Geförderte "Selbstkastration"

1. September 2015, 17:27
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15 Forderungen an die Kulturpolitik von Wiens unabhängigen und freien Kulturschaffenden veröffentlicht

Wien – Was soll man seinen Mitstreitern in Kunst- und Kulturprojekten sagen? "Mach es doch bitte noch gratis-ser!" Sarkasmus ist eines der Ventile, über das sich der Unmut über die dramatische Prekarisierung in Wiens freier Szene Luft macht. "Eine andere Kulturpolitik ist nötig" heißt daher die Initiative der IG Kultur Wien in Allianz mit anderen IGs, Kulturinitiativen und Kulturschaffenden, die am Dienstag im Wuk ihren 15 Punkte umfassenden Forderungskatalog an die Wiener Kulturpolitik vorstellte. Ihr Appell an die politisch Verantwortlichen: "Lasst uns arbeiten!"

Am lautesten war im Forum der Ruf nach Gesprächsbereitschaft ("Kommunikation wird vonseiten der Stadt schlicht verweigert"), nach Wertschätzung ("auf Augenhöhe, denn wir sind keine Bittsteller: wir tragen bei"), angemessenen Förderhöhen (Die Working Poor "streiten um die Brösel, aber der Kuchen wird an uns vorbeigetragen"), aber auch nach transparenten Förderstrukturen. Fortuna aus chinesischen Glückskeksen, die im Wuk von der IG Kultur Österreich als Giveaway verteilt wurden, verheißt einen Lösungsschritt: "Gute Kulturpolitik ist: Wenn Jurysitzungen öffentlich stattfinden," lautet etwa einer der Glückssprüche.

Tatsächlicher Förderbedarf verschleiert

Einreichmarathon und Antragsbürokratie empfinden viele als zermürbend. Es beginnt meist mit der Frage: "Wie viel kann man sich überhaupt trauen einzureichen?", so Lorenz Seidler (esel.at). Dass man vom Magistrat dann etwa dazu aufgefordert werde, das eigene, bereits weit unter dem tatsächlichen Bedarf angesiedelte Förderansuchen um 85 Prozent zu kürzen, und dass man diesem "Zwang zur Selbstkastration" auch noch entspreche, sei ein ärgerliches Dilemma und raube einem die Würde. Obendrein wird so der tatsächliche Förderbedarf der unabhängigen und freien Kulturschaffenden verschleiert, kritisiert auch Daniela Koweindl von der IG Bildende Kunst. Die wirklichen Ansuchhöhen landen gar nicht in den Entscheidungsgremien, in Jurys oder im Gemeinderat. Trotzdem keine schlechte Strategie: Kann man so doch davon sprechen, 100 Prozent der Förderansuchen auch zu bewilligen.

Auch die Benachteiligung von Frauen und Menschen mit queeren Identitäten fand Eingang in das Papier. Die bildende Künstlerin Karin Maria Pfeifer durfte bei ihren Einreichungen an verschiedenste Fördergeber bereits die absonderlichsten Dinge hören: "Wir kaufen einfach 80 Prozent von Männern an, da stimmt die Qualität." Oder: "Schon wieder so ein Frauenantrag." Auf Nachfrage erklärte man, dass "Frauenanträge" immer sehr bescheiden seien und nicht als förderwillig angesehen würden, wenn zu wenig verlangt würde.

Jenseits der Verwertungslogik

Aufgabe der Kulturpolitik sei es, vielfältige, kritische und diskursive Handlungsräume zu ermöglichen, und zwar jenseits kommerzieller Verwertungslogiken wie etwa Standortaufwertungen, jenseits von Event und Mainstream. "Dass auch noch die allerletzten Freiräume kapitalisiert werden", solche neoliberalen Strategien finden viele, darunter Claudia Toschnig (Amerlinghaus), bedenklich. Das Wuk ist etwa so ein Freiraum: Der Werkstätten- und Kulturverein ist zwar alleiniger Nutzer des Gebäudes, aber über die Raummiete wird seit Jahren diskutiert. Nun, angesichts notwendiger umfassender Renovierungen, werde diese, kritisiert Publizist und Kulturaktivist Martin Wassermair, von der zuständigen Magistratsabteilung auch mit einer Jahresmietforderung in Millionenhöhe verknüpft.

"Überlassen wir die Definitionsmacht über das, was Kunst ist, dem Markt?", fragt etwa Ilse Chlan vom Künstlerhaus. Und Künstler Thomas Jelinek, einst Sprecher der IG Kultur Wien: "Wir sind in der letzten Phase vor der Machtübernahme der Konzernwirtschaft." Und die Politik? Die schaue hilflos zu.

Auch auf Bundesebene dräut einiges, was nur auf den allerersten Blick gut ausschaut: Die steuerliche Absetzbarkeit von Kulturspenden soll nun im Rahmen des sogenannten "Gemeinnützigkeitspakets" (Teil der Reformierung des Stiftungsrecht) beschlossen werden. Im Zuge dessen soll ein Institut für Kunst- und Kulturförderung eingerichtet werden, so Gabi Gerbasits (IG Kultur Österreich). Nur Spenden, die an dieses Institut gehen würden, wären dann steuerlich absetzbar. Wohin die Gießkanne gießt, entscheidet aber der Staat – womöglich auch in Budgetlöcher der großen Kulturtanker. "Die Kulturförderung bleibe also in den gleichen Bahnen wie bisher." (Anne Katrin Feßler, 1.9.2015)

Demo für eine andere Kulturpolitik, 3. 10., 11.00, Friedrich-Schmidt-Platz

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Eine andere Kulturpolitik ist nötig

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