Adele Neuhauser: "Die Menschen krepieren an ihrer Abscheu"

Interview4. September 2015, 16:29
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Volkstheaterdirektorin Anna Badora hat für ihre Eröffnungspremiere "Fasching" am Samstag Fernsehstar Adele Neuhauser engagiert: Die Schauspielerin über Machtbesessenheit, Liebe und europäische Werte

STANDARD: Wie fühlen Sie sich nach doch längerer Abstinenz zurück am Theater?

Neuhauser: Es ist schon ein geiles Gefühl! Es wird viel diskutiert, hinterfragt, das gibt es beim Film kaum noch, nur wenn man sich 's wirklich erkämpft, wird vielleicht noch ein bisschen gesprochen. Ich merke, dass ich weit weg war, aber – vielleicht ist es ein blöder Vergleich – es ist wie Radfahren, das verlernt man auch nie. Ich habe nie das Theater in mir verloren, es nie aus meinem Körper herausgerissen. Ich musste es nur eine zeitlang hinter mir lassen, weil ich am Ende war mit meinen Mitteln und mich mit mir gelangweilt habe. Jetzt ist es gerade spannend mit mir (lacht). Mal schauen, ob das andere auch so empfinden.

STANDARD: Offenbar empfindet das Anna Badora auch so, die mit Ihnen nach vielen Jahren wieder zusammenarbeiten wollte. Sie kennen einander aus Deutschland.

Neuhauser: Das war 1992 Medea in Mainz, eine Wahnsinnsarbeit! Anna hatte damals die Idee, dass ich den Monolog, nachdem sich die Kinder gegen sie entschieden haben, auf Griechisch spreche, um die Fremdartigkeit von Medea zu unterstreichen. Mein Vater hat übrigens damals Grillparzer ins Neugriechisch übersetzt. Es war ein schockartiger Moment; die Verwirrung, dass da plötzlich in einer anderen Sprache geredet wird, konnte man förmlich greifen im Zuschauerraum. Das war gigantisch! Natürlich sind seither viele Jahre vergangen, ich bin eine reifere Frau geworden – was immer das auch heißen mag. Aber als Anna mich fragte, kannte ich nicht einmal den Roman und habe trotzdem sofort zugesagt. Es war klar: Wir müssen wieder miteinander arbeiten!

STANDARD: In dem Stück geht es um einen jungen Mann, Felix, einen Deserteur, der in Frauenkleidern überlebt, die Stadt sogar rettet und nach dem Krieg zurückkehrt. Sie spielen die Baronin Pisani, die ihn verkleidet. Was ist sie für eine Frau?

Neuhauser: Eine männerfressende, gefährliche Katze. Sie ist, na ja, nicht böse, aber sie weiß zu viel von den Menschen, das macht sie zynisch und machtbesessen. Was sie mit ihrer Macht anfängt, ist positiv, aber auch sehr erschreckend.

STANDARD: Positiv ist, dass sie Felix durch die Verkleidung vor den Nazis rettet?

Neuhauser: Absolut. Aber sie hat mit einigen Dingen nicht gerechnet, etwa damit, dass sie sich in diesen Burschen in gewisser Weise verliebt – falls diese Frau überhaupt zu Liebe fähig ist. Sie dachte, er würde immer unter ihrer Fuchtel bleiben. Aber er ist ihr entglitten, das hat sie ihm und vor allem sich selbst nicht verziehen. Deshalb zerbricht sie, sie zerfällt förmlich, frisst sich von innen auf.

STANDARD: Können Sie sich mit diesem Charakter anfreunden, oder halten Sie diese Frau auf Distanz?

Neuhauser: Ich habe immer die Rollen bekommen, die für meinen Gemütszustand und die Dinge, die ich noch zu lernen hatte, wichtig waren. Es hat eine Zeit gedauert, bis ich mich mit ihr angefreundet habe, weil es so gegen meine Natur geht. Aber das finde ich ja auch das Aufregende. Ich muss sie gern haben, sonst kann und darf ich sie nicht spielen. Was mir an ihr gut gefällt, ist das Unberechenbare. Da hätte ich durchaus noch Lernbedarf, viel Zeit habe ich nicht mehr, aber es wird (lacht)! Ich bin ja das genaue Gegenteil, ich bin nicht unberechenbar, sondern ein offenes Buch. Man kann mich gut lesen, die Pisani nicht. Man weiß nicht, was im nächsten Moment passiert. Sie ist überraschend gefährlich, was ja toll ist.

