WTO warnt: Welthandel wächst nicht weiter

Interview31. August 2015, 17:40
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Gegenwehr gegen Freihandel würde sowohl Konsumenten als auch Unternehmen negativ treffen, sagt der Chefökonom der Welthandelsorganisation

STANDARD: Das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und der USA wird in der Öffentlichkeit äußerst emotional diskutiert – Chlorhühner und potenzielle Klagen gegen Staaten wegen mangelnden Investitionsschutzes dominieren. Was ist der Grund für die verbale Aufrüstung in der aktuellen Debatte?

Koopman: Die globale Wirtschaft und der Welthandel sind komplexe Angelegenheiten. Es ist zwar wichtig, die wirtschaftlichen Beziehungen zu vereinfachen und verständlich zu machen. Aber oft werden wichtige Aspekte ausgelassen, damit die Argumente besser ins jeweilige Konzept passen. Dadurch können die Positionen plötzlich stark von den tatsächlich am Tisch liegenden technischen Themen abweichen. Die Bedenken im Bereich des Investorenschutzes beispielsweise werden meiner Meinung nach von beiden Seiten übertrieben dargestellt.

STANDARD: Die EU hat offenbar nicht damit gerechnet, dass TTIP stellvertretend für die oft kritisch gesehene Globalisierung ins Rampenlicht gerückt wird.

Koopman: Wenn man die Debatte verfolgt, wird manchmal der Eindruck erweckt, die Globalisierung könne gestoppt werden. Handelspolitik kann die Globalisierung beeinflussen, aber nicht kontrollieren. Übersehen werden oft sekundäre, langfristige Effekte von handelspolitischen Maßnahmen. Wenn ein Zoll auf ein ausländisches Produkt eingehoben wird, kann das zwar die lokale Produktion am Leben erhalten. Doch die Konsumenten bekommen dann ein teureres und qualitativ schlechteres Produkt, zudem werden die geschützten Unternehmen wahrscheinlich mit dem technologischen Fortschritt nicht Schritt halten können.

STANDARD: Ist TTIP zu retten?

Koopman: Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Diskussionen über TTIP zu mehr Divergenz als zu mehr gemeinsamem Verständnis führen. Was immer herauskommt: Das Wichtigste ist aus meiner Sicht, dass die Partner den Prozess fortsetzen, um die tieferen Probleme zu lösen.

STANDARD: Das klingt nicht nach großen Erwartungen, dabei wird doch gerne mit großen Zahlen über mehr Wirtschaftsleistung hantiert, um dem Freihandel Rückenwind zu verleihen.

Koopman: Kurzfristig hat die Handelspolitik weniger Auswirkungen, als man meinen würde. Langfristig ist das anders, weil Investitionsentscheidungen, Innovationen und andere Punkte von den Handelsbedingungen abhängen. Doch Geldpolitik, steuerliche Veränderungen oder Krisen wie jene in Griechenland wirken sich weit stärker aus als Handelsmaßnahmen. Dennoch erhalten Handelsabkommen mehr Aufmerksamkeit, weil man auf jemanden von außen zeigen kann. Unter dem Strich wäre TTIP jedenfalls für beide Seiten positiv, aber die Auswirkungen sind nicht einheitlich. Einige Sektoren und Arbeiter gewinnen, andere verlieren. Mit der richtigen nationalen Politik kann erreicht werden, dass der Vorteil für eine Gesellschaft erhöht wird.

STANDARD: Ein wichtiger Kritikpunkt an TTIP in Europa ist, dass Zulassungen von Produkten – beispielsweise im Pharmasektor – in den USA viel einfacher zu bekommen sind. Sind diese Bedenken gerechtfertigt?

Koopman: In den USA herrscht die Sichtweise, dass man Standardtests durchführt. Solange die positiv sind und keine anderen negativen Ergebnisse auftreten, wird der Markt beliefert. In Europa steht Vorsicht im Zentrum: Wenn etwas schief gehen könnte, wird die Freigabe untersagt. In den USA wird argumentiert, dass mit der Methode Innovation gefördert werde, in der EU, dass alles extrasicher sei. Diese zwei Ansätze könnten vielleicht zu einem besseren System kombiniert werden. Es gibt aber auf beiden Seiten viele Player, die sich im aktuellen Umfeld wohlfühlen und gegen Veränderungen sind.

STANDARD: Wie wirken sich die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Probleme auf das Wachstum des Handels aus?

Koopman: Der Welthandel entwickelt sich schwächer als erwartet. In den 1990er-Jahren bis Mitte 2000 wuchs der Handel doppelt so stark wie die Weltwirtschaft. Jetzt dreht sich das Verhältnis in Richtung eins zu eins. Grund dafür sind das schwächere Wachstum der Schwellenländer und die Verlangsamung bei der Ausweitung der globalen Wertschöpfungsketten durch multinationale Konzerne. Teilweise überlegen Firmen sogar, Produktionen wieder in Richtung ihrer Heimmärkte zu verlagern. Zudem wirkt sich der Wandel der USA von einem Energie-Importeur zu einem -Exporteur aus. China wächst nicht nur langsamer, es produziert auch früher eingeführte Güter zusehends selber.

STANDARD: Zuletzt haben Sie die Prognose für den Welthandel erneut zurücknehmen müssen, ist die aktuelle Zahl von plus 3,3 Prozent für heuer noch zu halten?

Koopman: Wir werden die Prognose ziemlich sicher im September nach unten revidieren. Wenn der negative Trend der ersten zwei Quartale gegenüber den Vorperioden anhält, könnte das Jahr auch mit einem Minus enden – aber ich glaube das nicht. Viel hängt – neben den geopolitischen Risiken – von der Stabilisierung Chinas und der weiteren Entwicklung in Europa ab. Wenn die Unruhen nicht enden, ist auch 2016 mit keiner Verbesserung zu rechnen. (Andreas Schnauder, 1.9.2015)

foto: archiv

Robert Koopman (57) ist Chefökonom der Welthandelsorganisation WTO mit Sitz in Genf und Direktor der U.S. International Trade Commission. Der Ökonom lehrt zudem an der Georgetown University in Washington.

  • Ein Teil der EU-Bevölkerung ist skeptisch (im Bild eine Demonstration in München), dass das  Handelsabkommen TTIP jene Innovationen bringt, die die USA versprechen.
    imago / christian mang

    Ein Teil der EU-Bevölkerung ist skeptisch (im Bild eine Demonstration in München), dass das Handelsabkommen TTIP jene Innovationen bringt, die die USA versprechen.

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