Vier Wiener in Budapest wegen Schlepperei angehalten

Video4. September 2015, 11:43
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Aktivisten wollten Menschen nach Österreich bringen – Flüchtlinge vor Zug in Bicske im Hungerstreik

Wien/Budapest – Vier Aktivisten aus Wien sind am Freitag in Budapest wegen des Verdachts der Schlepperei angehalten und auf eine Polizeistation gebracht worden. Das bestätigte Außenministeriumssprecher Martin Weiss der APA. In den kommenden 72 Stunden müssen die ungarischen Behörden nun über das weitere Vorgehen entscheiden. Den Betroffenen drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Die vier Aktivisten wurden unweit des Budapester Südbahnhofs angehalten. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie in drei Autos mehrere Flüchtlinge illegal nach Österreich bringen wollten. "Die Botschaft ist mit den Personen in Kontakt", sagte Weiss. Auch eine Rechtsvertretung wurde organisiert.

Flüchtlinge vor Zug in Bicske

Indessen setzte sich das Chaos um die Flüchtlinge in Ungarn fort. Am Bahnhof in Bicske verharren weiterhin hunderte Flüchtlinge in einem Zug, der am Donnerstag gestoppt wurde. Journalisten und freiwilligen Helfern wird weiter der Zugang verwehrt. Einige Menschen weigern sich, zu essen oder zu trinken. Die Flüchtlinge, die Tickets für den Zug gekauft haben, fordern wie der Großteil der über die Westbalkan-Route nach Ungarn gelangten Flüchtlinge, nach Deutschland ausreisen zu dürfen. Die Behörden bleiben jedoch hart und drängen weiter darauf, dass die Flüchtlinge in ein Lager gebracht werden.


Tiefpunkt

Der Umgang der ungarischen Behörden mit den tausenden in Budapest gestrandeten Flüchtlingen erreichte am Donnerstag einen Tiefpunkt. Als die Polizei die Blockade des Ostbahnhofs in der ungarischen Hauptstadt für Flüchtlinge in der Früh zumindest vorübergehend aussetzte, spielten sich auf den Bahnsteigen chaotische Szenen ab. Hunderte Flüchtlinge, die seit Tagen vor dem Gebäude ausgeharrt hatten, strömten auf die Bahnsteige. Ein Zug Richtung österreichische Grenze fuhr tatsächlich los.

fischer

Doch nur rund 40 Kilometer westlich der Hauptstadt hält die ungarische Polizei am Bahnhof Bicske den Zug Richtung Sopron plötzlich an und fordert die Reisenden zum Aussteigen auf. Polizisten und rund 20 Busse warten auf die Flüchtlinge, um sie in das nahe gelegene Flüchtlingslager zu bringen.

Lok mit Mauerfall-Branding

Es folgen dramatische Szenen: Zahlreiche Flüchtlinge weigern sich, in die Busse zu steigen. Viele schlagen gegen die Fenster und rufen "Kein Lager, kein Lager", wie ein Reuters-Reporter berichtet. Menschen werfen sich auf die Geleise, um gegen den Abtransport in das Lager zu protestieren. Auch ein zweiter Zug Richtung Györ muss später in Bicske halten. Detail am Rande: Die Garnituren werden von einer Sonderlokomotive gezogen, deren Branding an das 25-jährige Jubiläum des "Paneuropäischen Picknicks" in Sopron erinnert. Diese Kundgebung von DDR-Bürgern an der österreichisch-ungarischen Grenze hatte 1989 den Mauerfall in Berlin vorbereitet.

foto: apa/herbert p. oczeret
Donnerstagvormittag durften in Budapest hunderte Flüchtlinge in einen Zug Richtung Westen. Doch nach 40 Kilometern war alles anders: Stopp und Abtransport in ein Lager.

Als Ziel war in beiden Fällen die ungarische Grenzstadt Sopron genannt worden. Über Österreich sollten die Flüchtlinge nach München gebracht werden, hatte ein Polizist auf dem Bahnsteig erklärt. Die ungarische Eisenbahngesellschaft MAV teilte hingegen mit, es gebe bis auf weiteres keine direkten Züge von Budapest nach Westeuropa. Am Vormittag fuhren auch keine Züge von Österreich direkt in die ungarische Hauptstadt.

Keine Informationen

Am Bahnhof der 11.000-Einwohner-Stadt Bicske, bei der eines von sieben Aufnahmezentren für Flüchtlinge in Ungarn errichtet wurde, geht die Polizei am Nachmittag dann auch gegen Journalisten vor. Polizisten mit Schlagstöcken drängen Medienverteter von den Bahnsteigen. Auf Frage des STANDARD, was mit den Flüchtlingen geschehe, gibt es keine Antwort. Busse fahren vor, "Busse zum Lager", heißt es. Kombifahrzeuge bringen Verpflegung – aber nur für die Polizisten. In den stehenden Wagons sitzen immer noch Flüchtlinge, sie weigern sich auszusteigen.

