Flüchtlinge an der Grenze: Erste Hilfe unterm Flugdach

Reportage31. August 2015, 09:36
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Auf dem alten Zollgelände des Grenzüberganges Nickelsdorf werden Flüchtlinge erst-, in vielen Belangen auch bloß notversorgt

Wenn Tobias Mindler sagt: "Ich sage das einfach so, kommentarlos", dann hallen die dazugehörigen Kommentare im eigenen Kopf ziemlich laut. Zum Beispiel, wenn der Sprecher des burgenländischen Roten Kreuzes erklärt, warum man sich gerade hier treffen musste. Und nicht an dem Feldweg Richtung Halbturn, bei jener Halle, die gut genug ist für die VIPs des Nova-Rock-Festivals. Nicht aber für die Flüchtlinge, die nun unterm Flugdach des alten Zollgeländes am Nickelsdorfer Grenzübergang nächtigen müssen. "Es fehlte eine Bewilligung, hakte am wasserrechtlichen Bescheid."

Das Zentrum des Zollgeländes bildet eine lange Rampe, an der einst die Lkws zur Ladungskontrolle zufahren konnten. Nun stehen auf der einen Seite – rechter Hand, wenn der Blick Richtung Ungarn geht – lange Reihen von Feldbetten und zwei Busse. "Ursprünglich wollte die Polizei nur diese Busse als Quartier, aber wir sind das Rote Kreuz, wir haben auf den Betten bestehen müssen."

Stundenplan für Duschen

Anschließend an die Bettenreihen – es zieht an diesem Sonntag, aber bei dieser Hitze ist das wie angenehme Abkühlung – mobile Toiletten und Duschen, dieselben für Männer und Frauen. "Wir versuchen, einen Stundenplan einzuhalten, sodass alle ohne Scham duschen können."

Oben auf der Rampe drei Container: ein Kleidercontainer, einer für Hygieneartikel, ein Sanitätscontainer. Die Polizei bringt neu aufgegriffene Flüchtlinge, ausgesetzt zumeist direkt auf der Autobahn oder auf autobahnnahen Wegen. "Normalerweise läuft das so ab", erzählt Daniel Sebauer, "dass der Fahrer die Menschen anweist, sich eine Viertelstunde noch zu verstecken, das reicht, um nach Ungarn zurückzukehren."

Daniel Sebauer ist der – ehrenamtliche – Einsatzleiter der Katastrophenhilfe des Roten Kreuzes im Bezirk Neusiedl, der Hotspot der aktuellen Flüchtlingskrise. Vergangene Woche sind er und seine Lebensgefährtin – auch sie Mitarbeiterin des Roten Kreuzes – auf Urlaub gewesen. Ursprünglich war die obere Adria ins Auge gefasst worden. "Aber wir haben uns nicht getraut."

Ungutes Vorgefühl

Beide hatten ein ungutes Gefühl. Und das trog nicht. Erst der Leichenfund auf der A4 ("Die drei Kollegen, die bei der ersten Öffnung des Lkws dabei waren, werden immer noch betreut, sie kriegen die Bilder nicht aus dem Kopf"), dann wurde die Lebensgefährtin alarmiert. Die Polizei und ihre Assistenzleister vom Roten Kreuz fürchteten fürs vergangene Wochenende "einen Peak". Sebauer schätzt freilich, dass der "eher erst um die Wochenmitte" kommen wird.

Im Sammelzentrum, dessen Hinzurechnung zur Quartierquote (der Standard schreibt das einfach so, kommentarlos) Burgenlands Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ) fordert, ist am Sonntag tatsächlich Normalbetrieb. "100, 150", schätzt Mindler. Links wartet ein Bus zum Transport nach Eisenstadt, wo Asylverfahren erst beginnen. Hier, unterm zugigen Flugdach, geht das nicht.

Die leer gewordenen Betten werden desinfiziert. "Das muss sein", sagt Tobias Mindler, "auf die Hygiene achten wir sehr." Aus diesem Grund werden auch nur Einwegdecken verwendet. Junge Männer kehren zwischen den Betten zusammen. Bei dem Wind eine vergebliche Liebesmüh.

Hilfsbereitschaft

In den vergangenen Wochen hat sich, erzählen Mindler und Sebauer, die Einstellung der Bevölkerung ziemlich gewandelt. Hilfsbereitschaft hat die Menschen erfasst. "Wir haben nun zusätzlich rund dreißig Freiwillige allein für Nickelsdorf", erzählt Sebauer. Auch seine Mutter war dabei. Ihr prägendstes Erlebnis: "Die vielen Neuankömmlinge, die sich um dich drängen und rufen: Food, please food."

Das Rote Kreuz hat seine Feldküche aufgeschlagen. Die Polizei aber hat – Mindler: "Ich sage das einfach so, kommentarlos" – warme Verpflegung untersagt. Der Koch ist ideenreich: "Wir sind draufgekommen, dass Suppe keine warme Verpflegung ist. Sondern ein Heißgetränk." Jetzt kriegen die Neuankömmlinge ein Heißgetränk. Bevor sie im Sanitätscontainer verschwinden und sich die Blasen an den Füßen schneiden lassen; jenes Fluchtsouvenir, das praktisch alle mitgebracht haben vom Balkan. (Wolfgang Weisgram, 31.8.2015)

  • Am Grenzübergang Nickelsdorf wurde mit viel ehrenamtlichem Engagement eine provisorische Aufnahmestation für aus Ungarn kommende Flüchtlinge aufgebaut.
    foto: apa/ herbert p. oczeret

    Am Grenzübergang Nickelsdorf wurde mit viel ehrenamtlichem Engagement eine provisorische Aufnahmestation für aus Ungarn kommende Flüchtlinge aufgebaut.

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