Fortschritt oder Verbrechen

2. September 2015, 17:40
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Uraufführung von "disPLACE" im Werk X

Wien – Der Fußboden ganz spiegelnder Glanz, zwei hochpreisige Sitzmöbelklassiker aus Kalbsleder laden zum Verweilen ein. Ohne Zweifel: Hier wohnen Luxus und guter Geschmack unter einem Dach. Doch die Dame des Hauses ist etwas unrund. Maria (sinnlich-warmer Sopran: Elena Copons) trauert unter Zuhilfenahme des einen und anderen Gläschens Weins um die Gegend, wie sie früher war: der Greißler! Das Café! Der Buchladen! "All is gone!" Mit einem zwischen Sue Ellen Ewing und Salome angesiedelten Pathos singt sich die Literaturdozentin in Rage, halb Klageweib, halb Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Schuld an allem ist der Mann. Der Immobilienentwickler Henry (voll, klangschön: Sébastien Soules) hat in Barcelonas Altstadt einen ganzen Straßenzug umgekrempelt: raus mit den alten Mietern, sanieren, rein mit den neuen Reichen. Doch der Unsensible hat nicht gecheckt, dass es genau der abgewohnte Charme des Grätzels war, der es seiner Maria so angetan hat. "Ich hab's doch nur für dich gemacht", klagt der Missverstandene. Maria ficht so viel Mühen nicht an und rauscht ab.

Themen von heute wollen die Musiktheatertage Wien verhandeln, so etwa die Problematik der Gentrifizierung alter Wohnbezirke. Fortschritt oder Verbrechen? Das von Helga Tornero konzipierte Werk displace (Regie: Peter Pawlik) zeigt dabei ein wohnräumliches Nachher/Vorher-Szenario. Die mal elegische, mal expressive Musik für den ersten Teil hat Joan Magrané Figuera komponiert, Raquel García-Tomás offeriert im zweiten gern trunkene, lallende Klänge.

Die Besetzung ist schlicht: Zwei Streichinstrumente untermalen die Kantilenen des Paars (Dirigent: Vinicius Kattah). Im zweiten Teil erlebt man rückblickend die Nacht vor der Zwangsräumung der Wohnung. Die Altmieter, eine katalanische Journalistin (Copons) und deren Freund (Soules), protestieren mit nichts weniger als ihrem Freitod gegen die Dreifaltigkeit aus Banken, korrupter Verwaltung und schönheitsgeilen Touristenscharen. Ist das nicht etwas dick aufgetragenes Opernpathos wie aus Opas Zeiten? Doch, ist es. (end, 2.9.2015)

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