Chinas Parade ist nicht nur eine Waffenschau

Ansichtssache3. September 2015, 11:17
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70 Minuten lang rollten moderne Panzereinheiten und Raketenverbände am Tiananmen-Tor in Peking vorbei, während Kampfjets, Bomber und Hubschrauber über den Platz des Himmlischen Friedens flogen. Kurz bevor die imposante Waffenschau am Donnerstag startete, nutzte Staats- und Armeechef Xi Jinping die Feiern zum 70-jährigen Sieg über den Kriegsgegner Japan auch dazu, seinen Traum von der Wiederbelebung Chinas als Große Nation und Weltmacht voranzutreiben.

Für das Vorspiel zur Parade ließ er erst einmal zwei lange rote Teppiche auslegen. Einer lag hinter dem Tiananmen-Gebäude aus und zog sich bis zum Duanmen-Tor, dem früheren traditionellen Eingang zum Kaiserpalast. Alle zur Parade angereisten Staatsgäste liefen über diesen roten Teppich, bevor sie vom Präsidentenehepaar Xi begrüßt wurden. Das Fernsehen zeigte live, wie sie dem neuem Herrscher im kaiserlichen Ambiente ihre Aufwartung machten. Erst dann bestiegen sie gemeinsam mit Xi das Tiananmen-Tor, um vom Balkon aus die Parade zu verfolgen.

Roter Teppich und Stechschritt

Der zweite rote Teppich wurde auf dem Tiananmen-Platz ausgelegt. Er führte vom Heldengedenkmal bis zum Fahnenmast. Während 56 Protokollgeschütze 70-mal Salut feuerten, um des Jubiläums des Sieges über Japan zu gedenken, marschierten Ehrengarden zum Fahnenmast, um Chinas Staatsflagge zu hissen. Sie brauchten dafür exakt 121 Stechschritte, erklärten Fernsehkommentatoren. Sie verrieten auch, warum. Diese Zahl "soll uns an das Jahr 1894 erinnern." China verlor damals den Jiawu-Krieg gegen Japan. Damit endete auch die damalige Modernisierungsphase des Landes, schrieb die Nachrichtenagentur Xinhua. "Die Niederlage von Jiawu zog China in seine dunkelste Ära."

Patriotismus und Aufrüstung

Viel Symbolik wie etwa die Zahl 56, die für Chinas Anzahl an Nationalitäten steht, und immer wieder Anspielungen auf eine ungerechte Geschichte und nationale Schmach versteckten sich in der Waffenschau. Übertriebener Patriotismus muss immer wieder als Begründung für die weitere Aufrüstung herhalten. Das gilt besonders für Chinas Marine, die im Opiumkrieg 1840 den Engländern nicht standhielt.

Doch die auf der Parade vorgeführten Waffen drohen nur Chinas Wettrüsten mit den Nachbarn anzukurbeln. Peking ist mit vielen von ihnen über Besitzansprüche in Bezug auf das Südchinesische Meer zerstritten. Die Parade verstärkte die Ängste der Anrainerstaaten. Denn Peking zeigte viele neue offensiv einsetzbare Waffen. Offizielle Berichte priesen sie auch noch an, wie etwa die "05A", ein neues bewaffnetes Amphibienfahrzeug in zweiter Generation. Oder Kampfjets, die auf Flugzeugträgern landen und in der Luft aufgetankt werden können. China könnte so bald in allen Luftregionen über dem Südchinesischen Meer operieren. Angepriesen wurde auch die Antischiff-Rakete Dongfeng-21D. Stolz schrieb Xinhua, dass diese Waffe im Ausland als "Flugzeugträger-Killer" verschrien sei.

Kerninteressen mit Waffen verteidigen

Peking bekennt sich zu seinen Offensivwaffen, seit das Militär von der Militärdoktrin der sogenannten Vorwärtsverteidigung spricht. Diese erlaube es, nationale Kerninteressen auch mit Waffengewalt "zu verteidigen". Chinas Besitzansprüche auf das Südchinesische Meer und seine Inseln werden heute als Kerninteresse Chinas definiert. Doch als Gegenargument zitiert Xinhua einen hochrangigen chinesischen Militärstrategen: "Ein Messer kann man offensiv oder defensiv nutzen." Es komme nur darauf an, ob die Strategie des Messerbesitzers friedlich ist.

Unverständliche Friedensgesten

Neben den verbalen Beteuerungen, für den Frieden zu sein, niemals zu erlauben, dass China zu Hegemonialmacht wird, und Tausender losfliegender Tauben am Ende der Parade blieben viele andere Friedensgesten für Außenstehende unverständlich. So lobten offizielle Kommentatoren Präsident Xi dafür, bei der Abnahme der Truppen keine Militärkluft, sondern einen Mao-Anzug getragen zu haben. "Das verkörpert Chinas Hoffnungen auf Frieden."

