Mit Nanotechnologie Pestizide einsparen

5. September 2015, 18:47
4 Postings

Alexander Richter erfand ein Partikel, das gegen Lebensmittelknappheit helfen könnte

Alexander Richter kennt die große Wirkkraft kleiner Teilchen. Seine Erfindung eines biologisch abbaubaren Partikels verspricht eine radikale Reduktion von Chemikalien in der Landwirtschaft. Die Nanotechnologie, die auf dem Pflanzenstoff Lignin basiert, könnte bis zu 90 Prozent der Pestizide am Feld einsparen. Diesen Schluss lassen erste Versuche mit Nanosilber unter Orlen Velev an der Northern Carolina State University zu, die kürzlich als Artikel im Journal Nature Nanotechnology publiziert wurden.

"Wenn die Technologie auch in größerem Maßstab ihre Funktionen behält, dann könnte sie einen bedeutenden Einfluss auf die Wirtschaft haben und einen Beitrag zum Umweltschutz leisten", sagt Richter. Auch das MIT würdigte das revolutionäre Potenzial des Partikels und zeichnete den 33-jährigen Forscher aus Tirol mit dem renommierten Lemelson-MIT-Preis aus. Das Komitee erwartet sich von der Erfindung nichts Geringeres als einen Beitrag gegen die weltweite Lebensmittelknappheit.

Drei Jahre Laborarbeit stecken in dem Lignin-Kern mit einem Durchmesser von 70 Nanometern, an dessen Oberfläche Silberionen haften. Das Edelmetall ist die Nummer eins unter den industriell genutzten Nanopartikeln: In mehr als 400 Produkten kam Nanosilber 2013 bereits zum Einsatz, Tendenz steigend. Hautcremes, Desinfektionsmittel und Deodorants profitieren von der antimikrobiellen Wirkung von Silber.

Aber mit großer Effektivität kommt auch große Verantwortung. Herkömmliches Nanosilber besteht durch und durch aus dem antimikrobiellen Stoff. Was der langlebige Metallkern später im Boden oder Wasser bewirkt, geht unkontrolliert vonstatten. Die Ligninpartikel bieten dazu eine biologisch abbaubare Alternative. Nur ein Zehntel des Silbers ist zur Beschichtung nötig, dafür wird seine Effektivität temporär erhöht.

Der beliebte Wirkstoff ist nur der erste Schritt: "Das Konzept könnte auch Vorteile in Applikationen mit anderen Wirkstoffen bringen, etwa bei Pflanzenschutzmitteln." Höhere Effektivität bei weniger Pestiziden – von diesem Effekt erwartet sich Richter auch einen Gewinn für Bauern in Entwicklungsländern, die sich herkömmliche Produkte nicht leisten können.

Richters Einstieg in die Nanotechnologie war von langer Hand vorbereitet. Er studierte Umwelt, Verfahrens- und Energietechnik am Management-Center Innsbruck und setzte das Studium an der TU Wien fort. Begeistert von den vielen Anwendungsgebieten der Nanotechnologie belegte er in einem Auslandsjahr am City College of New York jeden Kurs, den er dazu finden konnte.

Als Erfinder durch und durch besteht Richters Ausgleich neben Sport zurzeit darin, das Start-up Benanova zur Verbreitung seiner Technologie aufzubauen. Trotz der ausgeprägten Start-up-Kultur in den USA stellt das erste Jahr naturwissenschaftliche Betriebe auf eine harte Probe. Dennoch rät Richter jungen Forschern, möglichst früh ihre Ideen praktisch zu testen – nur so kämen zuvor unbekannte Hürden zum Vorschein. Vom Scheitern ist bei dem Erfinder aber keine Rede: "Früh anzufangen ermöglicht einem eine bessere Einschätzung, wie viel Zeit und Ressourcen notwendig sind, um eine Technologie zur Marktreife weiterzuentwickeln." (Marlis Stubenvoll, 6.9.2015)

  • Richter will mit einem Start-up seine Technologie auf Markttauglichkeit erproben.
    foto: bhuvnesh bharti

    Richter will mit einem Start-up seine Technologie auf Markttauglichkeit erproben.

Share if you care.