"Die Flüchtlinge wurden reingelegt", sagt die grüne Nationalratsabgeordnete Alev Korun in Bicske. "Sie wurden mit falschen Versprechen zu diesem Lager gelockt." Die Menschenrechtssprecherin der Grünen wollte sich Donnerstagabend ein Bild von der Situation in Ungarn machen. "In Ungarn haben die Menschen nicht nur keine Zukunft, sondern nicht einmal ein Bett." Korun fordert von der österreichischen Regierung, die Flüchtlinge zu übernehmen. "Wenn Österreich sagen würde, dass es sich um die Leute kümmert, würden sie hier auch nicht festsitzen", meint Korun.

foto: christian fischer/standard

Die Flüchtlinge, die am Bahnhof warten, wissen nicht, wie es weitergeht. Eine syrische Familie aus Kobane hat es von dem Bahnsteig geschafft. Sie warten vor dem Bahnhofsgebäude. "Wir werden hier schlafen, wir haben nichts zu essen und nichts zu trinken", sagt eine der jungen Frauen. "Woher soll ich wissen, was passiert? Niemand spricht mit uns."

Hilfe kommt nicht an

Unterstützung aus der Zivilbevölkerung wird abgelehnt. László Szerencsés lebt seit seiner Geburt in Bicske, er hat den ganzen Tag am Bahnhof verbracht. Der Student hilft in seiner Freizeit Flüchtlingen, die in Bicske ankommen und ins nahe gelegene Flüchtlingslager kommen. "Die Menschen wissen nicht, wohin, wenn sie ankommen", sagt er. Zum Bahnhof ging er am Donnerstag, weil er in den Medien von dem gestoppten Zug gehört hatte. "Wir wollten den Flüchtlingen Essen und Wasser bringen, aber die Polizei erlaubt keinen Kontakt", erzählt der 22-Jährige. Das Wasser von der Exekutive hätten die Flüchtlinge vorab verweigert: "Sie haben gesagt, dass sie lieber verdursten und verhungern würden, als hier in Ungarn zu bleiben."

foto: christian fischer/standard

Das Verhalten der ungarischen Behörden kann er nicht nachvollziehen: "Es gibt keine Dolmetscher, die Polizei spricht nur sehr wenig Englisch, weshalb die Kommunikation mit den Flüchtlingen auch nicht funktioniert." Unter den zivilen Helfern befinde sich ein Arzt mit Arabischkenntnissen, der jedoch nicht vermitteln dürfe.

ÖBB zu Hilfe bereit

Bei der ÖBB in Wien herrschte Unklarheit über die Planungen in Ungarn. Über einen Sonderzug nach Sopron sei man nicht informiert worden, sagte ÖBB-Sprecher Michael Braun. Allerdings wurden Vorbereitungen getroffen für den Fall, dass die ungarische Bahn doch noch Züge von Budapest nach Sopron führen sollte. "Dann werden wir Doppelstockzüge, die derzeit in Wulkaprodersdorf stehen bleiben, nach Sopron verlängern", so Braun. Auf ihrer Homepage rieten die ÖBB generell von Bahnreisen nach Ungarn ab. Auch die Bahnhöfe in Salzburg und Wien bereiteten sich auf einen neuerlichen Flüchtlingsansturm vor. In Graz gab es die Auskunft, dass am Abend zwei reguläre Züge aus Sopron ankommen würden. Es gebe keine Hinweise darauf, ob unter den Passagieren auch Flüchtlinge sein werden.

Das weitere Schicksal der Flüchtlinge vom Budapester Ostbahnhof war zunächst unklar. Auch ein zweiter Zug mit Flüchtlingen an Bord fuhr vom Budapester Ostbahnhof in Richtung Sopron. Zahlreiche Menschen drängten vor Abfahrt des Zuges aber erneut aus den Waggons, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass sie auch dieser Zug nicht nach Deutschland, sondern in ein Flüchtlingslager bringen würde.

channel 4 news
Channel 4 News: A day of chaos.

Der Budapester Ostbahnhof war seit Dienstag für Flüchtlinge gesperrt. Kurz davor hatte die Polizei für wenige Stunden Kontrollen ausgesetzt, mehr als 3.000 Flüchtlinge gelangten nach Wien und München.

Faymann bestellt Botschafter ein

Die ungarische Polizei eröffnet ein neues Aufnahmelager an der ungarisch-serbischen Grenze für rund 1.000 Menschen. Es soll mit einem Zaun umgeben werden, der dem 175 Kilometer langen und viereinhalb Meter hohen Grenzzaun an der ungarisch-serbischen Grenze ähneln soll.

foto: christian fischer/standard
Endstation Bicske.

Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) hat für Freitag den ungarischen Botschafter in Österreich zu einer Aussprache bestellt. Thema: "Asyl ist ein Menschenrecht, das in allen Staaten der Europäischen Union gilt." (Oona Kroisleitner, Christian Fischer, 4.9.2015)

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