Nichts als Schlawiner in "Sedwitz"

3. September 2015, 12:36
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Von Dumpfbacken und Superhelden: In "Sedwitz" macht sich "Schlawiner"-Regisseur Paul Harather über die deutsch-deutsche Geschichte lustig

Wien – Es beginnt mit dem buchstäblichen Aufeinanderprallen der Kulturen 1988: Der Hubsi und die Debbie haben es sich im Bus gerade gemütlich gemacht und bemerken zuerst nicht, dass im Grenzturm auf der anderen Seite die Wachen mit Feldstecher rüberchauen. Woraufhin der Hubsi die Hose runterzieht und mit dem blanken Hubsi-Hintern rüberwinkt. Sozusagen unverhüllt bekommt der Genosse Major den Charakter der verkommenen Kreatur des Westens präsentiert: "Wir brauchen mehr Ernst", fordert er. "Mindestens", sagt Soldat Ralfie. Es muss was geschehen.

foto: ard
Die Debbie und der Hubsi treiben es bunt im Polizeibus.

Und es geschieht einiges. Denn der Ralfie (Thorsten Merten) bekommt einen Schlüssel, und der passt zu einer Tür, und die führt zu einem Tunnel – und der führt in den Westen. Freiheit? Die wird zuerst einmal genutzt, um dem Sohn einen Zauberwürfel zu besorgen. Zurück will man dann schon wieder.

foto: ard
Diesen Menschen muss geholfen werden.

Das ist die Ausgangslage für die an Absurditäten nicht arme Comedy Sedwitz, geschrieben und inszeniert vom Österreicher Paul Harather, der mit Indien und zuletzt mit der Serie Schlawiner heimischen Film- und Serienhumor prägte, zu sehen Donnerstag, 23.30 Uhr, ARD.

Weil die Schlawiner auch in Bayern ein Erfolg waren, wollte der BR unbedingt eine Serie von Harather. Sendeplatz und Termin standen schon bereit, aber es gab kein Buch: "Es war nicht einfach, die tragisch besetzte Ost-West-Grenze komödiantisch aufzuarbeiten. Am Ende konnten wir die Bücher Stück für Stück liefern, gerade noch rechtzeitig zum Produktionstermin", erzählt Harather. Die existenziellen Absurditäten des Daseins sind Harathers Spezialität.

Dumpfbacken und Superhelden auf beiden Seiten.

Deutsch-deutsche Befindlichkeiten zu Zeiten der Mauer nimmt er aus der Sicht eines Außenstehenden auseinander: Ihm gehe es „nicht darum, die Ossis als die dummen Dumpfbacken aussehen zu lassen und die Wessis wie coole Superhelden“, sagt er im STANDARD-Gespräch. Die gibt es hier beiden Seiten. Sedwitz ist der Name einer fiktiven thüringischen-fränkischen Kleinstadt, die beispielhaft steht für zweigeteilte Orte, wo jeder jeden kannte und mit der Mauer Dorfgemeinschaften auseinandergerissen wurden. Die Grenzthematik sieht er aktueller denn je, „weil Zäune und Grenzen gerade wie Pilze aus dem Boden schießen.“

Grenzgänger Heio von Stetten (li.) und Stephan Zinner.

Dass da irgendwann in Folge fünf plötzlich ein bauchiger Mann in der Unterhose auftaucht, hat mit Braunschlag, wo es ein ähnliches Bild gibt, nichts zu tun. Harather protestiert heftig: „Ein Mann in der Unterhose ist doch nicht automatisch Braunschlag! Bei uns ist es Teil der Geschichte.“

foto: ard
Es geht um die deutsche Staatssicherheit.

Konkret handelt es sich um bereits erwähnten Hubsi, der von dem Waldarbeiter mit der Kettensäge aufgefordert wurde, sich auszuziehen, um zu beweisen, dass er nicht verkabelt ist. "Es geht um die Staatssicherheit", sagt Harather.

Die österreichischen Schlawiner sind beendet, sagt der Regisseur. Das Thema bleibt: Die Bewohner von Sedwitz "sind ja auch alles ein bisschen Schlawiner." (Doris Priesching, 3.9.2015)

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