"Es ist besser, nigerianischen Politikern nie ganz zu trauen"

Interview4. September 2015, 14:06
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Präsident Buhari ist 100 Tage im Amt – Politikwissenschafter Dele-Adedeji über offene Versprechen

Der ehemalige Armeegeneral und Putschist Muhammadu Buhari trat Ende Mai sein neues Amt mit großen Versprechungen an. Innerhalb weniger Monate würde er die Korruption verringern und den Kampf gegen Boko Haram auf ein neues Fundament stellen. Ein Kampf gegen Windmühlen. Der Londoner Politikwissenschafter und Nigeria-Experte Ini Dele-Adedeji zieht erste Bilanz und bemerkt sehr wohl einen qualitativen Unterschied zu Vorgängern. Konkrete Maßnahmen würden sich auch bereits auswirken. Trotzdem möchte Dele-Adedeji zumindest bis Ende des Jahres abwarten, ehe er Buhari abnimmt, ein "konvertierter Demokrat" zu sein, wie dieser sich selbst nennt.

STANDARD: Mit zwei klaren Aussagen ist Muhammadu Buhari zur Präsidentschaftswahl in Nigeria angetreten. Er versprach, die Terrorgruppe Boko Haram zu verdrängen und die Korruption zu bekämpfen. Merken die Menschen im Norden Nigerias, wo Boko Haram wütet, nach 100 Tagen Buhari einen Unterschied?

Ini Dele-Adedeji: Ja, das tun sie. Während der Regierungszeit von Goodluck Jonathan, dem Vorgänger Buharis, fand der Kampf gegen Boko Haram nur auf den Titelblättern der Zeitungen statt. Jetzt aber ist das Militär präsent und geht gegen die Terroristen vor. Erst Anfang dieser Woche haben Soldaten die Stadt Gambaru Ngala an der Grenze zu Kamerun zurückerobert. Zahllose Menschen sind aus den betroffenen Gebieten geflohen, und ihr Anliegen ist es natürlich, möglichst bald wieder in ihr Zuhause zurückkehren zu können. Sie sitzen derzeit in Flüchtlingslagern in Nigeria oder den Nachbarstaaten und wissen nicht, wie es weitergeht und ob ihre Angehörigen noch leben.

STANDARD: Das Militär trat nicht immer nur als Befreier auf. Es existieren massive Vorwürfe, von Menschenrechtsverstößen bis Korruption. Werden diese Vorwürfe untersucht?

Dele-Adedeji: Im Moment läuft zum Beispiel eine Untersuchung gegen Oberst Sambo Dasuki, den von Buhari entlassenen Nationalen Sicherheitsberater. Er ist in Haft. Auch andere hohe militärische Köpfe werden sich vor Gericht ihrer Verantwortung stellen müssen.

Ein wichtiger positiver Schritt in dieser Hinsicht ist die Verlegung der militärischen Einsatzzentrale in den Nordosten. Früher wurden die militärischen Befehle aus den komfortablen Büros in Abuja gegeben, ohne Kontakt zu den Soldaten vor Ort, ohne Wissen darüber, was in der Region vor sich geht. Nun ist auch die militärische Führung nahe am Geschehen, hat die Soldaten besser unter Kontrolle, bekommt Probleme und Stimmungen besser mit und kann reagieren.

STANDARD: Für den Kampf gegen Boko Haram werden enorme Mittel zur Verfügung gestellt, etwa sechs Milliarden Dollar, von denen angeblich nur ein Bruchteil tatsächlich im Kampf gegen Boko Haram ausgegeben wird. Besteht überhaupt ein Interesse daran, diese Einnahmequelle abzudrehen?

Dele-Adedeji: Korruption ist in Nigeria ein Riesenthema, deswegen hat Buhari das auch zu seinem Hauptthema gemacht. Und natürlich ist Korruption auch tief im nigerianischen Militär verankert. Die Bevölkerung hat genug davon. Ich glaube, dass sich das Bewusstsein in diesem Bereich bereits ändert. Konkret wird – unter der neuen Führung – nun viel rigider kontrolliert und Buch geführt. Die Korruptionsvorwürfe gegen die alte Spitze werden untersucht, Buhari beginnt die Säuberung in den oberen Etagen.

STANDARD: Die oberen Etagen der Regierung sind allerdings immer noch nicht besetzt. Warum braucht Buhari so lange, um seine Minister zu benennen?

