Berlin-Usedom-Radweg: Broiler und Kaiserbahnhof

6. September 2015, 16:04
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Berlin geht beinahe nahtlos in Wiesen, Wälder und Dörfer über, die Überraschungen wie DDR-Wochen, einen vietnamesischen Markt und kaiserliche Architektur zu bieten haben. Eine spätsommerliche Erkundungstour auf dem Berlin-Usedom-Radfernweg

Berlin! Mehr als elf Millionen Touristen kommen jedes Jahr hierher – nur ganz wenige davon, um in der deutschen Hauptstadt eine Radtour zu beginnen. Schade drum, denn nur 200 Kilometer nördlich, am anderen Ende des insgesamt 337 Kilometer langen Berlin-Usedom-Radwegs, lockt die Ostsee: die große "Badewanne der Berliner".

337 Kilometer lang ist der Radweg zwischen Berlin und der Ostseeinsel Usedom.

Es ist früher Morgen, und eine kleine Gruppe Radler schwingt sich in Berlin-Mitte in den Sattel, mit wenig mehr als Badehose, Jause und Flickzeug im Rucksack. Zwischen den Dächern von Mietskasernen und Luxuslofts reckt Fernsehturm Alex seine Spitze in den Himmel: mit 368 Metern Höhe der einzige Gipfel in Berlin und Umgebung. Es gibt viele Radwege durch die Stadt. Oft jedoch enden sie im Nirgendwo. Die Radler wechseln häufig aufs Trottoir und schlängeln sich im Slalom zwischen den Fußgängern durch. Das ist zwar verboten, in Berlin machen das aber fast alle so.

"Entschuldigen Sie, ist das Sonderzug nach Pankow..." – Udo Lindenberg hat diesen Berliner Stadtteil in den 1980er-Jahren berühmt gemacht.

Gleich hinter Prenzlauer Berg, dem ehemaligen Dichterviertel Ostberlins, wird die Stadt immer grüner. Die Morgensonne bricht sich in den Kronen alter Birken, Eichen und Erlen, als das Grüppchen an der Panke entlangradelt. Das Flüsschen ist Namenspate des Stadtteils Pankow, den der Rocksänger Udo Lindenberg in den 1980er-Jahren mit seinem Hit Sonderzug nach Pankow berühmt gemacht hat: "Ich muss da was klär’n, mit eurem Oberindianer", sang er in Anspielung auf Erich Honecker, den damaligen Staatschef der DDR: eine charmante Respektlosigkeit zur Zeit des Kalten Krieges. Damals war Pankow Regierungsviertel Ostdeutschlands; heute leben hier Wessis, denen Prenzlauer Berg zu teuer wurde.

Anders als die meisten Metropolen Europas umgibt Berlin kein Speckgürtel. Gleich hinter Pankow erstrecken sich einsame Landstriche. Wiesen, Wälder, geduckte Häuser, Feldsteinkirchen aus dem Mittelalter.

Berlin geht fast nahtlos in Wälder und Wiesen über, durch die der Radfernweg führt.

Auf einmal bremst einer der Radler so scharf, dass sic h sein Velo fast überschlägt. Er springt aus dem Sattel, rüttelt an einem Baumstamm – und ein Schwall Walnüsse prasselt herab. Begeistert füllt er den Rucksack – nun hat er die perfekte Nahrungsergänzung zu seiner Tafel Schokolade. "Berliner Frühstück", sagt er und grinst.

Hölzerne Galgenvögel

Nach einer guten Stunde Fahrt erreichen die Radler das Städtchen Bernau. Reste mittelalterlicher Mauern haben die Jahrhunderte überdauert. Von der Fassade des Hauses, in dem bis ins 19. Jahrhundert der Scharfrichter wohnte, lugen hölzerne Krähen: Galgenvögel. Im Keller sind Folterwerkzeuge ausgestellt: eiserne Masken etwa, die im Feuer zum Glühen gebracht wurden, um sie Straftätern ins Gesicht zu drücken. Gegenüber auf dem Vietnamesen-Markt gibt es heute grellbunte Billigstkleider zu kaufen.

Die Zisterzienserabtei von Chorin ist eine der vielen lohnenswerten Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke.

