PFC: Gut für die Outdoorjacke, schlecht für die Eisbärenleber

7. September 2015, 11:18
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Greenpeace-Studie weist hohe Verunreinigungen durch Per- und Polyfluorverbindungen auch in entlegenen Weltgegenden nach

Wien – Per- und Polyfluorverbindungen (PFC) haben viele praktische Eigenschaften. Sie sind schmutz-, fett- und wasserabweisend, temperaturbeständig, taugen als Gleit- und Schmierstoffe und lassen sich trotz ihrer hohen Stabilität leicht in gewünschte Formen bringen. Sie kommen in der Raumfahrttechnologie genauso zum Einsatz wie bei der Produktion von Outdoorkleidung und Pfannen mit Antihaftbeschichtung. Doch die Vorzüge haben einen hohen Preis.

In den späten 1990er-Jahren festigte sich die Annahme, dass einige PFC schädlich auf Organismen wirken. Forscher der staatlichen US-Umweltschutzbehörde EPA erkannten als eine der Ersten, dass sich Rückstände in Körpern festsetzen können und in der Folge Organfunktionen schädigen und die Krebsentwicklung begünstigen.

Tests an Labortieren zeigten, dass eine erhöhte Belastung mit der als Perfluoroctansulfonat (PFOS) bekannten Variante zu embryonalen Entwicklungsstörungen führt und die Wahrscheinlichkeit von Totgeburten steigert. Auch in Blut und Muttermilch sind die Verbindungen langfristig nachweisbar. Bei Eisbären stieg die Belastung der Leber mit PFOS von 454 bis 1474 ng/g im Jahr 1990 auf 2108 bis 3868 ng/g im Jahr 2006.

2000-jährige Halbwertszeit

Der menschliche Körper baut PFC selbstständig nur sehr langsam ab. Wenn er ihnen laufend ausgesetzt ist, kumuliert er die Stoffe vielmehr. Mit Ausnahme der vergangenen Jahrzehnte gab es in der Evolution auch keinen Grund, eine Abbaufunktion zu etablieren. Denn in der Natur kommen die Verbindungen nicht vor. Sie werden vom Menschen geschaffen, indem die an Kohlenstoffketten verknüpften Wasserstoffatome in einem mehrstufigen Verfahren vollständig (perfluoriert) oder teilweise (polyfluoriert) durch Fluoratome ersetzt werden.

Um die Transformation wieder rückgängig zu machen, ist hoher Energieaufwand nötig. "Manche dieser Verbindungen können nur durch Hochtemperaturverbrennung zerstört und mit anschließender Abluftreinigung entsorgt werden", schreibt dazu das deutsche Umweltbundesamt. Diese Anstrengung nimmt heute kaum jemand in Kauf, und so verbleiben viele PFC in der Umwelt. Die Halbwertszeit der Perfluoroctansäure (PFOA) zum Beispiel beträgt in der erdnahen Atmosphäre 2000 Jahre.

foto: xia de rui/greenpeace

Dass per- und polyfluorierte Verbindungen selbst in den entlegensten Weltgegenden gebunden werden, bestätigte nun eine Erhebung der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Acht Forschungstrupps – in PFC-freier Kleidung, wie hingewiesen wird – besuchten im Mai und im Juni abgeschiedene Ort auf drei Kontinenten, um die dortigen Schnee- und Wasserreserven auf Rückstände zu testen.

Die Verbindungen wurden an allen Testorten, vom Tibetischen Hochland in China über Naturschutzgebiete im Schweizer Engadin bis zum Torres-del-Paine-Nationalpark im chilenischen Patagonien, nachgewiesen. Die höchsten Werte wurden im Tatra-Gebirge in der Slowakei und im mittelitalienischen Lago di Pilato gemessen.

foto: tomas halasz/greenpeace

"PFC kommen in der Natur nicht vor und sollten deshalb nicht in der Wildnis gefunden werden. Trotzdem bewegen sie sich in der Atmosphäre um die ganze Welt, entweder als Gas oder gebunden in Staubpartikeln, bis sie durch Regen oder Schnee ausgeschwemmt werden", heißt es in dem Bericht. PFC konnten sowohl im heurigen Schnee als auch über Jahre hinweg angesammelt in Wasserreservoirs gefunden werden.

foto: xia de rui/greenpeace

Auch wenn PFC in verschiedenen Industriezweigen zur Verwendung gelangen, ortet Greenpeace die Verantwortung vor allem bei den Herstellern von Funktions- und Outdoorbekleidung. Diese Sparte setze die Verbindungen in großen Mengen ein – und werbe gleichzeitig in Katalogen und auf Plakaten mit der unberührten Natur. Die Organisation schießt sich vor allem auf die umsatzstarken Vertreter der Branche ein.

Während kleinere Produzenten wie Paramo, Pyua, Rotauf, Fjallräven und R'adys ganze Kollektionen wasserfester Klediung ohne PFC-Einsatz anbieten, "haben führende Outdoor-Unternehmen wie The North Face, Columbia, Patagonia, Salewa und Mammut bisher wenig Verantwortung gezeigt", so Greenpeace. Jack Wolfskin und Vaude würden zumindest eine kleine Auswahl an PFC-freien Produkten anbieten. Die NGO ruft sowohl die Hersteller als auch die politisch Verantwortlichen auf, höchstzulässige Grenzmengen einzuführen und diese Regelung auch zu befolgen. (Michael Matzenberger, 7.9.2015)

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    foto: xia de rui/greenpeace
  • Greenpeace-Studie: Chemical footprints in the snow – persistent and hazardous PFCs in remote mountain regions

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