"Vor Sonnenuntergang": Der Heide-König aus der Bürgerstube

4. September 2015, 11:20
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Mit der Auftaktinszenierung des Wiener Josefstadt-Theaters gibt es ein Muster an Differenzierungskunst zu bewundern. Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang" erzählt vom Scheitern eines Patriarchen als bürgerlicher König Lear

Wien – Besonders verdienten Menschen errichtet man oft schon zu Lebzeiten Grabsteine. Im Haus von Geheimrat Clausen ist die Grabplatte eine schmückende Naturholzwand. Vor ihr steht ein Podest. Es glüht im Wiener Josefstadt-Theater milde und elektrisch. Der verwitwete Herr Kommerzienrat darf sich privat wie beruflich auf dem Gipfel wähnen. Der Partyrummel hat Clausens Eigenheim (Ausstattung: Karin Fritz) voll erfasst. Die lieben Kinder, unter ihnen Gewaltmenschen und Kettenraucher, bringen dem frischgebackenen Ehrenbürger ein Schubert-Ständchen dar.

Gerhart Hauptmann (1862–1946), der Autor von "Vor Sonnenuntergang", hat in Clausens titanischer Gestalt noch einmal versucht, deutsche Kultur und Wesensart zusammenzufassen. Clausen ist der Patriarch einer untergehenden Welt. 1932 rütteln bereits die Nazis an den Gitterstäben der Weimarer Regierungspaläste. Der alte Herr aber wendet sich von der eigenen Sippe mit Grauen ab. Der Schwiegersohn (Raphael von Bargen) ist ein Exponent der neuen Zeit. Manieren und Lebensart gehen mit ihm und Schwiegertochter Paula Clothilde (Martina Stilp) absehbar vor die Hunde. Die älteste Tochter (Pauline Knof) ersetzt dem rüstigen Titanen mit viel Frömmelei und Entsagungswillen die verstorbene Frau.

Regisseur Janusz Kica hat zum Auftakt der Wiener Theatersaison ein kleines Wunder der Differenzierungskunst vollbracht. Clausen (Michael König), ein Löwe mit Silbermähne, glüht vor Unrast. Die Huldigungen der Angehörigen nimmt er ungehalten entgegen. Sein Kopf brennt ihm, weil er in den eigenen Kindern die parasitären Schwächlinge erkennt. In Flammen steht auch das Herz. Clausen liebt eine noch nicht zwanzigjährige Kindergärtnerin (Martina Ebm). In ihrer Gestalt erblickt er die vermeintlich guten Seiten der neuen Zeit: Vorurteilslosigkeit, das Bestehen auf dem Wahrheitsgehalt der eigenen Gefühle. Das lässt auch verschmerzen, dass Ebm Töne der Innigkeit kaum zu Gebote stehen.

Komische Katastrophe

Kicas Inszenierung bahnt das Verhängnis vorsichtig an. Nachdem die Liebesgeschichte ein wenig ausgenüchtert heruntererzählt ist, kommt es zur entsetzlich komischen Katastrophe am deutschen Frühstückstisch. Die Rotte der Kinder verbündet sich gegen den Eindringling, die junge Inken (Ebm). Clausen bewahrt inmitten des sich anbahnenden Unheils lange Zeit Geduld und Übersicht. Die Nachkommen heucheln im blauen Dunst der Zigaretten ernste Sorgen um den liebestollen Herrn Papa.

Die Faktoten und Freunde des Kommerzienrats knastern, was die Glimmstängel hergeben – und genießen die Tragödie dieses bürgerlichen Königs Lear stillschweigend. Dem Verdammungsurteil des Greises folgt dessen unabwendbares Verhängnis. Der vor Rechtschaffenheit in den Gelenken knirschende Professorensohn (Christian Nickel), die Damen mit dem gesunden Wirklichkeitssinn (Knof, Stilp, Marina Senckel), sie alle bilden das bürgerliche Echo auf die Lear-Töchter Goneril und Regan. Jede Figur ist in dieser famosen Aufführung mit feinem Tintenstrich gezeichnet: der aasige Hausarzt (Siegfried Walther), der betuliche Justizrat (Nikolaus Okonkwo), der gespenstergleiche Kammerdiener (Alexander Waechter), der hilflose Gelehrte (André Pohl).

Bald schwebt ein Entmündigungsverfahren über Clausens ergrimmtem Haupt. Sein später Trieb kommt ihm abhanden, er selbst gerät von Sinnen. Er bettet den nackten, geschundenen Leib auf der Heide, ganz wie sein Vorgänger aus dem fernen, mittelalterlichen England. Und so gilt es anzuzeigen: Wien besitzt in der imposanten Gestalt Michael Königs einen neuen, modernen, in seiner Ohnmacht allgewaltigen König Lear. Etwas Besseres kann dieser Stadt gar nicht passieren. Lauter, ehrlich verdienter Jubel für alle Beteiligten. (Ronald Pohl, 4.9.2015)

  • Michael König als Matthias Clausen und Martina Ebm als Inken Peters in "Vor Sonnenuntergang" am Theater in der Josefstadt.
    foto: apa/theater in der josefstadt/sepp gallauer

    Michael König als Matthias Clausen und Martina Ebm als Inken Peters in "Vor Sonnenuntergang" am Theater in der Josefstadt.

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