Flüchtlingskinder: Mediziner warnt vor Retraumatisierung

1. September 2015, 16:36
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Ärzte haben den psychischen Zustand von syrischen Flüchtlingskindern untersucht. Am häufigsten sind posttraumatische Belastungsstörungen

München – Sie waren nicht selten monatelang auf der Flucht, mussten in überfüllten Booten ausharren, versteckten sich in LKWs oder Kastenwägen. Mussten still sein, egal wie viel Angst sie hatten. Durften nicht weinen, obwohl sie sich krank und erschöpft fühlten. Derartige Schilderungen hörten Ärzte als sie im Rahmen einer Studie 100 minderjährige syrische Flüchtlingskinder unmittelbar nach ihrer Ankunft in einer Münchner Kaserne befragten. Das Fazit der Untersuchung: Flüchtlingskinder sind häufig psychisch belastet. Jedes fünfte Kind leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Insgesamt hat rund ein Drittel mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen.

Für die Studie wurde jedes Kind zweimal für jeweils drei Stunden von muttersprachlichen Ärzten und Psychologen untersucht. "Gerade die posttraumatische Belastungsstörung ist eine große Herausforderung für uns", erklärt Volker Mall, Professor für Sozialpädiatrie an der Technischen Universität München. Die Studie zeige zudem, dass Flüchtlingskinder stärker an körperlichen Krankheiten leiden als andere Kinder in Deutschland. Dabei handle es sich oft um Karies, fehlende Impfungen und Atemwegserkrankungen.

Die Erlebnisse von Krieg und Folter in den Heimatländern und die oft monatelange Flucht nach Europa belasteten die Kinder außerordentlich. Aber auch die Situation in Deutschland trage zur psychischen Belastung bei. Fast 60 Prozent der Kinder berichteten von Gefühlen der Isolation nach ihrer Ankunft in der Bundesrepublik. 25 Prozent erlebten Diskriminierung. "Solche Erfahrungen können zu einer Retraumatisierung führen", warnt Mall.

Chronische psychische Erkrankungen

"Hier fehlt es ganz klar an einer Willkommenskultur in Deutschland", betont Mall. "Ein großes Problem ist der lange Aufenthalt in Erstaufnahmeeinrichtungen. Viele Kinder bleiben 200 Tage in diesen Unterkünften. – Das muss sich ändern!", fordert der Wissenschafter. Schließlich weisen viele der Kinder ein hohes Risiko auf, anhaltende seelisches Störungen zu entwickeln. Die bereits Erkrankten sind der Gefahr ausgesetzt, dass ihre posttraumatische Belastungsstörung chronisch wird, sagt der Sozialpädiater.

Der Mediziner plädiert dafür, den Flüchtlingskindern mehr Aufmerksamkeit zu widmen: "Kinder fallen an vielen Stellen durch die Netze. Wir fordern eine höhere Priorität der Versorgung von Familien mit Kindern." Dabei gehe es nicht um eine intensive psychotherapeutische Betreuung der Kinder. Stattdessen müsse es ein leicht zugängliches Beratungsangebot für Familien geben, um sie darüber zu informieren, an wen sie sich bei Problemen wenden können.

Die medizinische Versorgung von Flüchtlingskindern ist auch Thema der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, die am Mittwoch in München beginnt. 3000 Ärzte beraten dort über neue Forschungsergebnisse und Therapiemöglichkeiten für Kinder und Jugendliche. (red, APA/dpa, 1.9.2015)

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