Rudolf Klein: Was noch?

3. September 2015, 10:27
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Noch mehr Schrott und Schund, abgelutschte Einheitsware, unlustiges Mediengewurstel, unerträgliche Fernsehanblicke: Das kann doch nicht alles gewesen sein! Zornesausbruch eines Konsumverdrossenen

Denn Herr Rossi sucht das Glück ...
Sucht man es, so fehlt ein Stück,
ja es fehlt ein Stück vom Glück.
Ja, Herr Rossi hat ’nen Wunsch,
Eis vom Nordpol, flambiert, mit Punsch, eine Schokoladenburg –
drei Stück Kuchen, sechs Kaffee, zwanzig Törtchen, dazu Tee –
was noch, was noch, was noch?
Ja, Herr Rossi möcht noch mehr,
so ein Auto macht was her,
auch mal Sekt, statt immer Milch –
mal wie ’n Reicher sich benehmen, in der Spielbank Geld ausgeben –
was noch, was noch, was noch?
etc.

In den 60er- und 70er-Jahren gab es eine grandiose Trickfilmserie, die Herr Rossi sucht das Glück hieß. In der Titelmelodie, in der Herr Rossi sich alle Momente des Glücks wünscht – in erster Linie natürlich die üblichen glücksversprechenden Konsumgüter – singt ein Backgroundchor begleitend immer wieder die Zeile "was noch?".

Der kritisch humorige Refrain klingt mir noch heute im Ohr.

Leider haben diese Worte für mich inzwischen eine deutlich bedrohlichere Bedeutung bekommen. Mit dem Sieg der freien Marktwirtschaft scheinen in den letzten Jahren sämtliche kulturellen Dämme gebrochen zu sein. Eine Flut von minderwertigem Schrott ergießt sich in meine Augen und Ohren. Qualität wird nur mehr in verkauften Stückzahlen gemessen. So viel zu "Was noch".

Mein Lebensgefühl ähnelt inzwischen einem häufigen Klischee aus diversen Science-Fiction-Filmen. Ei ne Minderheit lebt in Höhlen, unterirdischen Stollen und Wäldern, weil sie sich einfach nicht den Herrschenden unterwerfen will und deshalb ein karges Leben führen muss.

Dieses Gefühl kann ich inzwischen gut nachvollziehen. Ich lebe in einer Gesellschaft, die inzwischen alles, aber auch alles dem ungestörten Geschäftsgang unterwirft, die meine Interessen und Vorlieben kaum mehr bedienen will und die meine Überzeugungen seit Jahren mit Füßen tritt.

Argumentiert wird dann gerne mit der freien geschmacklichen Auswahlmöglichkeit. Die Werbebudgets sprechen allerdings eine etwas andere Sprache: Da wird fröhlich Geld in abgelutschte, von Marketingzombies empfohlene Einheitsware gepumpt. Und natürlich gelogen, was das Zeug hält.

Oder hat etwa die Landbevölkerung vor langer Zeit beschlossen, ih re traditionelle Volksmusik ge gen volkstümlichen Schleim einzutauschen? Oder haben wir alle dafür gestimmt, nur mehr dumpfe Fernsehware vor Mitternacht sehen zu wollen?

An den Schaltstellen sitzen die für das alles Verantwortlichen, die jegliche kulturelle Begeisterung vermissen lassen und die in frühkindlichen Monopolydenken steckengeblieben sind. Wenn sie mich nicht dermaßen quälen würden, wäre durchaus Mitleid angebracht.

Aber so ...

So konfrontieren sie mich weiterhin mit unlustigem Gewurstel von diversem unqualifiziertem Personal, das an fehlender Selbsteinschätzung leidet. Kunst, Medien und Werbung vermengen sich zu einem nicht mehr zu unterscheidenden Einheitsbrei, der die Vermarktung zum einzigen Ziel erkoren hat. Schlechte Musik wird durch Erhöhung der Lautstärke nicht besser – auch nicht wenn man in allen Medien lautstark verkündet, wie toll sie ist. Man verkauft bloß mehr davon.

