Finanzsektor: Ein Frühwarnsystem muss her

Kommentar der anderen31. August 2015, 17:03
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Die Rating-Agenturen stützen ihre Bewertungen auf die Vergangenheit. Für die Turbulenzen in der Weltwirtschaft wurden sie bisher kaum zur Verantwortung gezogen – ein Fehler, der korrigiert werden muss

Die jüngste Volatilität an den Märkten – sowohl in den Schwellenländern als auch in den entwickelten Volkswirtschaften – zeigt einmal mehr, wie sehr sich Rating-Agenturen und Anleger bei der Beurteilung der wirtschaftlichen und finanziellen Anfälligkeiten von Ländern irren können. Rating-Agenturen erkennen Risiken zu spät und warten zu lange damit, Länder herabzustufen, während Anleger dem Herdentrieb folgen und die Verschärfung von Risiken zu lange ignorieren, bevor sie abrupt umschalten und übertriebene Marktschwankungen hervorrufen.

Ein Frühwarnsystem für Finanztsunamis einzurichten mag angesichts der Beschaffenheit von Marktturbulenzen schwierig sein, doch braucht die Welt ein derartiges System heute dringender denn je. Kaum jemand hat die Subprimekrise von 2008, das Ausfallrisiko in der Eurozone oder die aktuellen Turbulenzen an den globalen Finanzmärkten kommen sehen. Es folgten Schuldzuweisungen an Politiker, Banken und supranationale Institutionen; die Rating-Agenturen und Analysten jedoch, die die Schuldendienstfähigkeit der Kreditnehmer – auch der staatlichen – falsch einschätzten, kamen zu leicht davon.

Im Prinzip beruhen Bonitätseinstufungen auf statistischen Modellen vergangener Ausfälle; in der Praxis freilich ist die Einstufung der staatlichen Zahlungsfähigkeit häufig eine subjektive Angelegenheit, weil staatliche Zahlungsausfälle tatsächlich selten vorkommen. Die Analysten bei den Rating-Agenturen verfolgen die Entwicklungen in dem Land, für das sie jeweils zuständig sind, und reisen gegebenenfalls dorthin, um die Lage selbst in Augenschein zu nehmen.

Dieses Verfahren hat zur Folge, dass sich Bonitätseinschätzungen häufig an der Vergangenheit orientieren, dass Herabstufungen zu spät erfolgen und dass Bewertungsänderungen oft auf dem Zeitpunkt der Analystenbesuche statt auf Veränderungen der Rahmendaten beruhen. Zudem fehlt es Agenturen an Werkzeugen, um wichtige Faktoren wie Veränderungen bei gesellschaftlicher Teilhabe, Innovationsfähigkeit des Landes und Bilanzrisiken im Privatsektor konsequent zu erfassen.

Wichtige Einstufungen

Dabei spielen Ländereinstufungen eine enorm wichtige Rolle. Für viele Anleger bestimmen Bonitätsbewertungen, wo und wie viel sie investieren können. Sie beeinflussen die Höhe der Kredite, die zu vergeben Banken bereit sind, sowie den Zinssatz, den Entwicklungsländer und ihre Bürger für ihre Kredite zahlen müssen. Und sie schlagen sich in Unternehmensentscheidungen nieder, mit wem man diese Geschäfte macht und zu welchen Bedingungen.

Anleger und Regulierungsbehörden sind sich angesichts der Probleme mit den Rating-Agenturen der Notwendigkeit eines geänderten Ansatzes bewusst. Viele Anleger haben versucht, gute Alternativen zu finden – weitgehend vergeblich. Bei Risikobewertungen durch Zinsspreads und Credit-Default-Swaps erfolgt die Reaktion schnell (und häufig in übertriebenem Umfang), aber weil diese nur das Marktverständnis der Risiken widerspiegeln, stellen sie keinen systematischen Mechanismus zur Aufdeckung versteckter Risiken und zur Krisenvermeidung dar. Tatsächlich legt der plötzliche Anstieg der Marktvolatilität nahe, dass sie frühe Hinweise auf Probleme genauso schlecht anzeigen wie die Rating-Agenturen.

