Politikerin durchbricht britische Kälte für Flüchtlinge

2. September 2015, 18:09
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Labour-Kandidatin Yvette Cooper fordert die Aufnahme von 10.000 Asylsuchenden

Erstmals hat sich eine Spitzenpolitikerin zur offiziellen britischen Flüchtlingspolitik zu Wort gemeldet. Dass Großbritannien abseits stehe, sei "unmoralisch, feige und unbritisch", glaubt die Schatteninnenministerin und Bewerberin um den Labour-Vorsitz, Yvette Cooper. Anstatt wie bisher die Einreise zusätzlicher Asylbewerber aus Syrien und anderen Bürgerkriegsländern strikt zu verweigern, solle London eine Krisenkonferenz mit betroffenen Kommunen veranstalten. "Wenn jede Stadt nur zehn Familien aufnimmt, könnten wir ganz schnell 10.000 Menschen unterbringen", lautet Coopers Rechnung.

"Plündernde Migranten"

Die konservative Regierung unter Premier David Cameron, angefeuert von der Boulevardpresse, spricht bisher vor allem von organisierter Kriminalität, weniger von humanitärer Hilfe. Bei den Tausenden von Flüchtlingen, die in notdürftigen Lagern beim französischen Kanalhafen von Calais kampieren, handele es sich um "plündernde Migranten", gab Außenminister Philip Hammond zu Protokoll. Die "illegalen Einwanderer" wollten "in unser Land einbrechen", glaubt der Regierungschef. Innenministerin Theresa May reiste kürzlich nach Frankreich, um eine engere Polizeizusammenarbeit zu beschließen.

Am Dienstagabend blockierten Migranten erneut die Gleise bei Calais, mehrere Eurostar-Züge kamen stundenlang nicht vom Fleck. "Wir saßen vier Stunden lang in der Dunkelheit ohne Klimaanlage", berichteten Reisende der BBC. "Und draußen klopften die Einwanderer ans Fenster und kletterten auf den Zug." Mehrere hundert Passagiere mussten erneute Passkontrollen über sich ergehen lassen, ehe sie mit großer Verspätung in London ankamen.

Kirchen schweigen

In der öffentlichen Diskussion gab es vor Coopers Intervention kaum abweichende Stimmen. Vor Monatsfrist protestierte der Zentralrat der Juden gegen die aggressive Sprache der Regierung, ohne aber humanitäre Hilfe anzubieten. Auch die Kirchen schweigen. Die Regierung steht auch deshalb unter Druck, weil sie seit Jahren die Zuwanderung einzudämmen verspricht. Premier Cameron nannte als Ziel eine Nettoeinwanderung von jährlich "einigen Zehntausend". Doch 2014 lag die Zahl der Neuankömmlinge um 318.000 über der Zahl jener, die dem Land den Rücken kehrten.

Einer Schätzung der London School of Economics (LSE) von 2009 zufolge halten sich zwischen 417.000 und 863.000 Menschen illegal im Vereinigten Königreich auf, wo es bis heute keine Meldepflicht gibt. Auch für legale Einwanderer, besonders aus den östlichen EU-Mitgliedsländern, bleibt das boomende Land mit zuletzt 2,5 Prozent Wachstum attraktiv. Zahlen des Innenministeriums zufolge stellten 2014 rund 31.400 Menschen auf der Insel einen Asylantrag, die wichtigsten Herkunftsländer waren Eritrea, Pakistan und Syrien. Während 85 Prozent der Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien und Eritrea eine Aufenthaltserlaubnis erhielten, wurden 78 Prozent der Antragsteller aus Pakistan abgelehnt. Zudem hat die Regierung sich bereiterklärt, aus Flüchtlingslagern an der syrischen Grenze einige Hundert Menschen aufzunehmen. (Sebastian Borger aus London, 3.9.2015)

  • Yvette Cooper hält die britische Politik gegenüber Flüchtlingen für "unmoralisch, feige und unbritisch".
    foto: imago / zuma press

    Yvette Cooper hält die britische Politik gegenüber Flüchtlingen für "unmoralisch, feige und unbritisch".

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