Ars Electronica: Bürger-Beschwerden auf der AEC-Fassade

4. September 2015, 10:28
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Netzwerk"Connecting Cities" nutzt Medienfassaden zu künstlerischem und sozialem Austausch

Die Fassade des Ars Electronica Centers lohnt es sich ab Freitag genau zu beobachten. Ab 21 Uhr sind dort als Teil des Ars Electronica Festivals vier Arbeiten aus dem Netzwerk "Connecting Cities", das in Linz konferierte, zu sehen. Es umfasst bereits 30 Städte und untersucht das Potenzial urbaner Screens und Medienfassaden für den Austausch von künstlerischen und sozialen Inhalten.

Die APA sprach mit Dietmar Offenhuber, dessen Arbeit "Urban Entropy" bei einem Forschungsaufenthalt am Ars Electronica Futurelab entstand. Er macht darin Beschwerden von Bürgern bei der Stadt öffentlich. Die Fassade bildet die Klagen aber nicht nur ab, sondern liest sie auch vor. Damit dringt in den öffentlichen Raum, was sonst oft ins Internetverlegt wird. Der gebürtige Linzer lehrt in den Bereichen Art und Design sowie Public Policy an der Northeastern University in Boston und beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle digitale Daten und Medien für die Produktion von Stadt spielen, insbesondere in Bezug auf Konflikte rund um Infrastruktur.

Zehn Millionen Einwohner

Gerade in Megacities mit über zehn Millionen Einwohnern, die immer mehr werden, stellt sich die Frage, wie sehr sie virtuell geprägt und gesteuert werden. Den gläsernen Menschen sieht der Wissenschafter schon als Realität, besonders wenn die Verknüpfung aller Datenquellen, mit denen der Einzelne interagiert, bedacht wird. "Hier sind neue Konzepte notwendig, zum Beispiel ein Recht auf Anonymität im öffentlichen Raum", meint Offenhuber. Wobei traditionelle bürokratische Instrumente wie Meldepflicht und Ähnliches auch ziemlich invasiv seien. Allerdings sei die gläserne Stadt im Sinne von Transparenz und Open Government auch eine positive Idee. Nichtsdestotrotz denkt er, dass die Menschen in Zukunft Abwehrtaktiken und Mechanismen zum Umgang mit Überwachung entwickeln werden.

2015 leben bereits 3,4 Milliarden Menschen oder 54 Prozent der Weltbevölkerung in Städten und sie verbrauchen 80 Prozent aller Energieressourcen. Infrastrukturdienste wie Mobilität, Wasser, Sicherheit, Strom haben in den Megacities eine zentrale Rolle. "Als Tourist aus Österreich fällt einem immer zuerst auf, was alles nicht funktioniert, aber es ist eigentlich viel verblüffender, was alles trotzdem funktioniert, selbst in dieser Größenordnung", so Offenhuber über seine noch frischen Eindrücke aus der philippinischen Hauptstadt Manila (ca. zwölf Mio. Einwohner).

"Zuerst sind es vereinzelt kleine Gebäude, die dann immer erweitert werden, bis nichts mehr vom Park, vom Gehsteig übrig ist"

Öffentliche Räume seien ohne Regulativ schnell aus wachsenden Riesenstädten verschwunden. Das könne man auf Google Earth einfach nachvollziehen. "Zuerst sind es vereinzelt kleine Gebäude, die dann immer erweitert werden, bis nichts mehr vom Park, vom Gehsteig übrig ist", erklärt der 42-Jährige, der einen Doktortitel am MIT in Boston in Stadtplanung hält. Rückgängigmachen lasse sich das oft schwer, weil viele Einzelinteressen daran hingen.

Ambivalent sieht Offenhuber das Schlagwort Partizipation. Wenn Koproduktion richtig gemacht werde, könne sie zu Strukturen führen, die besser funktionieren, von den Nutzern angenommen werden, weil sie in einem demokratischeren Prozess zustande kommen. Oft werde Partizipation aber auch als Vorwand benutzt, wenn es darum gehe, die Verantwortung der öffentlichen Hand zurückzunehmen und Verantwortung für systemische Problemen zum Einzelnen zu verlagern.

Ein Gegentrend, also der Rückzug aufs Land, habe nun nicht mehr den Traum vom Einfamilienhaus als Grund wie zur Zeit der Suburbanisierung in der Nachkriegszeit, sondern sei meist eine pragmatische finanzielle Entscheidung. "Umgekehrt gesagt, ich glaube nicht, dass Städte in absehbarer Zeit an Bedeutung verlieren werden, dazu ist unser Wirtschaftssystem, unsere Kommunikationskultur, Gesellschaft viel zu sehr auf städtische Situationen ausgerichtet." Und natürlich spiele auch die Knappheit der Ressourcen hier eine große Rolle – "durch Skalierungseffekte sind Städte unterm Strich einfach effizienter, was Infrastruktur, ökologischen Impact etc. betrifft". Zudem sei das Phänomen schrumpfender Städte zu erwähnen, wobei es sich in meistens um industrielle Zentren handle, die ihre ökonomische Grundlage verloren haben. (APA, 4.9. 2015)

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