Serhij Zhadan: "Das Land versucht, mit sich klarzukommen"

Interview7. September 2015, 05:30
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Der ukrainische Schriftsteller über seinen neuen Roman "Mesopotamien" und darüber, warum er seiner Stadt Charkiw ein literarisches Denkmal setzen wollte

Serhij Zhadans Roman "Mesopotamien" (Suhrkamp-Verlag) ist gerade in deutscher Übersetzung erschienen. Der ukrainische Schriftsteller gehört zu den beliebtesten Autoren seines Landes. Er war auch Aktivist des Euromaidan und äußert sich immer wieder kritisch zu politischen Ereignissen in der Ukraine. Zhadan lebt in der ostukrainischen Stadt Charkiw, der er mit seinem neuen Roman ein poetisches Denkmal gesetzt hat.

STANDARD: Wie ist die Atmosphäre in Ihrer Heimatstadt Charkiw? Lässt sich ein normaler Alltag leben, wenn rund 200 Kilometer entfernt ein Krieg tobt?

Zhadan: Auf den ersten Blick ist hier alles ganz normal, alles ist ruhig. Charkiw ist eine friedliche, sonnige Stadt. Die Leute gehen einfach ihrem Alltag nach. Aber wenn du genau hinschaust, bemerkst du die Leute, die bestimmte Verwaltungsgebäude mit Maschinengewehre bewachen, du siehst die Soldaten am Bahnhof, die von der Front zurückkehren oder an die Front fahren. Manchmal sieht man Militärfahrzeuge, die in Richtung Donbass fahren. Und natürlich fallen einem die großen Plakate auf, auf denen zum Beispiel zu lesen ist: "Separatismus verursacht Zerstörung." Du siehst all das und wirst daran erinnert, dass im Land Krieg herrscht – in dem jeden Tag Menschen sterben. Tatsächlich brauchen die Leute in Charkiw keine Plakate, um an den Krieg erinnert zu werden. Denn jeder hat einen Verwandten, der im Krieg kämpft, der der Armee mit Hilfslieferungen unter die Arme greift oder der sich für die Binnenflüchtlinge einsetzt. Dieser Krieg ist irgendwie seltsam. Auch für uns scheint er weit weg zu sein. Aber schon heute betrifft er fast jeden. Tatsächlich kann jeder eine Einberufung erhalten, dann wird der Krieg zum Teil deiner unmittelbaren Wirklichkeit.

STANDARD: Im vergangenen Jahr haben Sie in einem Artikel geschrieben, dass die Ukrainer den Krieg nicht als solchen sehen, dass sie sich lieber in den Alltag flüchten. Wie sieht es nach einem Jahr aus? Ist der Krieg in den Köpfen angekommen?

Zhadan: Nicht wirklich. Es gibt diejenigen, die den Krieg als solchen akzeptieren. Und solche, die die Augen vor ihm verschließen und so tun, als würde der Krieg sie nicht betreffen. Natürlich gibt es in der Gesellschaft eine gewisse Kriegsmüdigkeit, im physischen und auch im psychologischen Sinn. Wenn man ein ganzes Jahr lang in den Nachrichten immer wieder hört, wie viele Menschen umgekommen sind, ist das alles andere als leicht, selbst wenn man unter den Toten keinen Bekannten hat. Also entscheidet jeder für sich, wie er mit diesem Krieg umgeht. Einer meldet sich freiweillig an die Front, der andere versteckt sich vor der Einberufung. In diesem Augenblick gibt es einen sehr schwierigen psychologischen Moment. Es ist wichtig, dass man nicht zerbricht, dass man nicht der grassierenden Hysterie und Angst erliegt. Ich denke, dass die Ukraine damit klarkommen wird, auch um den toten Mitbürgern gerecht zu werden.

STANDARD: Sie sind im vergangenen und in diesem Jahr durch die ganze Ukraine gereist. Kann die Literatur in solchen schwierigen Zeiten eine Hilfe sein?