Die Regulierungsbehörden andererseits haben begonnen, die Banken zur Entwicklung eigener, interner Bewertungsabläufe zu zwingen. Das Problem ist, dass nur wenige Institute über die Werkzeuge und das Fachwissen verfügen, um dies selbstständig zu tun.

Eine Analyse des gesamtwirtschaftlichen Anlagerisikos eines Landes erfordert die systematische Betrachtung der Bestands- und Stromgrößen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, um alle Gefahren einschließlich der Risiken im Finanzsystem und in der Realwirtschaft sowie breiter angelegte Risikosachverhalte zu erfassen. Wie die jüngsten Krisen gezeigt haben, werden von der Privatwirtschaft eingegangene Risiken und Schulden vergesellschaftet, wenn es zur Krise kommt. Daher können Haushaltsdefizite und Staatsverschuldung, selbst wenn sie vorher niedrig waren, bei Ausbruch einer Krise steil ansteigen. Staaten mit scheinbar solider Haushaltslage sehen plötzlich insolvent aus.

Wir haben unter Einsatz von 200 quantitativen Variablen und Faktoren 174 Länder auf Quartalsbasis bewertet und dabei eine Anzahl von Ländern identifiziert, in denen die Anleger Risiken – und Chancen – übersehen.

Ein perfektes Beispiel ist China. Die Bauträger, Kommunen und staatseigenen Unternehmen des Landes sind erheblich überschuldet. China hat die Bilanzstärke, um sie zu retten, aber seine Regierung stünde dann vor einer Entscheidung: sich Reformen zu verschreiben oder sich einmal mehr auf schuldenfinanzierte Konjunkturimpulse zu verlassen. Selbst wenn China letzteren Kurs weiterverfolgt, wird es seine Wachstumsziele nicht erreichen und langfristig anfälliger erscheinen.

Brasilien hätte im vergangenen Jahr, als die Volkswirtschaft mit einem sich ausweitenden Haushaltsdefizit, einer wachsenden volkswirtschaftsweiten Schuldenlast und einem schwachen und sich weiter verschlechternden Geschäftsumfeld zu kämpfen hatte, auf unter Investment-Grade herabgestuft werden müssen. Der Korruptionsskandal beim Energieriesen Petrobras veranlasst die Rating-Agenturen nun endlich zu einer Neueinstufung des Landes, aber dieser Schritt kommt zu spät, und die Herabstufungen werden das wahre Risiko vermutlich nicht ausreichend widerspiegeln. Andere Schwellenmärkte sehen ebenfalls anfällig aus und dürften Gefahr laufen, dass es dort zu Herabstufungen kommt.

In der Eurozone hatten Schattenratings schon Ende der 2000er-Jahre für Griechenland und andere Länder der Peripherie Gefahr signalisiert. Inzwischen könnten nach erfolgten Haushaltskonsolidierungen und Reformen Irland und Spanien eine Heraufstufung verdient haben. Griechenland jedoch bleibt ein hoffnungsloser Fall. Selbst bei Umsetzung umfassender Reformen zur Verbesserung sei- nes Wachstumspotenzials wird das Land seine Staatsschuld nie zurückzahlen können und braucht einen Schuldenschnitt.

Eine systematische, datengestützte Bewertung staatlicher Risiken könnte dazu beitragen, die Risiken, die von Änderungen bei den globalen Rahmenbedingungen ausgehen, besser zu erkennen. Sie bietet insoweit genau, was die Welt derzeit braucht: einen Ansatz, der die Notwendigkeit beseitigt, sich auf die langsame, ad hoc bestimmte Vorgehensweise der Rating-Agenturen und die lauten, volatilen Signale der Märkte zu verlassen. (Nouriel Roubini, Übersetzung: Jan Doolan, Copyright: Project Syndicate, 31.8.2015)

Nouriel Roubini (Jg. 1958) ist ein US-Nationalökonom. Er ist Professor an der zur New York University gehörenden Stern School of Business.

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