"Retortenbabys": Hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten

2. September 2015, 09:20
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Eine Studie liefert Hinweise darauf, dass In-vitro-Fertilisation ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen sein könnte

London/Bern/Berlin – Eine kürzlich publizierte Studie über "Retortenbabys" zeigt eine ausgeprägte generalisierte Funktionsstörung der Gefäße und eine deutlich erhöhte Gefäßwanddicke (Intima-Media-Dicke, IMT) der Halsschlagader im Vergleich zu Kontrollkindern. Im Gegensatz dazu war die Gefäßfunktion zum Beispiel der Eltern dieser IVF-Kinder und bei natürlich gezeugten Geschwistern normal. "Das erlaubt den Schluss, dass IVF per se die Funktionsstörung der Gefäße verursacht", sagt Emrush Rexhaj vom Inselspital Bern, der die Ergebnisse der Studie auf dem derzeit stattfindenden Kongress der Europäischen Kardiologischen Gesellschaft (ESC) in London präsentierte.

Vorzeitige Gefäßalterung und arterieller Bluthochdruck

Der Studie zufolge entsprach die Funktionsstörung der Gefäße zusammen mit der erhöhten IMT bereits dem ersten Stadium einer vorzeitigen Arteriosklerose. Als erste Folge der arteriellen Funktionsstörung der Gefäße dürfte sich bei IVF-Kindern bereits in jungen Jahren ein erhöhter Blutdruck zeigen. "In unserer fünf Jahre dauernden Studie bestand bei IVF-Kindern die Funktionsstörung der Gefäße weiter, und 24-Stunden-Blutdruckmessungen zeigten signifikant erhöhte systolische und diastolische Blutdruckwerte."

Die Daten sprechen für eine wahrscheinliche Zunahme der Häufigkeit von arteriellem Bluthochdruck in der IVF-Population bereits in jungen Jahren: "Zusammengefasst zeigen die vorliegenden Daten, dass beim Menschen und im Tiermodell IVF per se zu vorzeitiger Gefäßalterung und arteriellem Bluthochdruck führt. Im Mausmodell ist ein sogenannter epigenetischer Mechanismus für diese Veränderungen verantwortlich", erklärt Rexhaj.

Der Faktor Zeit

Die Epigenetik befasst sich mit der Vererbung von nicht genetisch festgelegten Eigenschaften. Männliche IVF-Mäuse vererben zum Beispiel die Funktionsstörung der Gefäße an die nächste Generation. Ein Zusammenhang zwischen schädlichen Einflüssen während der Fötalzeit und einer erhöhten Häufigkeit von kardiovaskulären und metabolischen Erkrankungen im späteren Leben konnte bereits vielfach gezeigt werden, so Rexhaj.

IVF umfasst die Manipulation des frühen Embryos in einer möglicherweise besonders empfindlichen Phase: "Ein ähnlicher Mechanismus wird bei IVF-Kindern angenommen. Die IVF-Population ist noch sehr jung, vorzeitige kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität tritt normalerweise ab dem fünften Lebensjahrzehnt auf. Es werden deshalb weitere 20 bis 30 Jahre vergehen, ehe sich genaue Zahlen zu den IVF-induzierten kardiovaskulären Endpunkten herauskristallisieren werden", sagt Rexhaj.

Gegenwärtig werden in westlichen Ländern etwa zwei bis fünf Prozent aller Geburten mit Hilfe von IVF ermöglicht. (red, 2.9.2015)

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