Abschied vom falschen Wissen: "Die Projektmacher*innen"

4. September 2015, 16:40
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Die Museumsquartier-Reihe "Die Projektmacher*innen" bietet einen ersten Blick auf eine "Akademie des Verlernens", die bei den Wiener Festwochen 2017 zu erleben sein wird

Wien – Einmal erworbenes Wissen kann wieder verloren gehen. Ist das gut oder nicht? Tomas Zierhofer-Kin, der 2017 die ersten von ihm verantworteten Wiener Festwochen präsentiert, will diese Frage in Kooperation mit Nadine Jessen und Johannes Maile aufrollen. Das Trio gibt am Samstag einen ersten Einblick in das noch in statu nascendi befindliche Projekt "Akademie des Verlernens", und zwar zum Auftakt der vierteiligen Reihe "Die Projektmacher*innen: Szenen des Entwerfens" im Wiener Museumsquartier.

Diese Akademie stößt auf jeden Fall in schon länger aufgeheizte Zusammenhänge. Einmal wirkt da eine "Tendenz zur Leugnung des Gewussten", wie Paul Virilio in seinem Buch Universität des Desasters schreibt. Der französische Philosoph ist kein Optimist. Er kritisiert die postmoderne Mediengesellschaft scharf – und zwar an einer empfindlichen Stelle: dort, wo die Verunsicherung über das Wissen einem politischen und wirtschaftlichen Missbrauch, Desinformation und Manipulation Tür und Tor öffnet.

Zierhofer-Kin, Jessen und Maile geht es jedoch um etwas anderes. Sie fragen nach Obskurantismen in vermeintlichen Gewissheiten kultureller Art. Einem verbogenen Verstehen also, das auch zu der jämmerlichen Verunsicherung Europas angesichts des gegenwärtigen Flüchtlingsphänomens beiträgt. Sie nehmen ihre Fäden bei der Berliner Soziologin und Pädagogin María do Mar Castro Varela auf, die über die Folgen des alten und neuen Kolonialismus auf das westliche Bildungsselbstverständnis publiziert hat.

Verlernt werden soll bei der künftigen Festwochen-Akademie ein falsches Wissen, das tief sitzt, noch aus Zeiten des alten Kolonialismus stammt und postuliert, dass die westliche Kultur anderen "überlegen" sei. Auf diesem Selbstverständnis beruhte schließlich auch die mörderische Pseudowissenschaftlichkeit des Nationalsozialismus, die sich bekanntlich bis heute in rechtslastigen politischen Argumentationen auffinden lässt.

Die "Akademie des Verlernens" bezieht sich vor allem auf den neuen Kolonialismus seit den 1960er-Jahren, in dem die Ausbeutung von außereuropäischen Ländern munter weitergeht: All das muss verlernt werden. Bei der Präsentation dieses Projekts arbeitet auch der Künstler Nikolaus Gansterer als Bildgeber mit. (Helmut Ploebst, 4.9.2015)

MQ, 5. 9., 20.30

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Museumsquartier Wien

  • Den Künstler Nikolaus Gansterer interessiert die Beziehung zwischen Denken und Handeln. Für die "Akademie des Verlernens" ist er Bildgeber.
    foto: nikolaus gansterer

    Den Künstler Nikolaus Gansterer interessiert die Beziehung zwischen Denken und Handeln. Für die "Akademie des Verlernens" ist er Bildgeber.

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