"Der Schatten von Frauen": Was er kann und sie nicht darf

31. August 2015, 05:30
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Philippe Garrels Film ist eine famose Studie der Untreue

Wien – Als der Mann im Filmarchiv auf die junge Frau trifft, liegt die Anmutung der Affäre sofort in der Luft. Die beiden nehmen einander eine kurze Ewigkeit zu lange wahr. Sie wendet den Kopf, lächelt zurück. Als er später in ihr Zimmer tritt, muss er die Schuhe ausziehen, damit die hellhörige Nachbarin nichts bemerkt. Er wird wiederkommen, weil er Gefallen an ihrem Körper findet. Doch er wird sich dafür entscheiden, keine Gefühle zu investieren.

Die Art und Weise, wie Philippe Garrel den Seitensprung von Pierre (Stanislas Merher) inszeniert – unaufgeregt, fast beiläufig -, drückt bereits aus, dass diese Geschichte nicht ins Melodram kippen wird wie noch in François Truffauts La peau douce. Pierre, seine Frau Manon (Clotilde Courau) und die Geliebte Elisabeth (Lena Paugam) – eine vierte Person, Manons Liebhaber, wird noch hinzukommen – bewegen sich im gleichen Milieu, einem nicht allzu arrivierter Künstler und Akademiker. Vielleicht haben sie deshalb keinem äußeren Druck, keinem bürgerlichen Zeremoniell mehr zu genügen.

Die Bescheidenheit der Verhältnisse, für die sich Garrel in L'ombre des femmes (Der Schatten von Frauen) sehr bewusst entscheidet, schärft den Blick auf die Figuren. Der entscheidende Twist des Films liegt nun darin, dass die Perspektiven und Konstellationen wechseln, beweglich bleiben – beinahe wie in einer Screwball-Comedy, die auf keine Pointen hinausläuft.

Kein Privileg für Untreue

Das Drehbuch hat Garrel übrigens mit einem Veteranen des französischen Kinos, mit Jean-Claude Carrière, verfasst. Es schränkt sich auf keine dominante Erzählstimme ein, sondern stellt lieber Vergleiche her. Je mehr Pierre sich als Mann aufspielt, dem das Privileg der Untreue zufällt, desto mehr droht er die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Der von Garrels Sohn Louis gesprochene, abgeklärte Kommentar hat nur mehr eine literarische Funktion.

Bald gewinnt man dabei den Eindruck, den Figuren bei ihrem (Fehl-)Verhalten, einem komplizierten Spiel des Begehrens, in einem übergeordneten Sinn zu folgen. Es geht nicht gleich um Betrug, wenn sich ein Paar hintergeht. Doch es stellt sich die Frage, aus welchem Blickwinkel man die Wahrheit seines Gegenübers noch erkennt: Das zeigt sich auch an Pierres Film über einen, wie sich herausstellt, nicht ganz aufrichtigen Widerstandskämpfer.

Was Pierre und Manon voneinander trennt, ist dennoch nicht einfach zu definieren. Garrel verschweigt nicht, dass eine der Ursachen in den Gewohnheiten von Geschlechterkonstellationen liegt. Der Film lässt diese umso deutlicher werden, als er sie nicht mit einem Warnschild versieht. Die Politik von L'ombre des femmes, den man schon feministisch genannt hat, liegt darin, die fehlende Übersicht der Figuren zu betonen – vor allem jene Pierres, dessen störrische Reaktion auf die Affäre seiner Frau nicht relativiert wird.

Wie schon La jalousie, Garrels vorangegangener Film, in dem es um Eifersucht ging, ist L'ombre des femmes nur knapp unter 80 Minuten lang. Die Schwarz-Weiß-Fotografie von Renato Berta betont die Gesichter der Figuren, ohne ihre Tiefe zu enthüllen. Garrel zeigt, wie ein Mann und eine Frau verlernen, einander aufrichtig zu betrachten, wie sie das Wesentlichste, die Liebe, immer mehr übersehen. Die Gesichter werden immer härter, aber das muss nicht so bleiben. (Dominik Kamalzadeh, 31.8.2015)

Jetzt im Kino

  • Stanislas Merher und Clotilde Courau in "Der Schatten von Frauen".
    foto: stadtkino

    Stanislas Merher und Clotilde Courau in "Der Schatten von Frauen".

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