Falten füllen mit Hyaluron

3. September 2015, 15:00
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Cremen, Seren, Schminke: Eine Hyaluron-Welle schwappt über die Kosmetikindustrie – der körpereigene Stoff kann Wasser speichern

Wer ein schlechtes Gedächtnis hat, braucht Eselsbrücken. "Da gibt es doch diesen Wirkstoff mit dem seltsamen Namen, der derzeit in so viele neue Cremen reingemischt wird?", fragte unlängst eine elegante Dame um die 50 Jahre eine junge Verkäuferin in der Parfümerie. "Hyaluron", sagte diese wie aus der Pistole geschossen. Sie hätte es sich über "Hü", den Befehl für Pferde und "ah, jetzt hat es der Esel kapiert und läuft", gemerkt. Die Endsilbe "luron" fiele ihr dann immer problemlos ein, erklärte sie der Kundin. Die Idee, Falten wie zerknitterte Bettwäsche aufzupolstern, ist verführerisch und kommt aus der dermatologisch-ästethischen Ecke. Volumenaufbau ist der Fachbegriff und Filler das Mittel dafür. "Sich aufspritzen lassen", heißt es im Volksmund. Hyaluron als Füllstoff ist beliebt.

foto: reuters/amir cohen
Hyaluron, der Stoff mit dem schwer auszusprechenden Namen, sorgt für gut gepolsterte Haut.

Es ist Material, das der Körper selbst produziert, eine Art Schmiermittel in Gelenken mit einer stoßdämpfenden Wirkung. Rein chemisch ist Hyaluron eine Zuckerkette, die von den Zellen überall im Bindegewebe produziert wird, um Feuchtigkeit zu speichern. 6000-mal mehr als das eigene Gewicht kann ein Molekül speichern. "Hyaluron hält Gewebe stabil", bringt Tamara Meissnitzer, Hautärztin in Laxenburg den Effekt auf den Punkt. Die Zellen von Babys produzieren am fleißigsten, mit den Jahren werden die Zellen schlapp, der Zenit der Hyaluronproduktion ist mit dem 25. Lebensjahr überschritten.

Das wiederum ist der Grund, warum sich Nasolabialfalten furchen oder Lippen kräuselig werden. Für Meissnitzer ist Hyaluron ein Werkstoff, den es in flüssigen und dickflüssigeren Varianten gibt. Als Dermatologin darf sie die Substanz unter die Haut spritzen. An den tiefen Nasenfalten werden gelartige Substanzen verwendet, um die Lippen dünnflüssigere Präparate, denn "wer will schon mit einem Entenschnabel rumlaufen", lacht sie und erzählt, dass sich kürzlich jemand den Popo aufspritzen lassen wollte.

Gesundheitliche Vorbehalte hat Dermatologin Meissnitzer nicht. Die Substanz sei hinreichend erforscht, auch aus der Orthopädie, wo sie bei Arthrose-Patienten in die schmerzenden Gelenke gespritzt wird oder in der Augenheilkunde, wo Hyalurontropfen bei "trockenem Auge" befeuchtende Linderung bringen. Zudem wird Hyaluron längst nicht mehr wie früher aus Hahnenkämmen gewonnen, sondern keimfrei synthetisch hergestellt. Zwischen 700 und 1000 Euro kostet eine Filler-Behandlung, die im Schnitt sechs bis acht Monate wirkt.

Oberflächlich

Die Idee, Hyaluron in Cremen auch in den oberen Hautschichten wirken zu lassen, lag also für die cremeerzeugende Kosmetikindustrie auf der Hand. Dass auch oberflächliche Befeuchtung nicht umsonst ist, kann Meissnitzer bestätigen. Besonders effektiv seien Seren, die mit Nadelrollern oder einer Form von feinnadeliger Mesotherapie einmassiert werden, letztere öffnen die Ionenkanäle der obersten Hautschicht.

Gänzlich unaufwendig ist die Anwendung von Cremen. Hyaluron ist der Stoff, auf den die kosmetische Industrie große Hoffnungen setzt. Der japanische Konzern Shiseido startete den Boom in seiner Bioformance-Serie, Apothekenmarken wie Vichy (Aqualia), Skinceuticals (Metacell Renewal) oder Louis Widmer (Extrait Liposomal) schicken ihn ins Rennen genauso wie Hersteller von Naturkosmetik wie Annemarie Börlind (Aquanature) oder Ringana (Hydroserum) – das geht weltanschaulich, denn Hyaluron ist ein ja ein körpereigener Stoff. Auch in vielen Produkten des Massenmarktes ist Hyaluron präsent – Aufpolstern dürfte also produktionstechnisch auch nicht Unsummen kosten. Und ja, Hyaluron kann tagsüber sowie nachts aufgetragen werden.

Sogar in Schminke hat Hyaluron Einzug gehalten. Klarerweise in Lippenstiften wie etwa bei Givenchy oder Yves Saint Laurent, weil man beim perfekten Mund Prallheit schätzt. Aber auch in Make-up wie beim US-Make-up-Label Urban Decay (Naked Skin) oder bei Armani (Crema Nuda): Denn Hyaluron sorgt für Ebenmäßigkeit und damit einen "Glow-Effekt" – früher hat man dafür Frische gesagt. (Karin Pollack, Rondo, 4.9.2015)

Kiehl's Iris Extract Activating Essence (33 Euro).

foto: hersteller

Grown Alchemist Brightening Serum (69,50 Euro).

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Eucerin Hyaluron Filler Serum (34,45 Euro).

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Clarins Mission Perfection Sérum (69 Euro).

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Lancôme Visionnaire nuit (85 Euro).

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Filorga Hydra Hyal Concentrate (52,99 Euro).

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L'Oréal Paris Revitalift Filler Serum (22,95 Euro).

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Estée Lauder Advanced Night Repair (80 Euro).

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  • Aufpumpen: Das ist das Konzept von Fillern – Hyaluron kann das und wird in Cremen gemischt.
    illustration: dennis eriksson

    Aufpumpen: Das ist das Konzept von Fillern – Hyaluron kann das und wird in Cremen gemischt.

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