Walter Reicher: "Kooperation ja, Einmischung nein"

Gespräch2. September 2015, 17:36
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Der Intendant der am Donenrstag beginnenden Haydn-Festspiele im Gespräch

Eisenstadt – Am Donnerstag startet ein Festival, das – nebst seiner Spezialisierung auf Joseph Haydn – anderen Großveranstaltungen auch etwas voraushat, worauf es gerne verzichten würde. Die Haydn-Festspiele sehen einer ungewissen Zukunft entgegen; die Stiftung Esterházy, Vermieterin des im Schloss Esterházy befindlichen Konzertsaals, will mitgestalten oder, bei Weigerung des Mieters, selbst ein Haydn-Festival abhalten. Seit längerem lodert der Konflikt, ein Druckmittel scheint der Mietvertrag zu sein, den Walter Reicher, Intendant der Festspiele, auf mehrere Jahre ausgedehnt wissen möchte. Ein Wunsch, dem aber nicht nachgekommen wird. Nun treffen Mieter und Vermieter aufeinander – beim Festival.

"Die Situation hinter den Kulissen hat keinen Einfluss auf die Festivalatmosphäre – wir werden unseren Gästen wie gewohnt besondere Konzerterlebnisse bieten", so Reicher, der davon ausgeht, dass "nach den Haydntagen wieder zum Verhandlungstisch zurückgekehrt wird." Die Fronten sind jedoch verhärtet. Ob Kooperation oder Auszug aus dem Schloss, es ist nicht klar, was die Situation entschärfen könnte. "Wenn wir über Konzepte sprechen, die für beide Seiten sinnvoll sind, steht dem grundsätzlich nichts im Wege – solange die Haydn Festspiele als künstlerisch und organisatorisch autark handelnder Partner akzeptiert werden. Kooperation ja, Einmischung nein. Alle Ideen, die sich unter diesen Prämissen inhaltlich, organisatorisch und finanziell verwirklichen lassen, werden von uns positiv aufgenommen."

Wenn die Gespräche scheitern, will Reicher nicht ohne Pläne dastehen. "Haydn ist mehr als ein Saal – die Haydn-Festspiele wird es weiterhin geben, 2016 – und wir gehen auch für 2017 davon aus – auf jeden Fall noch im Schloss Esterházy. Für die Zeit danach arbeiten wir alternativ an neuen Konzepten. Dazu mehr, wenn es so weit ist."

Dass es dann womöglich zeitgleich zwei Haydn-Festspiele geben könnte, hofft Reicher nicht. "Das Jahr hat 52 Wochen. Und ausgerechnet die zwei Wochen, in denen wir seit fast 30 Jahren die Festspiele veranstalten, sollen plötzlich diejenigen sein, in denen der Schlossvermieter selbst ein Festival macht?"

Die Haydn-Festspiele hätten sich "durch ihre Arbeit einen internationalen Namen gemacht. Tausende Freunde und Besucher wissen, dass nur, wo wir dahinter stehen, auch wirkliche Haydn-Festspiele drin sind." Über die Jahre ist nicht nur die Reputation international gewachsen. Auch, was den Interpretationsstil der Musik anbelangt, hat man hier tatsächlich wesentliche Veränderungen mitvollzogen und präsentiert. "Als wir noch Ende der 1980er anfingen, sowohl ,historisch informierte‘ Ensembles wie auch solche auf ,modernen‘ Instrumenten gleichberechtigt einzuladen, waren deren Welten noch separiert. Wir wurden sogar angefeindet, da wir für keine der beiden Seiten Stellung bezogen."

Beste Interpreten

Man wollte "einfach die besten Haydn-Interpreten der Welt einladen, unser Publikum sollte selbst die Möglichkeit direkter Vergleiche haben und selbst entscheiden, was besser gefällt. Nach dem Motto: Gestern hörte ich Christopher Hogwood mit Haydn, heute höre ich Adam Fischer, und morgen bin ich neugierig, wie das Jordi Savall mit einem ,modernen‘ Orchester spielen wird. Bei einem Bier wurde dann nach jedem Konzert darüber diskutiert. Es entwickelte sich ein richtiger Stammtisch mit Stammpublikum."

Heute sei "das alles längst ganz anders. Die gegenseitige Befruchtung der unterschiedlichen Interpretationsansätze ist fast schon eine Alltäglichkeit. Ein plakatives, akustisches Beispiel dafür: Geigen mit Stahlsaiten, aber mit aufgezogener E-Darmsaite, sie sind heute ja gar nicht mehr so ungewöhnlich." (Ljubiša Tošić, 2.9.2015)

Haydn-Festspiele, bis 13.9.

  • Im Clinch mit der Esterházy-Stiftung: Walter Reicher.

    Im Clinch mit der Esterházy-Stiftung: Walter Reicher.


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