"China durchläuft eine strukturelle Krise"

Interview31. August 2015, 07:00
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Das Reich der Mitte ist nach dem ökonomischen Aufholprozess im Umbau begriffen. Gelingt der Strukturwandel, werden Innovationen wichtiger

STANDARD: Was passiert derzeit in China? Schlittert China in eine Konjunkturkrise?

Heep: China durchläuft keine konjunkturelle, sondern eine strukturelle Krise. Das bisherige Wachstumsmodell ist an seine Grenzen gestoßen: Exzessive Investitionen haben zu starker Verschuldung und Überkapazitäten geführt, und steigende Löhne schwächen die Konkurrenzfähigkeit des Exportsektors. Stimulusmaßnahmen können nicht viel ausrichten. Vielmehr werden tiefgreifende Strukturreformen benötigt.

STANDARD: Wohin führt der Strukturwandel?

Heep: Wenn der Strukturwandel gelingt, werden der Binnenkonsum, der Dienstleistungssektor und die Innovationsfähigkeit von Unternehmen in Zukunft eine bedeutendere Rolle spielen. Die Übergangsphase wird Chinas Regierung aber vor große Herausforderungen stellen. Vorübergehend ist mit einer erhöhten Arbeitslosigkeit zu rechnen, die für die Kommunistische Partei zu einem politischen Problem werden kann. Schließlich beruht ihre Legitimität vor allem darauf, dass sie für einen wachsenden Wohlstand der Bevölkerung sorgt.

STANDARD: Was ist konjunkturell machbar?

Heep: Chinas Wirtschaftswachstum wird sich unweigerlich weiter verlangsamen. Doch wenn der Strukturwandel gelingt, können trotz niedrigerer Wachstumsraten mittelfristig genügend Stellen geschaffen und ein wachsender Wohlstand ermöglicht werden.

STANDARD: Wie muss man sich die chinesische Wirtschaft vorstellen?

Heep: Chinas Wirtschaft kombiniert marktwirtschaftliche Elemente mit einer starken Steuerungsrolle des Staates. Wichtig ist dabei nicht zuletzt das Finanzsystem, über das der Staat die Verteilung finanzieller Ressourcen beeinflusst. Zudem sind strategische Wirtschaftsbereiche nach wie vor von staatseigenen Unternehmen dominiert, auf die der Staat über die Kontrolle des Führungspersonals großen Einfluss ausübt.

STANDARD: Welche Reformen hat es in den vergangenen Jahren gegeben?

Heep: Vor fast zwei Jahren kündigte die Kommunistische Partei ein ambitioniertes Reformprogramm an, das darauf abzielt, den Kräften des Marktes eine "entscheidende Rolle" in der Wirtschaft zuzugestehen. Seitdem wurden vor allem im Finanz- und im Fiskalsystem erste Reformen unternommen, die in die richtige Richtung gehen. Viele Reformvorhaben stoßen jedoch auf politischen Widerstand, was zu großen Verzögerungen führt.

STANDARD: Wie frei kann sich Finanzkapital nach China und aus China heraus bewegen?

Heep: Da muss man unterscheiden: Ausländische Direktinvestitionen waren immer willkommen. Hingegen sind ausländische Portfolioinvestitionen offiziell nur über wenige Kanäle möglich, und es sind strikte Obergrenzen definiert. Chinas enge weltwirtschaftliche Verflechtung hat jedoch dazu geführt, dass ausländische Portfolioinvestitionen auch über illegale Wege ins Land geflossen sind und das Land nun teilweise auch über illegale Wege verlassen.

STANDARD: Welche Rolle spielen die sogenannten Schattenbanken im chinesischen Finanzsystem?

Heep: Chinas Finanzsystem ist von staatseigenen Banken dominiert, die ihre Kredite bevorzugt an Staatsunternehmen vergeben. Viele Privatunternehmen sind darauf angewiesen, sich über Schattenbanken zu finanzieren, die teilweise horrende Zinsen verlangen. Seit einigen Jahren sind aber auch die staatseigenen Banken über außerbilanzielle Geschäfte in den Schattenbanksektor verstrickt.

STANDARD: Wie sind die Schulden in China strukturiert?

Heep: Sehr hoch verschuldet sind vor allem Staatsunternehmen sowie Regierungen auf Provinz-, Großstadt- und Gemeindeebene. Das ist in erster Linie eine Konsequenz des gigantischen Konjunkturprogramms, das die chinesische Regierung 2008 als Reaktion auf die globale Finanzkrise verabschiedet hat. Private Haushalte haben sich teilweise für den Wohnungskauf und in jüngster Zeit auch für den Einstieg in den Aktienhandel verschuldet. Insgesamt ist die Verschuldung der Haushalte jedoch begrenzt – insofern hinken Vergleiche der derzeitigen Situation in China mit der amerikanischen Subprime-Krise gewaltig.

STANDARD: Sind im chinesischen System nicht hohe Risiken vorprogrammiert? Staatsunternehmen und kontrollierte Banken werden ja immer damit rechnen, im Zweifel gerettet zu werden.

Heep: Die Überzeugung, dass der Staat ihnen im Notfall aus der Patsche helfen wird, wirkt sich natürlich negativ auf das Risikomanagement der Banken aus. Im Zuge der laufenden Reform des chinesischen Finanzsystems wird es daher wichtig sein, mit dieser impliziten Bail-out-Garantie aufzuräumen.

STANDARD: Was bedeutet die Abwertung der chinesischen Währung?

Heep: Es ist sicher kein Zufall, dass die Abwertung drei Tage nach der Bekanntgabe überraschend schlechter Exportzahlen durchgeführt wurde. Allerdings ging die Abwertung mit einer Flexibilisierung des Wechselkursregimes einher, die zu begrüßen ist, weil sie die Weichen für weitere Reformen im Finanzsystem stellt.

STANDARD: Wie bewerten Sie die jüngste Zinssenkung der People's Bank of China?

Heep: Um eine drastische Abwertung des Yuan zu verhindern, hat die Zentralbank in den vergangenen Wochen massiv in den Devisenmärkten interveniert. Das hatte eine verminderte Liquidität zur Folge. Die jüngsten geldpolitischen Maßnahmen zielen darauf ab, dieses Problem zu beheben.

STANDARD: Wie geht es mit China weiter?

Heep: Der wirtschaftliche Strukturwandel stellt Chinas Führung vor eine große Herausforderung. Wenn er gelingt, können auch niedrigere Wachstumsraten für einen wachsenden Wohlstand der Bevölkerung sorgen. Spitzen sich die wirtschaftlichen Probleme aber zu, wird das für die Kommunistische Partei auch politisch gefährlich (Aloysius Widmann, 31.8.2015)

Sandra Heep leitet das Programm "Wirtschaftspolitik und Finanzsystem" am Mercator Institute for China Studies in Berlin.

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