Gastfreundschaft: Journalismus muss sich von Facebook unterscheiden

Blog31. August 2015, 07:00
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Jeder Journalist muss sich fragen, wie das Gespräch mit dem User gestaltet wird. Das ist längst nicht mehr ein Nischen-Thema für Online-Teams. Nebst technischen Lösungen, Ressourcen, Klarnamendebatten ist nämlich eines wichtig: Welche Einstellung steht dahinter?

Wien – "Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte." Die Kommentare auf Facebook sind unerträglich. Journalismus hat dann Sinn und Zweck, wenn er sich davon unterscheidet. Durch Werte, zum Beispiel, und die von ihnen geleitete Frage: Was machen wir bei der Initiierung und Moderation gesellschaftlicher Debatten anders als Plattformen wie Facebook etc., die, vermeintlich neutral, "nur" Infrastruktur zur Verfügung stellen?

Anregungen für ein klar abgegrenztes Selbstverständnis, ein Bekenntnis zu einer konstruktiven Debattenkultur und eine gute Praxis könnte ein immer populärer werdendes (aktuell beim Forum Alpbach eingesetztes) Konzept geben: The Art of Hosting.

Diese Methode – oder vielmehr Haltung – versteht sich als Kunst, Gastgeber für gute Gespräche zu sein. Sie wird in Unternehmen, Bildung und politischen Prozessen eingesetzt: Für Konfliktlösungen in Cote d’Ivoire, Gedenkkultur in Mauthausen, Sitzungsgestaltung in der EU-Kommission.

Was sind einige der Grundelemente der Gastgeberkunst, die vielleicht auch Leitgedanke für den Journalismus als Host öffentlicher Diskurse sein könnte?

  • Ein starkes Hosting-Team, das gemeinsam einen guten Diskurs schaffen will und das über Prinzipien und Ziele Klarheit hat.

  • The Art of Hosting stellt eine überzeugende und ernst gemeinte Einladung zum Austausch und zur gemeinsamen Entwicklung von Ideen, nicht das Durchsetzen der eigenen Meinung oder das Dozieren von Wissen in den Vordergrund.
  • Der Host schafft einen Rahmen und Regeln, die Vertrauen schaffen und auf Respekt basieren.
  • Die Gestaltung des Kommunikationsprozesses ist ebenso wichtig und braucht genauso viel Aufmerksamkeit wie der Inhalt.
  • Bei der Planung dieses Prozesses wird mitbedacht, wie Ergebnisse "geerntet", der Community wieder zur Verfügung gestellt werden und – Wirkung haben können.

Vieles davon trifft auch auf Journalismus zu. Medien sind keine Content-Fabriken. Medien sind Gastgeber für konstruktive gesellschaftliche Diskurse.

Was eine solche Grundhaltung konkret für die Praxis, für Formate, Themen, Sprache, Gestaltung von Medieninhalten bedeutet, ließe sich wohl vorzüglich in einem "Art of Hosting"-Setting erkunden. Wer Lust darauf hat, schreibt mir bitte an daniela.kraus@fjum-wien.at. (Daniela Kraus, 31.8.2015)

Daniela Kraus ist Geschäftsführerin des fjum_forum journalismus und medien wien. Auf derStandard.at/Etat schreibt sie im Journo-Blog über aktuelle Entwicklungen in der Medienbranche – und ihre Auswirkungen auf die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten.

Link
artofhosting.com

  • Daniela Kraus, Geschäftsführerin des fjum_forum journalismus und medien wien.
    foto: fjum

    Daniela Kraus, Geschäftsführerin des fjum_forum journalismus und medien wien.

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