Wo sich die Wiener Fiakerpferde von Hitze und Lärm erholen

1. September 2015, 05:30
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Die Kutschen sind eine beliebte Attraktion bei Touristen, immer wieder kritisieren jedoch Tierschützer den Umgang mit den Pferden. Erholung finden die Tiere im Wiener Prater

Wien – Biegt man vom Lusthaus im Wiener Prater in die Aspernallee Richtung Donau ein, taucht im Blickfeld schon bald ein riesiger Schlot aus Ziegelsteinen auf. Er ragt rund 50 Meter in die Höhe und gehört zur Chamotte-Fabrik. Dort, wo früher gesteinsähnliches, feuerfestes Material (Schamotte) künstlich hergestellt wurde – etwa für Innenwände von Öfen –, lebt heute Martina Michelfeit mit ihrer Familie und dutzenden Tieren. Sie hat das Gebäude vor 13 Jahren erworben und zum Pferdestall umfunktioniert. Das Grundstück ist 4.000 Quadratmeter groß und bietet somit auch Platz für Koppeln und genügend Auslauf für die Pferde.

Um 8.30 Uhr morgens herrscht bereits emsiges Treiben. Der Tierarzt ist da, um nach dem Rechten zu sehen. Die Pferde Max (12) und Lady (14) werden für ihren Einsatz als Fiakerpferde in der Wiener Innenstadt vorbereitet. Die beiden sind zwei von 14 Fiakerpferden, die Michelfeit gehören. Insgesamt leben 32 Pferde in der Chamotte-Fabrik; außerdem Katzen, Hunde, Meerschweinchen, Hasen, Chinchillas und eine Wasserschildkröte. Nicht nur als Fiakerunternehmerin verdient Michelfeit ihr Geld, sie und ihre rund zehn Mitarbeiter bieten auch Privatfahrten in Kutschen an und halten Reit- und Therapiestunden ab.

Kritik der Tierschützer

Im Rekordsommer 2015 sind die Fiaker in Wien im wahrsten Sinne des Wortes heiß umstritten. Tierschützer machten vermehrt darauf aufmerksam, dass die Tiere gequält würden, wenn sie bei mehr als 30 Grad im Schatten den ganzen Tag auf Asphalt stehen. Michelfeit sieht das naturgemäß anders. Die Pferde bekämen genug zu trinken und zu essen, und an die Bewegung und den Lärm in der Stadt seien sie gewöhnt. Für sie ist das ein Protest der "Veganerpartie", die einen grundsätzlich anderen Zugang zum Umgang mit Tieren hätte, nämlich, dass diese nicht "genützt" werden dürften.

Sie zeigt sich überrascht, dass ihr Berufsstand so angefeindet werde. "Sicher gibt es auch in unserer Branche einige schwarze Schafe. Ich habe aber immer gedacht, ich bin das Gegenteil einer Tierquälerin", sagt Michelfeit. Als Beispiel führt sie an, dass sie Tiere, die früher keinen Auslauf hatten, übernommen habe und ihnen nun eine Beschäftigung gebe.

Politisches Kleingeld

Den Pferden würden die bis zu 14 Stunden dauernden Einsätze nichts ausmachen, so die Fiakerfahrerin. Sie führt die Diskussion auch auf die Wien-Wahl im Oktober zurück. Es gäbe Parteien, die mit ihrem Protest gegen die Fiaker "politisches Kleingeld" machen wollten.

Michelfeits Weg in die Innenstadt – heute steht sie auf dem Albertinaplatz – führt zunächst über die Prater-Hauptallee. Sie winkt drei anderen Gespannen umliegender Fiakerunternehmer zu. Man merkt, dass Max und Lady den Weg in die Stadt auswendig kennen. Michelfeit muss die Zügel erst fester halten, als der Verkehr stärker wird. Auf der Rotundenbrücke ist Konzentration gefordert, und in der Marxergasse legen die Pferde ein höheres Tempo an den Tag als die üblichen rund sechs Kilometer pro Stunde, um den Verkehr nicht zu sehr aufzuhalten. Schon ist Michelfeit mit ihren Tieren am Ring angelangt und somit in der Innenstadt.

Die Pferde legen den Weg bis zu viermal pro Woche zurück. Den Heimweg gestaltet Michelfeit dann aber von Tag zu Tag anders. "Da gönne ich mir und den Pferden Abwechslung", sagt die Unternehmerin.

Abends werden die Tiere in der Chamotte-Fabrik von den Pflegern entgegengenommen. Ein speziell auf jedes Tier abgestimmter Speiseplan soll Regeneration und Erholung ermöglichen. (Rosa Winkler-Hermaden, 1.9.2015)

  • Hitzefrei haben die Fiakerpferde heuer nicht bekommen. An heißen Tagen musste eine kurze Dusche zur Abkühlung reichen. Unternehmerin Martina Michelfeit sagt, die Pferde würden die Hitze vertragen.
    foto: apa/neubauer

    Hitzefrei haben die Fiakerpferde heuer nicht bekommen. An heißen Tagen musste eine kurze Dusche zur Abkühlung reichen. Unternehmerin Martina Michelfeit sagt, die Pferde würden die Hitze vertragen.

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