Horror-Maestro Wes Craven ist tot

31. August 2015, 06:10
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Der 76-Jährige verstarb in Los Angeles an den Folgen seiner Krebserkrankung

Los Angeles – Im Jahr 2005 kam ein Thriller in die Kinos, der die paranoide Atmosphäre nach den Anschlägen von 9/11 mustergültig auf den Punkt brachte: Red Eye von Wes Craven. Eine Flugbegleiterin wird zur Geisel in einem kühnen Anschlagsszenario, zwischendurch gibt es am Horizont eine Explosion, die noch einmal die schrecklichen Bilder evoziert, die man wenige Jahre davor so häufig als "wie im Kino" empfunden hatte. Wes Craven inszenierte Red Eye so, als hätte er gründlich die Albträume von Fritz Lang studiert. Jede Einstellung steht für ein Detail, das die Handlung vorantreibt, das Tempo ist rasant und doch souverän gelassen, niemals wird etwas verwischt, es geht um Klarheit im Zentrum des Chaos.

In der Logik des jüngeren Hollywood-Kinos ist für Filme wie Red Eye eigentlich kaum noch Platz, für Wes Craven aber konnte dieses beiläufige Meisterwerk wie eine Bestätigung jener Gegenökonomie wirken, aus der er als Filmemacher kam.

Schocker und B-Movies

Der aus Cleveland gebürtige Sohn strenggläubiger Baptisten brach eine mögliche Universitätskarriere als Geisteswissenschafter ab, um sich durch die eher dubiosen Sparten hindurch an das Kino heranzuarbeiten. 1972 hatte er seinen Moment, und er entdeckte sein Genre: The Last House on the Left, ein bis heute wegweisender Schocker über zwei junge Frauen, die in eine ausweglose Gewaltspirale geraten. Craven schrieb selbst das Drehbuch, er bezog sich dabei laut eigenen Aussagen auf einen Klassiker des europäischen Autorenfilms: Ingmar Bergmans Die Jungfrauenquelle.

Das Verhältnis von Aufwand und Ertrag ist bei Horrorfilmen häufig äußerst günstig, und Craven erwies sich in der Folge als einer der kreativsten Köpfe in diesem Genre, in dem viel Wissen aus den B-Movie-Traditionen gespeichert werden konnte.

Unvergessliche Schreie

Mit Swamp Thing ließ er auch komische Elemente zur Geltung kommen. 1984 aber machte er neuerlich Ernst: A Nightmare on Elm Street präsentierte mit der Figur des Freddy Krueger einen unvergesslichen Kreischfaktor, insgesamt brachte es das Franchise, das vor allem Teenager als Zielpublikum hatte, indem es ihnen den Schlaf verdarb, auf neun Teile.

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Die filmhistorische Ausnahmestellung von Wes Craven hat damit zu tun, dass er selbst den Horrorfilm selbstreflexiv machte. Mit dem sagenhaft erfolgreichen Scream (1996) begann das Spiel mit den Erwartungshaltungen, die Craven mit dem eigenen Kanon geprägt hatte – die Figuren wissen aus dem Kino, wovor sie sich zu fürchten haben, das heißt aber nicht, dass sie sich besser schützen könnten.

nick b.

Red Eye bildet also einerseits eine Ausnahme in Cravens Schaffen, weil es sich nicht um einen Horrorfilm handelt, zeigt aber, worauf es beim filmischen Erzählen ankommt: auf eine geschickte Verteilung von Zeichen, was in Zeiten zunehmender Überwältigungsästhetik allmählich anachronistisch wird. Wes Craven war zuletzt noch mit zahlreichen Projekten beschäftigt, so wollte er für eine von der Weinstein Company produzierte Miniserie über die Zehn Gebote das fünfte übernehmen (Du sollst nicht töten). Am Sonntag ist er im Alter von 76 Jahren in Los Angeles an den Folgen eines Gehirntumors gestorben. (Bert Rebhandl, 31.8.2015)

  • Wes Craven wurde 76 Jahre alt.
    foto: reuters/lucas jackson/files

    Wes Craven wurde 76 Jahre alt.

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