Zhadan: Es ist wirklich seltsam. Es scheint, dass die Kultur in Zeiten des Krieges auf "Sparflamme" gehen muss, da allen nicht sonderlich nach Kultur ist. Aber tatsächlich ist es den Menschen in jedweder Situation und unter jedweden schwierigen Bedingungen und Problemen wichtig zusammenzuhalten – nicht des Hasses, der Bosheit oder der Panik wegen, sondern wegen der Dinge, die ihre früheren friedlichen Leben untereinander verbinden, wegen der Dinge, die sie geformt haben; wegen der Literatur, der Musik oder wegen der Filme, die wichtig für sie waren. Deswegen ist es heute wichtig, sich daran zu erinnern, dass das Leben durch die Ereignisse im Kriegsgebiet und durch irgendwelche Verlautbarungen von Politikern nicht begrenzt wird und dass es im Leben weiter Gedichte und Theater geben wird. Das klingt vielleicht banal, aber es ist wahr. Deswegen ist es wichtig, dass ich meine Lesungen mache und Konzerte spiele. Für viele ist das Therapie. Wir fahren auch in die kleinen Städte im Donbass. Dort fährt normalerweise niemand hin – keine Dichter, keine Musiker. Für uns ist das wichtig, denn diese Reisen sind auch für uns eine Therapie. Das Land sucht sich und versucht, wieder mit sich klarzukommen.

STANDARD: Der Euromaidan hat viele zivilgesellschaftliche Initiativen hervorgebracht, die den Reform- und Demokratieprozess beeinflussen wollen. Ist der Enthusiasmus der Aktivisten ungebrochen? Oder kann man eine Müdigkeit erkennen, da die Übermacht der alten Politkaste und der Reformunwilligen zu groß ist?

Zhadan: Nein, nicht wirklich. Viele Initiativen bestehen weiter und entwickeln sich weiter. Sie transformieren sich entspechend der Entwicklung im Land. Einige Projekte haben sich in eine Freiwilligenbewegung umgewandelt, andere wiederum wollen direkt Po litik machen, wieder andere beschäftigen sich mit Projekten im humanitären Sektor. Es ist nicht wie 2005, als das Land nach der Orangen Revolution von einer totalen Lähmung ergriffen wurde. Viele Ukrainer verstehen, dass man die Arme nicht einfach hängen lassen darf – das Risiko, alles zu verlieren, das Land und sich selbst, ist einfach zu groß.

STANDARD: Auch in Charkiw gab es im vergangenen Jahr den Versuch von Separatisten und Milizen, die Macht zu übernehmen. Warum hat das im Vergleich zu Donezk und Luhansk nicht funktioniert?

Zhadan: Mir scheint, dass es dafür eine ganze Reihe von Gründen gibt: die Einstellung unserer lo kalen Regierung, die Stimmungen in der Bevölkerung, die Position der Machteliten und auch der Zufall. Ich bin bis heute davon überzeugt, dass die Voraussetzungen für den "Separatismus" in Luhansk oder in Donezk nicht stärker waren als in Charkiw oder in Dniprpetrwosk. Man muss aber auch sagen, dass die Idee dieses "Separatismus" eigentlich von un serem Nachbarstaat aus in unsere Wirklichkeit getragen wurde. Charkiw hatte im wohl einfach Glück – dieser sogenannte "russische Frühling" wurde hier schon sehr früh ausgemacht und aufgehalten. Deswegen ist Charkiw heute eine friedliche und sonnige Stadt. Warum das nicht in Donezk und in Luhansk gelungen ist? Diese Frage muss man Politikern, den Chefs der Milizpolizei und den Oligarchen stellen. Leider muss das Land für diese Schande, diese Feigheit und auch für eine bestimmte Gier seit mehr als einem Jahr mit Menschenleben bezahlen.

STANDARD: Sie sagen häufig über sich selbst, dass Ihre Literatur nicht sehr politisch sei. Im Gegensatz dazu sind Sie ein sehr politischer Mensch, der sich auch in Interviews und in seinem Blog politisch äußert. Reizt es Sie nicht, die aktuellen Ereignisse in einem politischen Roman aufzuarbeiten?

Zhadan: Klar, dass in letzter Zeit alle über Politik und über den Krieg reden. Es wäre komisch, wenn es anders wäre. Und klar, dass Dichter sich nicht immer mit Politik auskennen. Man sollte sie lieber über Metaphern befragen. Was politische Romane betrifft – im Prinzip: ja. Ich beginne gerade mit den Arbeiten an einem neuen Roman, der im Donbass spielen wird. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es ein ausgesprochen politischer Roman werden wird. In der heutigen Ukraine wird natürlich vieles durch die politische Brille betrachtet. Dem kann man nur schwer entkommen.

STANDARD: Titel, Sprache und Stil Ihres neuen Buchs haben etwas Episches, Poetisches, teilweise Anachronistisches. Die Geschichten erinnern an die "Märchen aus 1001 Nacht" oder an die philosophischen Betrachtungen von persischen Schreibern. Glauben Sie, dass Charkiw tatsächlich an einer Kulturgrenze liegt?