STANDARD: Wie viel nehmen Sie davon in Ihren Alltag mit?

Neuhauser: Sobald ich sie abgeschminkt habe, ist sie wieder weg! Da muss ich ganz schnell raus, ich rase förmlich von der Bühne und schmink mich ab. Weg! Weg! Weg mit den ganzen Attributen. Dann kann ich durchatmen und wieder ganz ich selbst sein. So sehr ich in die Rolle hineinwachse, in der Maske auch äußerlich zu ihr werde, so sehr freue ich mich, wenn ich wieder draußen bin.

STANDARD: Warum kehrt Felix eigentlich nach dem Krieg zurück? Will er als Held gefeiert werden?

Neuhauser: Nein, er ist bis zum Schluss ein Träumer, ein Idealist. Er will sich wieder einfügen, in der Heimat ein normales Leben führen. Er bleibt sich treu, alle anderen zerfleddern und zergehen in ihrer Missgunst. Das Faszinierende an dem Roman ist, dass er schonungslos aufzeigt, wie sehr das Andersartige immer wieder Angst macht, sich der Mensch, der von Angst und von Ekel vor dem anderen geprägt ist, sich selber auffrisst. Die Menschen krepieren an ihrer Abscheu.

STANDARD: Ist "Fasching" ein emanzipatorisches Stück?

Neuhauser: Nein, aber es erzählt viel über die Mechanismen einer Gesellschaft. Vorurteile, Toleranz, Opfer, Täter – lauter Themen, die heute höchst brisant sind. Wo gehe ich konform, wo nicht? Bin ich ein schlechterer Mensch, weil ich wo nicht mitmache? Was sind überhaupt unsere Werte? Das müssen wir hier in Mitteleuropa noch einmal ganz deutlich besprechen!

STANDARD: Was sind denn unsere Werte?

Neuhauser: Meinungsfreiheit! Demokratie! Dass jeder das Recht hat, so zu leben, wie er oder sie es sich wünscht, ohne die anderen zu gefährden.

STANDARD: Sie haben einen griechischen Vater. Wie sehen Sie die Wertedebatte im Zusammenhang mit der Griechenland-Krise?

Neuhauser: Ich habe mich nie für Wirtschaft interessiert, das fing erst mit der Finanzkrise an. Und ich merke, wir sind vorn und hinten belogen und betrogen worden, die Griechen ebenso wie die Europäer. Von den Geldern, die angeblich ins griechische Volk investiert wurden, sind genau zehn Prozent bei den Menschen angekommen, den Rest haben die Banken gekriegt. Es ist klar erkennbar, wie sich die Politik von Wirtschaft und Banken abhängig macht, unsere Freiheiten beschneidet und reglementiert. Dagegen müssen wir uns wehren. Wir müssen wütend werden, den Mund aufmachen! Ich dachte immer, es geht darum, ein guter Mensch zu sein und in seiner Profession das Beste zu geben. Aber jetzt geht es um mehr! Da dürfen wir nicht feig und faul sein, sondern wir müssen die Konsequenzen ziehen und versuchen, die Zügel wieder in die Hand zu nehmen, weil: Hallo! Es geht um das Miteinander! (Andrea Schurian, 5.9.2015)

Adele Neuhauser (56) ist dreifache Romy-Preisträgerin. Die in Athen geborene Tochter eines Griechen und einer Österreicherin wirkt in zahlreichen Filmen und TV-Serien ("Vier Frauen und ein Todesfall", "Tatort") mit.

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  • In "Fasching" rettet die Baronin Pisani (Adele Neuhauser) einen jungen Deserteur (Nils Rovira-Muñoz) vor den Nazis und verliebt sich, "falls diese Frau überhaupt zu Liebe fähig ist". Premiere ist am 5.9.
    foto: apa/georg hochmuth

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  • "Wir müssen wütend werden, den Mund aufmachen!", fordert Schauspielerin Adele Neuhauser.
    foto: heribert corn

    "Wir müssen wütend werden, den Mund aufmachen!", fordert Schauspielerin Adele Neuhauser.

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