Mit dem roten Rucksack zur Jubiläumsparade in Peking

3. September 2015, 07:00
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Am Donnerstag inszeniert China zum 70. Jahrestag des Sieges über Japan ein militärisches Muskelspiel für den Frieden

Zur Wahl steht nur eine Farbe: Rot. Chinas Regierung gibt Journalisten einen Rucksack mit Überlebenshilfen mit auf den Weg. Das Logo darauf: "70 Jahre 1945 bis 2015". China feiert seinen Sieg über Japan im Zweiten Weltkrieg.

Dürfen also Korrespondenten derart ausgerüstet über Chinas größten Militär- und Waffenaufmarsch mit 12.000 Soldaten und modernsten Waffensystemen wirklich hautnah berichten? Wird Peking erlauben, neben Bodenformationen zu Artillerie, Panzer- und Raketenverbänden zu gehen und Kontakt zu den erstmals im eigenen Block marschierenden 50 Generälen aufzunehmen?

Stillsitzen in der hintersten Reihe

Nein. Trotz Rucksack und Kappe sollen auch sie auf der Zuschauertribüne stillsitzen, rechts vom Fahnenmast auf dem Tiananmen-Platz, möglichst in der hinteren Reihe. Alles, was im Rucksack steckt, ist made in China – wie angeblich auch die Waffensysteme der Parade. Statt weiterer Infos erhalten die Reporter ein Döschen Tigerbalsam und ein Fläschchen der Arzneiessenz Fengyoujing. Beide helfen gegen Kopfschmerzen, falls die Sonne zu stark brennt und lange Wartezeiten zu Unwohlsein und leichten Schwindelanfällen führen. Auch eine Packung Heilpflaster der Marke Yunan Baiyao liegt bei. Diese sind wohl gegen Blasen an den Füßen gedacht, denn um überhaupt zur Parade zu kommen, muss viel marschiert werden.

Noch nie hat sich Peking so viel Sorgen um die Sicherheit gemacht – als ob es Unheil befürchtete. Die halbe City ist gesperrt. Mittwochabend stellten die U-Bahnen, Busse und Taxis ihren Betrieb ein; Privatwagen erhielten keine Passierscheine; Geschäfte und Bürohäuser entlang des Changan-Boulevards wurden geschlossen. Selbst Anwohner entfernter Straßen durften nach 17 Uhr die Compounds nicht mehr verlassen. Nicht der geringste Vorfall darf passieren, nichts darf die Harmonie des militärischen Muskelspiels für den Frieden stören.

Sicherheitscheck um 4.30 Uhr

Der Aufmarsch startet am Donnerstag erst um 10 Uhr. Journalisten müssen sich aber schon um 4.30 Uhr vor dem Tiananmen-Platz für den ersten von mehreren Sicherheitschecks einfinden. Ein elegantes Notizbuch und ein edler Schreibstift sollen wohl mit dem harten Schicksal des Berichterstatters versöhnen.

Die Pekinger Bevölkerung ist vom Sicherheitsrummel genervt, aber sie verbringt den Tag ohnehin zu Hause: Der Tag wurde heuer zum neuen nationalen Feiertag erklärt. Schulen und Börsen bleiben bis Montag geschlossen.

Patriotismus via TV

Damit die Stimmung privat auf jeden Fall "patriotisch" bleibt, hilft das Fernsehen nach: Die staatlichen Zen-soren haben alle Sender angewiesen, bis 5. September auf Unterhaltungsprogramme zu verzichten; überall laufen Filme über Chinas Kriegsgeschichte mit Japan.

Was im Rucksack fehlt, ist ein Fernglas. Es wird viel zu schauen geben. Staatschef Xi Jinping wird die nur 30 angereisten Staatsgäste empfangen. Wichtige Regierungschefs aus Europa und den USA sind trotz Einladung ferngeblieben, weil die Parade mehr militärische Muskeln als Friedens- und Aussöhnungssignale zeigt. Neben Russlands Wladimir Putin fallen dennoch zwei westliche Politiker auf: der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder und dessen britischer Ex-Kollege Tony Blair.

Wie auf Befehl: Kaiserwetter

Zwar steckt im Rucksack auch ein Luxusregencape, doch für alle Fälle sind Fluggeschwader in Bereitschaft, um Wolken chemisch zu "impfen" und vorher abregnen zu lassen. Doch das Wetteramt gab sich am Mittwoch zuversichtlich: Das Wetter soll "klar mit leichten Wolken" und Temperaturen um 25 Grad werden. Fast Kaiserwetter, wie es Xi für seine Machtdemonstration braucht. (Johnny Erling aus Peking, 3.9.2015)

  • Voller Überlebensutensilien für die Parade: Der rote Rucksack für die Journalisten.
    foto: standard / johnny erling

    Voller Überlebensutensilien für die Parade: Der rote Rucksack für die Journalisten.

  • Monatelang wurde der Stechschritt geübt.
    foto: ap photo/ng han guan

    Monatelang wurde der Stechschritt geübt.

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