Wang Xiaolu: Sündenbock für den chinesischen Börsenkrach

Kopf des Tages31. August 2015, 16:58
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Journalist Wang Xiaolu soll Börsenkrise ausgelöst haben

Kritische Blogger nennen Chinas Staatsfernsehen CCTV mit bitterem Spott: "Sender für öffentliche Geständnisse." Immer wieder zeigte CCTV in den vergangenen zwei Jahren von den Behörden festgenommene Dissidenten – oder ins Fadenkreuz der Verfolgung geratene öffentliche Personen – als reuige Sünder.

Vor laufender Kamera gestanden sie noch während ihrer Verhöre – und bevor sie angeklagt waren – ihre vermeintlichen Untaten ein. Die systemkritische Autorin Gao Yu war darunter oder der Mikroblogger mit Millionengefolgschaft, Xue Manzi.

Am Montag traf es den Wirtschaftsjournalisten Wang Xiaolu, einen seit sieben Jahren für das prominente finanzpolitische Magazin Caijing arbeitenden Reporter. Der über 30-Jährige wurde am 25. August von der Polizei bei sich zu Hause abgeholt und unter der Anschuldigung festgenommen, "falsche Informationen zum Wertpapierhandel fabriziert und verbreitet zu haben".

Die Anklage bezieht sich auf seine fünf Wochen zurückliegende Titel-Börsengeschichte, die Caijing am 20. Juli veröffentlicht hatte. Wang behauptet darin, dass die Börsenaufsicht (CSRC), die bis dahin in die Aktienmärkte intervenierte, um die Kurse zu stützen, darüber nachdenke, sich zurückzuziehen. Obwohl CSRC den Bericht noch am selben Tag heftig dementierte, gärte es schon im Markt. Die spätere Panik, bei der alle Anleger nur noch verkaufen wollten, sei von Wangs Artikel ausgelöst worden.

Am Montag, eine Woche nach seiner Festnahme, wurde Wang plötzlich in den Morgennachrichten von CCTV 13 als der Schuldige am Börsencrash vorgeführt. Er spricht in zwei Einblendungen mit beherrschter Stimme. Der Journalist trägt ein grünes Hemd, zuckt während der Aufnahmen nervös mit dem rechten Auge und blickt nach unten. Er gibt zu, nicht nach journalistischen Kriterien recherchiert zu haben, sondern sich Informationen privat besorgt und subjektiv eingeordnet zu haben.

"In der heiklen Lage der Börsen hätte ich nicht einen Bericht schreiben dürfen, der starken negativen Einfluss ausüben würde", sagt Wang in dem Fernsehbericht. Er hätte auch nicht "um der Sensation willen" schreiben dürfen. "Ich habe dem Staat und den Anlegern große Verluste verursacht." Er bereue das und wolle seine "verbrecherischen Taten wahrheitsgemäß offenlegen". Er hoffe, dass ihm die Justizbehörden eine neue Chance geben werden. (Johnny Erling, 31.8.2015)

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