Zhadan: Natürlich ist Charkiw eine Grenzstadt, nicht nur im geografischen, sondern auch im kulturellen Sinn. Hier haben sich immer schon unterschiedliche kulturelle Schichten vermischt. Der Stil von "Mesopotamien" ist bewusst anachronistisch bzw. episch. Aber es ist nicht die Kulturlandschaft, die diesen Stil diktiert, sondern im Gegenteil – ich wollte der Stadt einen Mythos geben, einen, den ich im künstlichen Rahmen des Mythos angelegt habe, ein bisschen wie eine Predigt.

STANDARD: Wollten Sie Ihrer Heimatstadt Charkiw so ein literarisches Denkmal setzen?

Zhadan: Sicher. Mir fehlte Charkiw in der Literatur. Ungeachtet dessen, dass die Stadt einen sehr interessanten Background hat, spielt Charkiw in der Literatur eine untergeordnete Rolle. Das ist ungerecht, wie ich finde. Deswegen habe ich dieses Buch vor allem für mich geschrieben.

STANDARD: Man hat den Eindruck, dass es ein Buch ist, das schon lange in Ihrem Kopf gearbeitet hat.

Zhadan: Ja, ich habe auch schon früher versucht, über mein Charkiw zu schreiben. Aber das ist mir nur fragmentarisch gelungen. Für mich ist diese Stadt nicht einfach ein Ort, an dem ich wohne. Es ist ein Ort, wo ich mich an meinem Platz fühle. Das wollte ich beschreiben. Wobei im Buch längst nicht alles steht, was ich fühle. Es könnte eine Fortsetzung geben.

STANDARD: Das Buch scheint reifer, düsterer und vielschichtiger als alles, was Sie vorher geschrieben haben. Es geht viel um Liebe, um Tod, um die Frage nach Transzendenz. Hat das alles mit dem Alter zu tun?

Zhadan: Wenn man über 40 ist, nimmt man die meisten Dinge im Leben natürlich anders wahr, als wenn man jugendliche 20 ist. Wäre ja auch komisch, wenn es anders wäre. Deswegen unterscheiden sich die Bücher, die ich vor zehn, zwanzig Jahren geschrieben habe, natürlich vehement von dem, was ich heute schreibe. Mir gefällt die Vergänglichkeit der Zeit, mir gefällt es, das aufzuspüren und in Worte zu packen. Die Zeit ist eine sehr großzügige und interessante Sache. Man braucht keine Angst vor ihr zu haben. Es wäre sogar dumm, Angst vor der Zeit zu haben. Und auch das versuche ich in "Mesopotamien" zu erzählen.

STANDARD: Immer wieder findet man auch Stellen in den Geschichten, die etwas ausgesprochen Fantastisches haben. Nutzen Sie die Literatur, um sich darüber klar zu werden, dass das Leben mehr ist als die Wiederkehr des Alltäglichen?

Zhadan: Ich habe mich eigentlich nie ernsthaft für Mystik interessiert. Bei mir hat sie immer eine ironische Implikation. Mich interessiert es nicht, meine Gefühle zu beschreiben, sondern die meiner Charaktere. Glaub mir! Viele Leute können in diesem Leben durch Wände gehen und haben in ihren Wohnungen geheime Zimmer, wo sich gewisse Wunder zutragen. Warum sollte ich über solche Dinge nicht schreiben?

STANDARD: Das Buch ist bereits 2014 in der Ukraine erschienen. Die Arbeiten daran waren schon vor dem Beginn des Euromaidan abgeschlossen. Dennoch hat man das Gefühl, dass manche Episoden eine unheimliche Vorahnung in sich tragen. Sie sind kein Hellseher, oder?

Zhadan: Natürlich bin ich kein Hellseher. Im November 2013 war ich davon überzeugt, dass bei uns alles ganz anders kommen würde. Daher lohnt es sich nicht, in "Mesopotamien" nach Hinweisen und Vorhersagen zu suchen. Vielleicht gibt es ein Gefühl der Unvermeidbarkeit und der Logik zu allem, was uns widerfährt. Vielleicht. (Ingo Petz, ALBUM, 5.9.2015)

Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk geboren, studierte Germanistik und debütierte bereits als 17-Jähriger. Zwölf Gedichtbände, sieben Prosawerke. "Mesopotamien" (€ 23,60 / 362 Seiten) erscheint bei Suhrkamp, Frankfurt 2015

  • "Nein, ich bin kein Hellseher. Im November 2013 war ich davon überzeugt, dass bei uns alles ganz anders kommen würde."
    foto: rafal komorowski

    "Nein, ich bin kein Hellseher. Im November 2013 war ich davon überzeugt, dass bei uns alles ganz anders kommen würde."

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