"Divine Lady": Hollywood wurde schon 1929 auf dem roten Teppich vermarktet

Video31. August 2015, 18:05
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In dieser Folge der Serie "Die Rückseite des Films": Entliehene Göttlichkeit – Stars wie Charlie Chaplin bei der Weltpremiere der "ungekrönten Königin"

Hellerleuchtete Straßen, Menschenmassen tummeln sich vor einem Premierenkino und warten darauf, dass die Prominenten auf dem roten Teppich eintreffen. Anlässlich der Uraufführung von "Divine Lady" (deutscher Titel "Die ungekrönte Königin), der Liebesgeschichte zwischen Emma Hamilton und Horatio Nelson war das Staraufgebot am 31. März 1929 enorm.

Charles Chaplin, Lupe Velez, Harold Lloyd, Gloria Swanson, Al Jolson, Norma Shearer, Carl Laemmle und Irving Thalberg, um nur einige zu nennen, genossen erfreut das Bad in der Menge. Launige Kommentare der Celebritys werden in diesem stummen Sieben-Minüter durch Zwischentitel illustriert. Corinne Griffith, die Hauptdarstellerin, und Regisseur Frank Lloyd werfen einen kurzen Blick in die Kameras und eilen schließlich ins Kino.

österreichisches filmmuseum

Corinne Griffith, die den Übergang zum Tonfilm wie viele andere nicht schaffte, begann 1916 bei den Vitagraph Studios und war auf romantische Melodramen und Salonkomödien abonniert. Mitte der 20er-Jahre war sie ungemein populär und eine der bestverdienenden Schauspielerinnen neben Mary Pickford. Sie verhandelte ihre Verträge persönlich und verwaltete ihr Geld selbst. Auch Victor Varconi, Darsteller des Horatio Nelson, hatte zur Uraufführung des Films bereits eine beachtliche Karriere hinter sich. Als Bauernsohn im Grenzgebiet Ungarns zur Ukraine geboren und in Budapest aufgewachsen, begann er nach einer Ausbildung zum Kaufmann mit dem Schauspielunterricht und gelangte so zum Theater. 1920 ging er nach Deutschland und spielte unter anderem in den österreichischen Stummfilmen Sodom und Gomorrha (1922) und Der junge Medardus (1923) unter der Regie von Michael Kertész / Michael Curtiz.

Divine Lady wurde von der Filmkritik durchwegs positiv aufgenommen. Mordaunt Hall war in der "New York Times" von Griffiths und Varconis darstellerischen Leistungen überaus angetan. Bei der 1930 zum zweiten Mal stattfindenden Oscar-Preisverleihung gewann Frank Lloyd für Divine Lady den Preis als bester Regisseur. (1934 wurde ihm für den Film Cavalcade abermals der Regie-Oscar verliehen, neben den Preisen für den besten Film und das beste Szenenbild). Corinne Griffith war für ihre Darstellung der Emma Hamilton als beste Hauptdarstellerin nominiert – die begehrte Trophäe ging jedoch an Mary Pickford für ihre Rolle in Coquette unter der Regie von Sam Taylor.

Das Entrée als Vermarktung von Hollywood

Auch unabhängig von der Oscar-Zeremonie (und etwaiger Goldstatuetten für die Stars) hat sich das Premierenentrée über den roten Teppich bis heute als wichtiges Ereignis im Zuge der Vermarktung von "Hollywood" erhalten. Schon in Aischylos’ dreiteiliger Tragödie Die Orestie (458 v. Chr.) findet sich im ersten Teil Agamemnon eine Erwähnung des roten Teppichs. Klytaimnestra entrollt denselben, um ihren Mann gebührend willkommen zu heißen. Dieser zögert und verweist darauf, dass das Betreten des Teppichs ausschließlich den Göttern vorbehalten sei. Als sie ihn doch dazu überreden kann, darauf zu schreiten, betritt er ihn ohne Schuhe, um die Götter nicht noch mehr zu erzürnen.

Durch die Profanierung des begehrten Textils in der Neuzeit werden die Menschen, die es betreten, zwar manchmal hysterisch und wie Götter verehrt, allerdings bleiben sie maximal Stars, blinkende Sterne. (Elisabeth Streit, Österreichisches Filmmuseum, 31.8.2015)

Österreichisches Filmmuseum
Zur Serie "Die Rückseite des Films": Der größte Teil des überlieferten Filmbestands fand nie den Weg auf die große Leinwand: Amateurfilme, Outtakes, Trailer und Experimente, Wochenschauen, Werbe- und Propagandafilme etc. – derStandard.at und das Österreichische Filmmuseum zeigen historische Beispiele für diese "andere" Seite des Films.

Gewidmet Siegfried Mattl, der an der Gestaltung dieser Serie maßgeblich beteiligt war. Mattl starb im April in Wien.

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Zur Serie "Die Rückseite des Films": Der größte Teil des überlieferten Filmbestands fand nie den Weg auf die große Leinwand: Amateurfilme, Outtakes, Trailer und Experimente, Wochenschauen, Werbe- und Propagandafilme etc. – derStandard.at und das Österreichische Filmmuseum zeigen historische Beispiele für diese "andere" Seite des Films.
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