Grenzenschauen im Ortlosen

4. September 2015, 17:19
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Ein Bahnhof ist ein Ort, von dem aus man auf Reisen aufbricht. Dem im Bewusstsein der durchschnittlichen Bevölkerung mehrere Ebenen eingeräumt werden: zum Beispiel in Urlaubsorte, in Sehnsuchtsorte. Vielleicht aufs Land, damit die Kinder ein wenig Natur erfahren. Tiere streicheln. Beeren sammeln. Baden. Damit man spazieren geht und im Wald die Gedanken schweifen lässt. Allein, als Einkehr und Innenschau oder paarweise oder in Gruppen. Oder man hat eine Städtereise vor. Museumsbesuche, Flaniermeilen, ein wenig Shoppen. Vielleicht ans Meer.

Seit ein paar Tagen hat der Bahnhof wieder eine Bedeutung dazu erhalten, die fast gänzlich aus unserer Erinnerung verschwunden ist. Krieg ist hierzulande so lange her, die schrecklichen Bilder verblassen. Es ist kaum noch jemand da, der dies miterlebte, und der lange Frieden schmeckt so süß und ist so flaumig wie ein Wolkentörtchen. Der Bahnhof als Ort der Verzweiflung und des Auseinandergerissenwerdens, als Ort, an dem man alle Hoffnung statt des angepeilten Zuges fahren lässt. An dem Familien auf dem Boden schlafen, Uniformierte Menschenmengen zusammentreiben. Das ist neu im neuen Europa. Das ist, was in Ungarn aus dem Ort des Aufbruchs und der Rückkehr wurde, knapp nachdem die ersten Züge mit Flüchtlingen unerwartet die Grenze passieren durften. Ungewissheit, Panik, Erleichterung, dann wieder Panik: ein wildes Karussell.

Beeindruckend die Hilfsbereitschaft entlang der Strecke, in Wien, in Linz, in Salzburg, in Deutschland. Freiwillige, NGOs und Bahnmitarbeiter. Jugendliche, die das miterleben, begreifen die Bedeutung des Wortes Flucht erstmals ganz real.

Bei der Ausgabe der Windeln und Schnuller, der Wundsalben und Reinigungstücher einerseits die Freude über dieses offene, empathische Helfen. Andererseits die Gewissheit des Tropfens auf den heißen Stein. Viele Kinder, viele Familien. Der Stacheldraht und die Toten am Strand sind ganz nahe gerückt. Aber sie waren nie so weit weg, wie man das gerne gehabt hätte. (Julya Rabinowich, 4.9.2015)

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