wer an Chemtrails glaubt, kann dahinter Konzerne vermuten – oder Juden und Freimaurer. Wer Impfungen nicht als Krankheitsvorsorge, sondern als schädigenden Eingriff betrachtet, kann sie als Propagandatool der Pharmaindustrie sehen – oder als Machtinstrument der Illuminati. Oft geht beides Hand in Hand.

Angewiesen auf Verschwörung

Rechtsextreme seien auf Verschwörungstheorien angewiesen, sagt der Berliner Schriftsteller und Musiker Daniel Kulla, der mit seinem Buch Entschwörungstheorie eine Systematik solcher Denkmuster erstellt hat. "Nazis und alle anderen Nationalisten nutzen und entwickeln Verschwörungserzählungen, um Risse im Weltbild zu kitten", so Kulla. Anstatt sich Problemen zu stellen, flüchte man sich in "die Annahme einer Instanz, die alles kann, alles weiß und der alles zuzutrauen ist". Verschwörungstheorien folgen dem Grundsatz, dass alles Böse von außen (oder oben) kommt – ein Weltbild, das auch nationalistischen Ideologien zugrunde liegt. Es ist eben einfacher, Schuldige für hochkomplexe Probleme zu suchen, als sich der Tatsache zu stellen, dass alles eben furchtbar kompliziert ist. Zur Ausgrenzung dieser vermeintlich Schuldigen ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Es sei kein Zufall, dass Esoterik immer beliebter werde, glaubt Schweidlenka. "Viele Menschen sind versunsichert – durch Bankenkrise, Sozialkürzungen, Asylpolitik." Esoterik bietet Gewissheit in unsicheren Zeiten.

Nicht zuletzt liefert das Geschäft mit der Pseudogewissheit seinen Anbietern hübsche Einkünfte. Eine Beratungsstunde bei "Numerologin" Tina Puchinger kostet 120 Euro. Mit 80 Euro schlägt eine "schriftliche Auswertung" zu Buche. Dafür wird viel versprochen: "Sie schreiben mir alle Fragen, die Sie haben", so Puchinger auf ihrer Webseite, "und ich werde diese beantworten." ( Maria Sterkl, 5.9.2015)

  • Ist selbst das Wetter manipuliert? Heinz-Christian Strache (FPÖ) schließt es nicht aus.
    apa/pfarrhofer

    Ist selbst das Wetter manipuliert? Heinz-Christian Strache (FPÖ) schließt es nicht aus.

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