"Mein Foto darf keinen Kindern gezeigt werden"

Interview6. September 2015, 10:00
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Wien – Eine Aufnahme vom schwulen Paar Jon und Alex, fotografiert in intimer Atmosphäre in St. Petersburg, wurde von einer Jury im Februar zum weltweit besten Pressefoto 2014 gewählt. Das Foto des Dänen Mads Nissen entstand im Rahmen einer Serie zu Homophobie in Russland. Nissens Arbeiten und viele weitere aus dem World Press Photo Award sind ab Donnerstag, 11. September, in Wien zu sehen.

STANDARD: Jon und Alex heißen die Protagonisten auf Ihrem Foto. Wie war ihre Reaktion, als sie von der Auszeichnung erfahren haben?

Nissen: Ich habe ihnen die erfreuliche Neuigkeit mitgeteilt, wollte sie aber gleichzeitig warnen, weil diese Aufmerksamkeit für sie sehr gefährlich sein kann. Es kommt regelmäßig zu gewalttätigen Attacken gegen Homosexuelle. Diese Homophobie, nicht nur in Russland, ist der Grund, warum ich diese Arbeit mache.

STANDARD: Waren Sie beim Fotografieren Gefahren ausgesetzt?

Nissen: Mein Anspruch ist, Geschichten zu machen, die mich tangieren, für die ich brenne. Der schlimmste Moment war, als ich eine gewalttätige Attacke auf einen Homosexuellen bei einer Parade miterlebt habe. Einerseits habe ich mich gefürchtet, andererseits war der Wunsch da, etwas dagegen zu tun und die unterschiedlichen Aspekte von Homophobie in Russland zu beleuchten.

STANDARD: Welche Aspekte?

Nissen: Es sind verschiedenen Arten von Gewalt. Nicht nur jene, die von jungen Menschen auf der Straße gegen Homosexuelle ausgeübt wird, sondern auch die Gewalt, die von Institutionen ausgeht – von den führenden Politikern bis zur Kirche.

STANDARD: Haben Sie diese institutionelle Gewalt persönlich erlebt?

Nissen: Nein, nicht direkt, aber jene Leute, die ich fotografiert habe. Etwa infolge des Anti-Homosexuellen-Gesetzes, das so genannte Propaganda bei Minderjährigen für nichttraditionelle sexuelle Beziehungen unter Strafe stellt. Das bedeutet, dass mein Foto keinen Kindern und Jugendlichen gezeigt werden darf, obwohl nichts Explizites, Privates zu sehen ist. Das fällt unter Zensur.

STANDARD: Können Sie Ihre Fotos in Russland in einer Ausstellung zeigen?

Nissen: Ja, es dürfen aber nur über 18-Jährige reinkommen. Die Ausstellung in Moskau im Rahmen des World Press Photo Award stand auf der Kippe. Als Sponsoren von dem Thema erfahren haben, haben viele einen Rückzieher gemacht. Druck hat in Russland viele Gesichter und zeigt sich nicht nur in rigiden Gesetzen, sondern auch über sozialen und ökonomischen Druck. Die Ausstellung konnte letztendlich mit Crowdfunding finanziert werden. Aufgabe von Journalismus ist, Information zu verbreiten, die jemand nicht veröffentlicht haben möchte. Der Kampf gegen Homophobie muss nicht nur in Russland geführt werden, sondern in vielen anderen Ländern auch.

STANDARD: Das Foto wurde in der Wohnung von Jon und Alex gemacht. In sehr intimer Atmosphäre. Wie ist es dazu gekommen?

Nissen: Als diese Aufnahme entstanden ist, habe ich bereits ein oder eineinhalb Jahre an dem Thema gearbeitet. Ich habe viel Gewalt und Depression gesehen, fotografiert, mir aber gedacht, dass irgendetwas fehlt. Eine Brücke, die alle Menschen verbindet: Liebe. Jon und Alex kannten schon meine Arbeiten, kennengelernt habe ich sie über einen gemeinsamen Freund. Nachdem wir geredet und Bier getrunken hatten, gingen wir in ihre Wohnung. Ich habe gesagt, sie sollen so tun, als wäre ich gar nicht hier.

STANDARD: Und wussten Sie in diesem Moment, DAS Foto ist es?

Nissen: Wenn ich arbeite, versuche ich, das Resultat auszublenden und meiner Intuition zu folgen. Also mehr mit dem Bauch statt mit dem Hirn. Ich vergleiche es gern mit Tanzen. Denkst du zu viel nach, verlierst du den Rhythmus. Nach dem Fotografieren war ich mir allerdings sicher, dass das ein sehr magischer, intensiver Moment war. In dieser Nacht sind hunderte Bilder entstanden.

STANDARD: In Österreich hat die "Kronen Zeitung" ein Foto mit toten Flüchtlingen in einem Lkw gedruckt. Würden Sie das machen?

Nissen: Wir sollten das Foto auf jeden Fall machen. Es ist ein wichtiges Dokument. Ob solche Fotos gedruckt werden sollen, kommt auf den Kontext an. Die Herausforderung ist, die Leser nicht zu verstören, sie aber so zu bewegen, dass es sie berührt. Das ist die Latte, die ich mir selbst lege. Ich habe viele Sachen fotografiert, für die ich schockierendere Fotos hätte nehmen können, aber Leute würden die Seite überblättern oder sie schließen. Wir Fotografen möchten aber das Gegenteil erreichen.

STANDARD: Die Gesichter wurden unverpixelt gezeigt.