In Biesenthal rasten die Radler auf einer Holzbank im Schatten der knorrigen Eiche vor dem Alten Rathaus. Dann folgen sie dem Finowkanal, der ältesten künstlichen Wasserstraße Deutschlands, und bewundern einen neogotischen Wasserturm. Weiter nördlich beginnt die Uckermark, eine steinzeitlich geprägte Endmoränenlandschaft, die hügeliger ist als das direkte Umland von Berlin. Die Tour wird anstrengender. Als das Grüppchen endlich die Zisterzienserabtei von Chorin erreicht, verfärbt sich der Himmel bereits lila, und die Nacht bricht herein. Im Waldhotel hinter dem Kloster finden alle ein Zimmer.

Grasendes Mammut

Am nächsten Morgen wollen die Radler das Tempo beschleunigen. Doch schon bald sichten sie auf einer Lichtung Rehe – und an der Abzweigung vor der Ortschaft Joachimsthal grast ein Mammut. Unweit von diesem Giganten aus Plastik machen sie vor einem geschichtsträchtigen Bahnhofsgebäude die erste Rast. Züge halten hier seit 100 Jahren keine mehr. Doch gleich gegenüber lockt das Gasthaus "Zum Kaiserbahnhof". Als sie die Gaststube betreten, ruft ihnen der Kellner "Freundschaft!" zu. Flaggen, Wimpel und Pionier-Uniformen aus Ostzeiten schmücken die Wände. Messer und Gabel sind aus Aluminium, die orangen Salzstreuer aus Plastik. "Wir haben gerade DDR-Woche", erklärt Kellner Thiele.

Im "Kaiserbahnhof" in Joachimsthal wird wieder Broiler, also Hendl, das zu DDR-Zeiten so hieß, serviert.

Aus den Lautsprechern schallen Lieder der Puhdys, der Rolling Stones der DDR: Gerade läuft Geh zu ihr. Grauhaarige Damen und Herren verzehren genussvoll Broilerkeule (Hendlhaxen), Würzfleisch (Ragout) oder Gefülltes Ofenrohr (eine Art Rindsroulade). Ob auch "Kaiser-Gerichte" erhältlich seien, fragt einer der Radler. "Hatten wir mal", sagt Kellner Thiele, "lief aber nicht so."

Des Kaisers Eitelkeit

Als die Gruppe ihre Ofenrohre weggeputzt hat, führt sie Thiele, wie zur Belohnung, über den Kiesweg zum historischen Bahnhofsgebäude mit dem Adler über dem Portal. Der braun-weiße Kaiserbahnhof stammt aus dem Jahr 1898 und wurde für Wilhelm II. im Fachwerkstil errichtet. Der Kaiser habe Bequemlichkeit sehr geschätzt, und wollte direkt mit der Bahn zur Jagd fahren, erzählt Thiele, während er den holzvertäfelten Wartesaal aufsperrt. Darüber hinaus sei er recht eitel gewesen. "Seine Uniform wechselte er täglich 15-mal."

In manchen Jahren verbrachte Wilhelm II. zwei volle Monate auf der Pirsch. Als Schütze war er aber minder begabt, weiß Thiele. "Diener brachten ihm oft Hirsche, die sie vor seiner Ankunft geschossen und im Wald ausgelegt hatten, als ,seine Beute‘."

Zwei Tage bis zur Ostsee

Voller Energie nehmen die Radler die restlichen 145 Kilometer in Angriff. In zwei Tagen kann man es bei guter Kondition über den Berlin-Usedom-Radweg bis an die Ostsee schaffen. Es gibt auf der gesamten Route dennoch keine Stelle, von der nicht innerhalb von 45 Minuten ein Bahnhof erreicht ist – sollte die Kondition wider Erwarten einmal nachlassen.

foto: deutsche zentrale für tourismus / norbert krüger
Konditionsstarke Radler können es von Berlin in zwei Tagen bis zur Ahlbecker Seebrücke auf Usedom schaffen.

In Prenzlau kann man dann die majestätische, dreischiffige Marienkirche aus rotem Backstein sehen, in Anklam das faszinierende Luftfahrtmuseum, das zu Ehren des Flugpioniers Otto Lilienthal – 1848 in jenem Städtchen geboren – errichtet wurde. Schließlich erreicht man über die Zecheriner Klappbrücke die Ostsee-Insel Usedom mit ihren herrschaftlichen Villen und weißen Sandstränden.

Die Radler, die erst am Vortag in Berlin-Mitte gestartet sind, geben allerdings bereits in Warnitz auf. Nichts gegen Usedom. Aber wer sich im Spätsommer noch in den angenehm warmen Oberuckersee stürzen kann, verzichtet gerne auf die Ostsee, diese eiskalte Badewanne der Berliner. (Till Hein, 5.9.2015)

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