Abrüstung der Armee verkündet

Konkreter wurde Xi in einer kurzen Rede, die er ebenso wie einst Staatengründer Mao Tsetung 1949 vom Balkon des Tiananmen hielt, dann nur in einem Punkt: Chinas Armee werde den Weltfrieden beschützen, sagte er. Sie verstünde das als ihre "heilige Aufgabe". Dann rief er laut aus: "Ich verkünde hiermit: China wird seine Armee um 300.000 Mann abrüsten."

Damit folgte er seinen Vorgängern Deng Xiaoping oder Jiang Zemin, die die einst zahlenmäßig größte Armee der Welt von mehr als fünf Millionen Mann auf 2,3 Millionen Soldaten abspecken ließen. Xi will sie nun auf zwei Millionen trimmen. Noch am Abend meldeten sich im chinesischen Netz Zweifler, ob er mit seiner Ankündigung den Frieden meint oder den Startschuss für umfassende Armeereformen gegeben hat.

Armee einer aufsteigenden Globalmacht

Hongkongs "South China Morning Post" (SCMP) hatte am Dienstag über den geplanten Abbau von Soldaten, vor allem im Heer, berichtet. Peking wolle eine moderne, international einsatzfähige Armee mit schlagkräftiger Marine und Luftwaffe aufbauen, die zur Rolle des Landes als aufsteigende Globalmacht passt. Bei der Reform sollen auch die heutigen sieben Militärregionen auf vier gestrafft und reorganisiert werden.

Beobachter der Parade hatten erwartet, dass einige von Chinas pensionierten Parteiführer an der Feier des Sieges über Japan teilnehmen würden. Überraschend war, dass am Donnerstag alle kamen. Sowohl der 89-jährige Ex-Parteichef Jiang Zemin als auch Hu Jintao standen auf dem Tiananmen-Balkon, ebenso wie drei frühere Premierminister, der 87-jährige Li Peng, sein ebenso alter Nachfolger Zhu Rongji und Wen Jiabao. Blogger schrieben, dass der immer allmächtiger werdende Parteichef Xi damit Gerüchte über wachsende Differenzen in der inneren Führung zerstreuen wollte. Viele der Alten sollen mit seiner Wirtschafts- und Antikorruptionspolitk unzufrieden sein. (Johnny Erling, 3.9.2015)

foto: ap/pena

Mit 70 Schuss Salut und einer Flaggenzeremonie haben am Donnerstag in Peking die Feiern zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Asien begonnen.

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foto: reuters/lee

Aus dem Anlass hält China die größte Militärparade in der Geschichte der Volksrepublik ab. Es ist auch die erste chinesische Waffenschau zum Kriegsgedenken.


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foto: reuters/sagolj

Alle früheren Militärparaden fanden zum Jahrestag der Gründung der Volksrepublik am 1. Oktober statt. Zur Erinnerung an die Kapitulation Japans marschieren 12.000 Soldaten auf ...

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foto: ap

... 200 Militärflugzeuge fliegen über und rund 500 gepanzerte Fahrzeuge rollen durch Peking.

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Unter den rund 30 Staatsgästen ist auch Russlands Präsident Wladimir Putin.

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Mit knapp 2,3 Millionen aktiven Soldaten verfügt Chinas Volksbefreiungsarmee über die personell größte Streitmacht der Welt. Die Armee wird von der Militärmission unter dem Vorsitz von Präsident Xi Jinping (im Bild) befehligt.

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In den vergangenen Jahren hat China hohe Summen in die Modernisierung seiner Truppen gesteckt. Dieses Jahr kündigte Parteichef Xi Jinping an, die Zahl um 300.000 zu verringern. China sei "einer friedlichen Entwicklung verpflichtet".

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Auch Veteranen nahmen teil.

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Chinas Aufrüstung versetzt seine Nachbarn in Alarmbereitschaft. Mit Japan gibt es Spannungen um eine Inselgruppe im Ostchinesischen Meer.

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Im Südchinesischen Meer kritisieren Anrainerstaaten, dass China Inseln künstlich aufschüttet, auf denen Stützpunkte entstehen sollen.

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Der Himmel über Peking war während der Parade zumindest wolkenlos. Hätten sich Regenwolken angekündigt, wäre ein Fluggeschwader in Bereitschaft gewesen, das die Wolken chemisch "geimpft" hätte, um sie vorher abregnen zu lassen. (APA, red, 3.9.2015)

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