Kleine Nischen

Um meinen Vorlieben zu frönen, muss ich nach den kleinen Nischen suchen, die es ja schon wohl noch gibt. Ich höre kleine Minderheitensender, in denen noch Menschen arbeiten, die vom System noch nicht mit dem allseits bekannten Dauerfröhlichkeitsserum geimpft wurden und deren Programm noch nicht von den Marketingexperten der Musikindustrie bestimmt wird.

Jammervolle Auftritte

Ich sehe Filme nur auf diversen DVDs, um den unerträglichen Anblick von Indern, Börserln, Lutzfami lien und Ja-natürlich-Schweinen mit von Oscarpreisträgern retuschiertem Rektum zu vermeiden, um den Anblick der mich aus den diversen Medien anglotzenden, mit Werbebotschaften beklebten minderbemittelten D-Promis zu entgehen. Menschen, die sich natürlich auch laufend in diversen Galen mit Preisen behängen, sich gegenseitig zu ihrer Mittelmäßigkeit gratulieren und ihre jammervollen Auftritte in den ewig gleichen Showformaten absolvieren.

Und ich leiste mir den Luxus, meine Musik selbst aus meinen Tonnen von Tonträgern zu wählen. Das alles ist natürlich nicht unmühsam.

Wir hier in unserem Rückzugsort wissen natürlich, dass da draußen an der Oberfläche der kulturelle Stillstand verkauft wird und die singenden Jauchehaufen regieren.

Außerhalb unserer Gehege begegnen uns ehemalige Polizisten, die sich relativ erfolglos als Skirennläufer versuchten, um dann schlussendlich als Paradeunterhalter der Nation zu fungieren. Bauernschlaue Nichtleuchten betätigen sich als lipizzaneraffine Veranstalter von Wintersportveranstaltungen, die eine Klimakata strophe als Erlösung erscheinen lassen. Selbsternannte Poeten reüssieren mit begnadeten Fremdleistungen aller Art und behübschen Glasscherbenkonzerne mit dunkler Vergangenheit.

Stierhodensaftverkäufer versuchen uns mit aller Macht ihre riefenstahleske Vorstellung von Kultur reinzupressen. Diese Aufzählung ließe sich mühelos stundenlang fortsetzen und mit dem drohenden Absingen von "Was noch?" verbinden.

Hirnlappen entfernen

Aber wie sollen wir in unserem kleinen Reservat damit umgehen? Aufgeben, dunkle Heinobrillen aufsetzen und ultradichte Ohrenstöpsel verwenden?

Die eigene Produktion einstellen? Oder nach der Karotte der Wirtschaft äugen, die alle heiligen Zeiten auch Qualität mit dickem Einkommen belohnt? Oder etwa sich der Verblödung durch Konsum ergeben und fürderhin den erhebenden Klängen von Krone Hit Radio lauschen und bei Witzen von Mario Barth lachen, David Garrett geil finden und "Post von Zwerg Nazi" lesen?

Verhaltensweisen, die man nach einer gelungenen Entfernung diverser Hirnlappen auch sicher annehmen kann. Ohne solche Maßnahmen könnte dies jedoch schwierig werden. Aber mit etwas Glück wird dann das "Was noch?"-Gedudel aus dem Hirn verschwunden sein. (Rudolf Klein, Album, 3.9.2015)

Rudolf Klein zeichnet für den STANDARD und etliche andere Printmedien, außerdem ist er als Autor tätig. Im Vorjahr erschien sein erstes Erzählbuch "Der Herr der Dinge" im Czernin-Verlag. Es schildert die Geschichte eines "Lebensautodidakten, dem die Beziehung zu Gegenständen befriedigender erscheint als jene zur nicht eben unkomplizierten Menschheit".

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