Lavendel versetzt die Provence in Unruhe

30. August 2015, 09:00
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Frankreichs Lavendelernte leidet unter Klimaerwärmung und EU-Bürokratie. In Österreich wächst eine kleine, aber robuste Konkurrenz heran

Wie jeden Sommer haben die violetten Lavendel-Felder das so typische Bild der Hoch-Provence geprägt. Jetzt sind die Sträucher geschnitten, ihr frischer Duft würzt den Mistral-Wind nicht länger. Guillaume Liardet, ein junger Lavendelproduzent mit Strohhut, hat seine 42 Hektaren Lavendel in Sault eingebracht.

Im Destillierofen werden die Lavendelblüten in Heil- und Duftöl verwandelt. Die Hybridzüchtung Lavandin fließt sodann in Seifen und Waschpulver, der eigentliche Lavendel in Aromastoffe, ätherische Öle und natürliche Heilmittel. letztere wirken beruhigend, wundschließend und ekzemahemmend.

Liardet schätzt, dass die gut tausend provenzalischen Lavendelzüchter dieses Jahr rund 50 Tonnen Lavendelextrakte produzieren. Das klingt nach wenig; allerdings wird damit die ganze Welt versorgt, auch wenn die Billigkonkurrenz in Bulgarien, Spanien und China wächst. "50 Tonnen sind mehr als in den letzten Jahren, als die Trockenheit die Sträucher hart traf und nur etwa 30 Tonnen destiliert werden konnten. Zu Beginn dieses Sommers befürchteten wir das Schlimmste, als kein Tropfen fiel. Dann setzte aber überraschend tagelanger Regen ein."

Viele Krisen überlebt

Glücklich ist Liardet mitnichten. "Lavendel ist anpassungsfähig. Er wurde schon von den alten Römern angebaut und hat viele natürliche Krisen überlebt. Doch gegen die starken Temperaturausschläge kommt er jetzt kaum mehr an."

Seit Jahren schon breitet sich ein kleiner Parasit namens Cicadelle in den schnurgeraden Reihen der Lavendel-Felder aus. Kaum zwei Millimeter lang, verstopft er mit seinen Ausscheidungen die Stengel, was die Pflanze binnen zwei Jahren abtötet. Das Aufkommen des Schädlings wird auf die Klimaerwärmung zurückgeführt. "Die Zunahme von Hitze- und Trockenperioden schwächen die Pflanzen und begünstigen indirekt die Ausbreitung der Cicadelle", meint Eric Chaisse vom regionalen Versuchslabor für Aromapflanzen in Manosque.

Der provenzalische Forscher sucht seit Jahren nach einem natürlichen Gegenmittel. Antibiotika sind verboten, Insektizide könnten auch die für den Lavendel wichtigen Bienen treffen. Viele Bauern wie Liatard denken darüber nach, Lavendel in höheren Lagen anzubauen, wo es kühler ist und der Schädling bisher nicht anzutreffen war. Das wäre aber mit hohen Kosten verbunden.

Heilpflanze mit Totenkopf

Sorgen bereitet den Lavendel-Bauern aber noch ein anderer Schädling – eine EU-Verordnung namens Reach. Sie wurde schon 2013 lanciert und sah ursprünglich vor, dass gewisse chemische Substanzen wie Linalool auf Etiketten von Agrarerzeugnissen genannt sein müssen. Linalool existiert in seiner natürlichen Form auch im Lavendel.

"Das würde bedeuten, dass wir auf unseren Duftölen und sogar Heilmitteln auf eine mögliche Giftgefährdung verweisen und dies durch einen kleinen schwarzen Totenkopf der Etikette angeben müssten", ereifert sich Alain Aubanel von der französischen Union der Aroma- und Medizinalpflanzen-Hersteller. "Wenn das nicht absurd ist. Ausgerechnet der Lavendel, der sich durch seine natürliche Anbauart und Wirkung auszeichnet, würde mit synthetischen Stoffen in einen Topf geworfen. Das würde nur der chemischen Industrie helfen."

Aubanels Verband hat eine Petition lanciert, um zu erreichen, dass Lavendel von der Liste chemischer Substanzen gestrichen wird. In der Umgebung von Sault haben die Bauern Schilder angebracht, auf denen es heißt: "Lavendel in Gefahr", oder "Lavendel ist keine Chemie."

Der Aufstand trägt möglicherweise erste Früchte: Laut Aubanel will Brüssel die Lavendel-Zunft nicht mehr mit Chemiefabrikanten gleichsetzen und ihr die Totenkopf-Pflicht erlassen. Das letzte Wort ist in dieser Angelegenheit aber noch nicht gesprochen; die EU prüft Alternativen. "Wenn sie noch einige Zeit zuwartet, braucht uns gar keine Auflagen mehr zu machen", meint Aubanel bitter. "Dann gibt es uns nämlich gar nicht mehr."

Lavendel aus Österreich

Theresia Heigl gerät dank reiner Ab-Hof-Vermarktung nicht in die Gefilde der chemischen Industrie. Probleme mit Parasiten hat sie keine. Diese seien letztlich auch eine Folge der Industrialisierung, vermutet sie – und von dieser sei der Lavendelanbau hierzulande noch weit entfernt.

Heigl zählt zu den wenigen Österreichern, die das herb duftende Kraut im größeren Stil, wenn auch überwiegend in Handarbeit kultivieren. Auf zwei Hektar verteilt über mehrere Felder wächst es in Kitzeck im südsteirischen Weinland auf ihrem Biohof Wunsum, um zu Seife, Tee, Marmelade, Likör und Essig verarbeitet zu werden. Heigl erinnert an die "Lavendelweiber", die den Lavendel im 19. Jahrhundert rund um Wien anbauten. Sie selbst habe es gereizt, eine Region, die nur vom Wein lebe, um etwas Komplementäres zu bereichern.

Seit acht Jahren fußt ihr kleiner Betrieb nun schon auf Lavendel. Heiße Sommer kommen ihm entgegen. Auf Chemie wird verzichtet, und bei der Ernte helfen lediglich fragile Maschinen, die ihr Vorbild in Asiens Teekulturen haben. Der lehmartige steirische Boden macht den geborenen Flachwurzler zu einem robusten Tiefwurzler – der auch ohne aufwendige Bewässerung auskommt. (Stefan Brändle, Verena Kainrath, 30.8.2015)

  • Französische Lavandelfelder, ein Opfer von Parasiten und EU-Verordnungen
    foto: l'occitane

    Französische Lavandelfelder, ein Opfer von Parasiten und EU-Verordnungen

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