Nissen: Von einer sehr argen Situation kann man ein anderes Bild machen. Wenn ich Tote oder ein Begräbnis dokumentieren soll, ist das interessante Foto nicht jenes mit den Leichen drauf, sondern jenes mit der Umgebung. (Oliver Mark, 6.9.2015)

Zur Person:

Mads Nissen (35) arbeitet derzeit für die dänische Zeitung Politiken. Seine mehrfach prämierten Arbeiten führten ihn etwa in den Amazonas oder nach Afghanistan. Sein Pressefoto des Jahres und die ausgezeichneten Fotos sind ab Donnerstag (Eröffnung) in der Wiener Galerie Westlicht zu sehen. Die Ausstellung dauert bis 18. Oktober.


Links

worldpressphoto.org

westlicht.com

Ansichtssache: Die World Press Photos 2014.

Update: Da auf manchen Fotos Tote oder Verletzte zu sehen sind, wurden einige nachträglich entfernt.

foto: ap photo/mads nissen, scanpix/panos pictures

1. Platz World Press Photo of the Year und Platz 1 Contemporary Issues

Mads Nissen fotografierte das schwule Paar Jon und Alex in Sankt Petersburg.

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foto: ronghui chen

2. Platz Contemporary Issues

Ein 19-jähriger Chinese, der in einer Fabrik Weihnachtsdekoration anfertigt.

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foto: fulvio bugani

3. Platz Contemporary Issues

Transgender-Aktivistin Shinta Ratri in Indonesien.

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foto: apa/epa/sergei ilnitsky / epa

1. Platz General News Singles

Spuren des Krieges im ukrainischen Donezk, dokumentiert im August 2014.

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foto: reuters/sestini

2. Platz General News Singles

Ein Flüchtlingsboot vor der Küste Italiens.

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foto: gianfranco tripodo

3. Platz General News Singles

Ein Migrant in der Subsahara.

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foto: glenna gordon

2. Platz General News Stories

Schulkleider nach einem Angriff der Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria.

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foto: cai sheng xiang

1. Platz Daily Life Singles

Marktplatz mit Stieren in China.

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foto: apa/epa/asa sjostrom / moment ag

2. Platz Daily Life Singles

Waisen in Moldawien: Zwillingsbrüder feiern ihren Geburtstag.

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foto: malin fezehai

3. Platz Daily Life Singles

Migranten aus Eritrea heiraten in Israel.

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foto: reuters/yongzhi chu

1. Platz Nature Singles

Ein Affe wird für einen chinesischen Zirkus in China "trainiert".

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foto: ami vitale

2. Platz Nature Singles

Nashorn in Kenia.

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foto: sandra hoyn

3. Platz Nature Singles

Ein 14-jähriger Orang-Utan wartet in Indonesien auf seine Untersuchung.

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foto: apa/epa/raphaella rosella /oculi

1. Platz Portraits Singles

Eine junge Frau namens Laurinda wartet in einem Armenviertel im australischen Moree auf den Schulbus.

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foto: liu song

2. Platz Portraits Singles

Eine junge Frau in China vor ihrer Vernehmung.

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foto: lisa krantz

3. Platz Portraits Singles

"Disco-Girl": Eine Achtjährige verkleidet sich zu Halloween in San Antonio (USA).

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foto: bao tailiang

1. Platz Sports Singles

Lionel Messi blickt nach dem verlorenen Finale gegen Deutschland sehnsüchtig auf den WM-Pokal.

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foto: getty images/al bello

2. Platz Sports Singles

Odell Beckham von den New York Giants.

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foto: darcy padilla

1. Platz Long Term Projects Stories

Drogen, Alkohol, Aids und sexueller Missbrauch: "Family Love" nennt sich die Fotoserie, die in San Francisco entstand.

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foto: lu guang

2. Platz Long Term Projects Stories

Luftverschmutzung in Wuhai, einer Stadt im Autonomen Gebiet Innere Mongolei der Volksrepublik China.

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foto: kacper kowalski

3. Platz Long Term Projects Stories

Ein See in der Nähe von Gdynia (Polen).

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foto: ap/ bulent kilic

1. Platz Spot News Singles

Protestbewegung in Istanbul.

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foto: afp/bulent kilic

3. Platz Spot News Singles

Angriff auf die Terrormiliz "Islamischer Staat".

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foto: giovanni troilo

1. Platz Contemporary Issues Stories

Gasleitung in Charleroi, Belgien.

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foto: giulio di sturco,

2. Platz Contemporary Issues Stories

"Chollywood": TV-Dreh in China.

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foto: tomas van houtryve

3. Platz Contemporary Issues Stories

Training in Philadelphia, Pennsylvania.

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foto: anand varma

1. Platz Nature Stories

Krabbe und Parasiten.

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foto: national geographic/geo/christian ziegler

2. Platz Nature Stories

Orchideen.

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foto: paolo marchetti

3. Platz Nature Stories

Kaimane in Columbia (USA).

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foto: michele palazzi

1. Platz Daily Life Stories

Leben und Rohstoffsuche in der Mongolei.

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foto: sarker protick

2. Platz Daily Life Stories

"Was bleibt": Großeltern in Bangladesch.

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foto: turi calafato

3. Platz Daily Life Stories

Restaurant in Japan.

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foto: sofia valiente

1. Platz Portraits Stories

"Miracle Village": Dorf im Süden Floridas, in dem Sexualverbrecher leben.

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foto: andy rocchelli

2. Platz Portraits Stories

Russische Frauen in ihren Wohnungen.

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foto: paolo verzone

3. Platz Portraits Stories

Militärakademie im niederländischen Breda.

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foto: kieran doherty

1. Platz Sports Stories

Zaungäste beim Tennisturnier in Wimbledon.

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foto: sergei ilnitsky

2. Platz Sports Stories

Skispringen in Russland.

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foto: jérôme sessini

2. Platz Spot News Stories

Showdown auf dem Maidan-Platz in Kiew.

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