Sirenengesänge auf dem Friedhof

4. September 2015, 09:00
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Chelsea Wolfe sitzt an einem namenlosen Grab. Ihr neues Album heißt "Abyss"

Chelsea Wolfe macht es uns leicht. Ihr neues Album titelt Abyss, der Abgrund. Der gilt in der Kunst spätestens seit Georg Büchners Woyzeck als jener dunkle Ort, angesichts dessen einem das Blut in die Füße schießt. In der Popmusik wird seit jeher gerne damit gespielt, meist ist es Pose, aber gerade während der Adoleszenz ist man für das Spiel mit den schweren Zeichen besonders anfällig. Und so eine Adoleszenz kann dauern.

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Chelsea Wolfe wollen wir diese Koketterie nicht unterstellen. Gut, wenn jemand zehn Jahre lang dasselbe Lied singt, wird es redundant, aber im Falle der bleichen Kalifornierin sind wir noch nicht so weit. Sie hat sich 2013 mit Pain Is Beauty in die Oberliga der Schmerzensdamen gespielt; mit einer Mischung aus Sirenengesängen, zugedeckt vom Lärm der Gitarren, behübscht von etwas Elektronik. Live dann die Enttäuschung. Nachdem sie wegen Lampenfiebers früher gar nur mit einem Schleier vorm Gesicht auf treten konnte, ergeht sie sich nun in Figuren, die seit diversen unsäglichen Gruftie-Bands der 1980er-Jahre kaum auszuhalten sind. Das ist schade. Denn erstens spielt Wolfe bald wieder in Wien, am 15. November in der Arena. Und mit Abyss befindet sie sich möglicherweise am Zenit ihrer Kunst.

Mansons kleine Schwester

Da dröhnen derb die Gitarren, das Schlagzeug stolpert hinterher, während vorne Friedhofsglocken läuten und weitere Gitarren das Geheul vervielfachen. Mittendrin leidet Wolfe. Bleich geschminkt mit dunklen Rändern um die Augen ginge sie als kleine Schwester von Marilyn Manson durch. Musikalisch ist sie aber bei den schweren Jungs zu Hause und nicht beim Kinderfasching. Nach drei zäh-brutalen Songs sitzt sie erschöpft an einem namenlosen Grab und zupft die Akustische. American Gothic nennt man das. Schaurige Klagelieder, die in Dosen genossen ihre Wirkung nicht verfehlen. Abyss ist ihre eindrücklichste Arbeit, wenngleich sich nach mehr maligem Durchhören eine gewisse Absehbarkeit einstellt. Stumpfe Gewalt bleibt selbst in der Musik stumpf. Die Wahl ihrer Mittel variiert sie zu wenig. Für den kleinen Schauer zwischendurch reicht es aber allemal. (flu, Rondo, 4.9.2015)

  • Chelsea Wolfe: "Abyss" (Sargent House)
    cover: sargent house

    Chelsea Wolfe: "Abyss" (Sargent House)

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