Dele-Adedeji: Buhari sagte bereits zu Beginn seiner Amtszeit, dass er bis September brauchen würde, und er lässt sich dabei auch nicht in die Karten schauen. Mal sehen, wie viel Symbolkraft die Besetzungen haben.

STANDARD: Die Eingreiftruppe gegen Boko Haram, die von Nigeria und Kamerun, Benin, dem Niger und dem Tschad gebildet wird, soll aus 8.700 Soldaten bestehen. Wann wird sie einsatzbereit sein?

Dele-Adedeji: Derzeit wird im Hauptquartier der Eingreiftruppe in Niger erst Aufbau- und Vernetzungsarbeit geleistet.

STANDARD: Allerdings läuft die Zeit davon. Boko Haram hat mittlerweile dem "Islamischen Staat" Treue und Gefolgschaft geschworen. Außerdem werden der Terrorgruppe Verbindungen zu den Al-Shabaab-Milizen in Somalia und zu Al-Kaida im Maghreb nachgesagt. Hat man es längst mit einer überregionale Kampfachse zu tun?

Dele-Adedeji: Das würde ich nicht überbewerten. Diese Ankündigung soll – wie auch schon beim letzten Mal, als Boko Haram gegenüber Al-Kaida im Maghreb Loyalität bekundete – darüber hinwegtäuschen, dass die Gruppe derzeit unter großem militärischem Druck steht. Ein Täuschungsmanöver sozusagen, das Boko Haram größer erscheinen lassen soll, als sie tatsächlich ist.

STANDARD: Die Gruppe ist allerdings auch nicht geschwächt, schaut man auf die Frequenz ihrer Anschläge.

Dele-Adedeji: Seit Boko Haram etwa im Jahr 2012 in den Nordosten Nigerias vorgedrungen ist, rekrutieren sie Mitglieder durch Entführungen von Männern und Frauen. Sie stellen die Menschen vor die Wahl: Entweder ihr werdet getötet, oder ihr gehört zu uns.

STANDARD: Wie finanziert sich die Gruppe aktuell?

Dele-Adedeji: Boko Haram erpresst Schutzgelder, macht Überfälle, raubt Banken aus. Sie hat aber vermutlich auch zahlreiche sehr finanzkräftige Geldgeber.

STANDARD: Buhari, selbst ein ehemaliger General und nach einem Militärputsch von 1983 bis 1985 Staatsoberhaupt diktatorischen Zuschnitts, nennt sich selbst "konvertierter Demokrat". Nehmen Sie ihm das ab?

Dele-Adedeji: Nicht ganz. Die Erfahrung lehrt einen, dass es besser ist, nigerianischen Politikern nie ganz zu trauen. Ich bin aber bereit, ihm noch bis Ende des Jahres Zeit zu geben, bis ich mir dazu eine Meinung bilde.

STANDARD: Was wäre das wahrscheinlichste Szenario für den Norden Nigerias? Wird er sich abspalten?

Dele-Adedeji: Nigeria ist bereits so etwas wie ein geteiltes Land. Dass es aber ganz auseinanderbricht, glaube ich nicht. (Manuela Honsig-Erlenburg, 4.9.2015)

Ini Dele-Adedeji ist Politikwissenschafter an der Schule für orientalische und afrikanische Studien (SOAS) der Universität London. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt auf dem politischen Islam, Boko Haram und sozialen Bewegungen in Afrika.
  • Muhammadu Buhari gewann im März überraschend die nigerianische Präsidentschaftswahl.
    foto: ap/alamba

    Muhammadu Buhari gewann im März überraschend die nigerianische Präsidentschaftswahl.

  • Die Angehörigen von mehr als 200 nigerianischen Schulmädchen erinnerten vor einer Woche an deren Entführung vor 500 Tagen durch Boko Haram. 276 Mädchen waren am 14. April vergangenen Jahres aus einem Internat der Stadt Chibok im Nordosten Nigerias verschleppt worden. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International zitierte im April einen Militärvertreter in einem Bericht, dem zufolge die Mädchen in verschiedenen Boko-Haram-Lagern festgehalten würden.
    foto: reuters

    Die Angehörigen von mehr als 200 nigerianischen Schulmädchen erinnerten vor einer Woche an deren Entführung vor 500 Tagen durch Boko Haram. 276 Mädchen waren am 14. April vergangenen Jahres aus einem Internat der Stadt Chibok im Nordosten Nigerias verschleppt worden. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International zitierte im April einen Militärvertreter in einem Bericht, dem zufolge die Mädchen in verschiedenen Boko-Haram-Lagern festgehalten würden.

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