Stenzel kann Strache den Sieg bringen

Blog2. September 2015, 11:59
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Die Ex-VP-Lady macht die FPÖ für bürgerliche Wutbürger und frustrierte Pensionisten attraktiv – und kann für sie die Wien-Wahl gewinnen

ORF-Analyst Peter Filzmaier und zahlreiche Zeitungskommentatoren erwarten vom Frontwechsel von Ursula Stenzel zur FPÖ keine besonderen Auswirkungen auf die Wien-Wahl. Ich glaube, sie alle irren sich.

Stenzel ist ein unglaublicher Coup für Heinz-Christian Strache. Sie stellt für ihn das bisher fehlende Stück in der alten Haider-Koalition dar und könnte entscheidend dazu beitragen, dass die FPÖ in Wien tatsächlich die stärkste Partei wird.

Das fehlende Stück in der Haider-Koalition

Jörg Haiders Erfolgsrezept bestand darin, dass er nicht nur Arbeiter, sondern auch bürgerliche Schichten ansprach, bis hin zu Großindustriellen wie Thomas Prinzhorn. Strache ist heute in der Arbeiterschicht noch erfolgreicher als Haider, was man an seinen Wahlerfolgen und den Problemen der SPÖ erkennt. Aber unter Bildungsbürgern hinkt er bisher hinterher.

Für sie sind Strache und seine Mannen zu grob, zu rabiat und einfach nicht salonfähig. Aber die Bereitschaft, eine Proteststimme gegen die etablierten Parteien abzugeben, ist heute höher denn je. Daraus bezog Frank Stronach seine vorübergehende Popularität.

Der Zorn der Kaufleute

Diese Stimmen von Kaufleuten, Gewerbetreibenden und pensionierten Beamten warten nur darauf, abgeholt zu werden. Sie sind zornig über hohe Steuern, über die Registrierkassenpflicht, über die Rauchverbote, über die vielen neuen, lauten Lokale, über die Einschränkungen für den Autoverkehr und über die selbstbewussten Radfahrer – und natürlich über Flüchtlinge, Asylwerber, Ausländer und Muslime. Solche wohlhabenden und gebildeten Wutbürger gibt es zuhauf.

Dank Stenzel können sie am 11. Oktober nun mit gutem Gewissen die FPÖ wählen. Bei einem Vorzugsstimmenwahlkampf werden viele sogar behaupten, sie wählen gar nicht Strache, sondern die einst weltoffene Bürgerliche und überzeugte Europäerin, die selbst nun sagt, dass die EU nicht funktioniert.

Innere Stadt ist für Stenzel verloren

Dabei geht es nicht um die Macht in der Inneren Stadt. Die wird Stenzel nicht für die FPÖ gewinnen und so ihre Position als Bezirksvorsteherin verteidigen; dank einer schwachen VP-Leistung wird wohl die SPÖ dort in Zukunft den Bezirksvorsteher stellen.

Aber im übrigen Wien wird Stenzel die schwache ÖVP weitere Stimmen kosten. Sie wird weiters konservative Wähler mobilisieren, die sonst nicht zur Wahl gegangen wären. Und sie wird auch unter der wichtigsten Wählergruppe der SPÖ wildern, nämlich den Pensionistinnen und Pensionisten, die ebenfalls einen Grund suchen, nicht mehr für Michael Häupl zu stimmen.

Fehlende Prozentpunkte auf den Sieg

All das könnte der FPÖ jene paar Prozentpunkte bringen, die ihr laut Umfragen noch fehlen, um die SPÖ zu überholen. Die FPÖ wird dennoch in der Opposition bleiben, und Stenzel selbst wird in der Partei wohl kaum eine Rolle spielen; aber ihr deklariertes Ziel, der SPÖ zu schaden, hätte sie damit doch erreicht. (Eric Frey, 2.9.2015)

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