Infineon-Chef: "Nicht gegen globalen Trend stellen"

Interview3. September 2015, 14:00
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Was bisher Menschen machten, wird von Maschinen erledigt. Warum Angst nicht angebracht ist, sagt Infineon-Chef Reinhard Ploss

STANDARD: Die Halbleiterindustrie ist der Treiber des Internets der Dinge. In Österreich und Deutschland begegnet man dem Thema eher mit Angst, statt die Chancen zu sehen. Verstehen Sie das?

Ploss: Das Internet der Dinge ist die Verbindung der realen mit der digitalen Welt. Die digitale Welt wird derzeit vor allem vonseiten Amerikas gestaltet. Damit entstehen bei manchen natürlich Ängste, dass in Zukunft noch mehr Wertschöpfung aus Europa an Amerika verlorengehen könnte.

STANDARD: Dazu kommen Befürchtungen, in der traditionellen Industrie könnten durch Digitalisierung massenhaft Jobs wegfallen.

Ploss: Das Internet der Dinge bedroht die traditionelle Industrie per se nicht, sondern bietet Chancen. Da könnte eher Gefahr aus Ländern mit niedrigeren Löhnen drohen, zum Beispiel China oder Indien. Wenn man dort sagen würde, etwa nur noch absolute Hightech-Maschinen kaufen und sonst alles selber produzieren zu wollen, hätten wir in Europa ein Problem.

STANDARD: Ist Europa beim Internet der Dinge aktiv genug?

Ploss: Man muss sich definitiv überlegen, wie man künftig Mehrwert generieren kann. Es ergibt keinen Sinn, sich gegen einen globalen Trend zu stellen. Industrie 4.0 ist viel mehr als eine nächste Generation der Automatisierung. Es geht darum, in einem Verbund möglichst rasch Wissen zu generieren, daraus zu lernen und das Erlernte sofort anzuwenden – zur Stärkung im Wettbewerb.

STANDARD: In Villach, wo Sie die neue Technologie für Halbleiter mit Galliumnitrid vorantreiben, wollten Sie ältere Technologien herausnehmen. Wie weit ist das gediehen?

Ploss: Das ist eine Strategie, die wir schon lange fahren. Viele der Technologien, die vorher in Villach im Einsatz waren, sind in unser Werk in Malaysia transferiert worden. So haben wir in Villach Platz gewonnen, um Neues zu machen. Einen kleineren Teil der Produktion haben wir an Partnerunternehmen ausgelagert. Diese Strategie werden wir weiter fahren. Am Prinzip des gemischten Innovations- und Produktionsstandorts halten wir fest. Wir sind überzeugt, dass nur in einer Produktionsumgebung neue Dinge sinnvoll entwickelt werden können.

STANDARD: Mit dem angekündigten Pilotraum Industrie 4.0 in Ihrem Werk in Villach wird erstmals in Österreich der Versuch unternommen, das Neue begreifbar zu machen. Andere Länder wie beispielsweise China investieren viel Geld, um das Thema zu pushen. Spüren Sie in Österreich auch entsprechenden Rückenwind?

Ploss: Die Industriellenvereinigung hat sich sehr engagiert, um das Thema voranzubringen und eine Plattform speziell für den Mittelstand zu bieten, zu diskutieren, zu überlegen ...

STANDARD: Ist es nicht auch ein strategisches Thema, wo der Staat gefragt ist?

Ploss: Die Frage ist, ob der Staat bei diesem Thema auch die notwendigen Kompetenzen hat. Es ist sinnvoll, wenn man mit gezielten Maßnahmen – zum Beispiel Unterstützung bei Forschung und Entwicklung sowie Schaufenster- und Plattformförderungen – zeigt, was alles möglich ist. Auch den Aufbau von Analytikkompetenz, um aus den Daten Werte zu erzeugen, hielte ich für wichtig. Ein großes Thema ist die Datensicherheit. Bei persönlichen Daten ist Österreich einen Schritt vorausgegangen. Vieles lässt sich aber nur auf europäischer Ebene lösen, mit gemeinsamen Standards.

STANDARD: Gemeinsamkeit wird gerade in der Flüchtlingspolitik vermisst, Fremdenfeindlichkeit nimmt zu. Wie kann man dem begegnen?

Ploss: Viele Menschen haben Verlustängste oder können gar nicht begreifen, was um sie herum passiert. Dennoch muss es uns durch Aufklärung gelingen, eine Willkommenskultur zu schaffen. Für den Erfolg unseres Unternehmens jedenfalls ist es essenziell, dass wir die schlauesten Köpfe der Welt bekommen. Wir haben viele gute Mitarbeiter in Österreich. Uns ist es bisher auch gelungen, Spitzenfachkräfte aus vielen anderen Ländern nach Villach zu holen. Wenn sich diese Leute bedroht fühlen und weggehen würden, wäre das ein großer Schaden. (Günther Strobl, 3.9.2015)

Reinhard Ploss (59) ist seit 2012 Chef der Infineon AG. Das Unternehmen ist 1999 durch Ausgliederung des Halbleitergeschäfts von Siemens und einen Börsengang (IPO) im Jahr 2000 entstanden. Ploss ist verheiratet und hat ein Kind.

Aufbruch vom Silicon Valley zu neuen Gipfeln

  • Reinhard Ploss: Für den Erfolg unseres Unternehmens ist es essenziell, dass wir die schlauesten Köpfe der Welt bekommen.
    foto: reuters/bader

    Reinhard Ploss: Für den Erfolg unseres Unternehmens ist es essenziell, dass wir die schlauesten Köpfe der Welt bekommen.

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