"Müssen akzeptieren, dass es die Großfamilie nicht mehr gibt"

Interview29. August 2015, 14:00
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Bauen, das heißt fast immer: Neu bauen. Oder? Der deutsche Publizist Daniel Fuhrhop sagt Nein

Skandalprojekte!", "Bauwut!", "Wohnungsnot-Hysterie!" Der Publizist Daniel Fuhrhop, der seit 2013 den Blog "Verbietet das Bauen!" betreibt, fährt große verbale Geschütze auf. Öffentliche Projekte wie der Flughafen Berlin und Stuttgart 21 seien nur prestigesüchtige Milliardengräber, und Wohnraum gebe es heute schon genug. Stattdessen solle man sich um die kluge Nutzung dessen bemühen, was es an Bauten schon gibt. Nun ist sein Blog als Buch erschienen. Im Gespräch mit dem STANDARD erklärt Daniel Fuhrhop, was das Alte besser kann als das Neue.

STANDARD: Seit Zehntausenden von Jahren bauen die Menschen Häuser. Warum sollen sie Ihrer Meinung nach jetzt damit aufhören?

Fuhrhop: Es wurde noch nie so viel gebaut wie in den letzten Jahrzehnten. Im Verhältnis zur Bewohnerzahl hat sich die Wohnfläche pro Person seit 1945 verdreifacht. Bei Büros und Verkaufsflächen ist es genauso. Damit sollte jetzt Schluss sein.

STANDARD: In Ihrem Buch bezeichnen Sie die Diskussion um Wohnraummangel, wie sie in Städten wie Berlin oder München geführt wird, als "hysterisch". Warum?

Fuhrhop: Der Begriff "Wohnungsnot" wird viel zu oft benutzt. Nach dem Krieg mag das noch gegolten haben, aber heute herrscht Wohlstand in Mitteleuropa. Berlin hat heute eine halbe Million weniger Einwohner als Ende der 1930er-Jahre, und trotzdem werden immer mehr Wohnungen gebaut – weil wir so anspruchsvoll geworden sind.

STANDARD: Warum müssen wir denn zusammenrücken? Sollen wir wieder wie in der Gründerzeit wohnen?

Fuhrhop: Wir können die Uhr nicht zurückdrehen. Wir müssen akzeptieren, dass es die Großfamilie nicht mehr gibt, und Tagschläfer brauchen wir heute auch nicht mehr. Ich will niemanden zwingen, ich mache nur Vorschläge. Es gibt bereits Beispiele, wie anders gewohnt werden kann, etwa das "Clusterwohnen" in Zürich, die Baugruppen in Tübingen oder die Wiener Sargfabrik. Dort sind die Wohnungen relativ klein, dafür teilt man sich Gemeinschaftsflächen. Wenn so etwas zur Verfügung steht, ist es akzeptabel, dass die privaten Räume klein sind.

STANDARD: Was ist denn so schlimm daran, viel Wohnraum zu haben?

Fuhrhop: Wenn in Deutschland innerhalb der letzten zwanzig Jahre bei gleicher Bevölkerungsanzahl sechs Millionen Wohnungen mehr gebaut wurden, kostete das 1,5 Billionen Euro, und verschlingt enorme Mengen Energie und Fläche. Das ist volkswirtschaftlich und ökologisch fatal. Durch die Zersiedelung veröden unsere Städte.

STANDARD: Menschen sind nun einmal mobil, dadurch wachsen manche Städte, andere schrumpfen. Wollen Sie das verhindern?

Fuhrhop: Nein, aber wir sollten gegen diese regionale Ungleichheit vorgehen. Das Problem ist, dass man heute dort, wo die Städte schrumpfen, wie etwa in Ostdeutschland, trotzdem Wohnungen baut.

STANDARD: Wien wächst zurzeit um rund 20.000 Einwohner pro Jahr. Ohne Neubau in großem Umfang wie in der Seestadt Aspern wäre das nicht zu schaffen. Wie würde Wien mit einem Baustopp aussehen?

Fuhrhop: In stark boomenden Städten wie Wien ist es schon eine große Herausforderung, ganz ohne Neubau auszukommen. Aber es gibt Möglichkeiten. In meinem Buch nenne ich 50 verschiedene Ideen, wie man Neubauten vermeidet – und Wien braucht vermutlich alle zusammen. Ein Beispiel: In Wien wird viel Geld für Tourismuswerbung und Wirtschaftsförderung ausgegeben, und dann klagt man, dass man damit so viel Erfolg hat und so stark wächst. Wien sollte eher ein Anti-Stadtmarketing betreiben oder das Geld für schrumpfende Orte wie Eisenerz ausgeben. Das greift natürlich in Kompetenzen ein.

STANDARD: Hat die Zersiedelung durch private Einfamilienhäuser nicht einen völlig anderen Hintergrund als die geplante Verdichtung in der Stadt?

Fuhrhop: Ob privat oder kommunal gebaut wird, mir geht es um einen Wandel in der Einstellung, und das betrifft die Kommunen genau so wie jeden Einzelnen. Mir geht es auch nicht um einen bestimmten Typ Neubau. Ich habe nichts gegen Einfamilienhäuser. Aber man kann sich bei jedem Typ von Häusern die Frage stellen, wie man sie besser nutzen kann.

STANDARD: Vor allem Bauten aus den 1950er- bis 1970er-Jahren gelten als Energieschleudern und werden heute durch Häuser mit ökologischerer Bilanz ersetzt. Ist das nicht sinnvoll?

Fuhrhop: Am Beispiel einer Wohnanlage in Bremerhaven hat ein Architekt den Energieverbrauch von Abriss und Neubau im Passivhausstandard mit dem einer Sanierung verglichen. Wenn man die Energiebilanz ganzheitlich betrachtet und sowohl die graue Energie berücksichtigt, die die Herstellung eines Hauses benötigt, als auch die Energie, die durch die Mobilität entsteht, steht die Sanierung besser da. Wir sollten diese ganzheitliche Betrachtung bei allen Bauten anwenden. Dann würden wir die Vorteile der Altbauten erkennen.

STANDARD: Wie macht man den Altbau attraktiv?

Fuhrhop: Für Umbau gibt es nicht nur ökonomische Argumente. Im deutschen Pavillon der Architekturbiennale 2012 wurden Beispiele gezeigt, wie Gebäude ideenreich umgenutzt werden können. Wenn der Stellenwert des Baubestandes höher werden soll, müssen wir lernen, mit anderen Augen darauf zu schauen. Junge Architekten brauchen dafür gute Vorbilder. Als ich Architektur studierte, wollten alle so schnell wie möglich neu bauen. Ich glaube, das hat sich inzwischen geändert. In diese Richtung sollten wir Ideen entwickeln.

STANDARD: Die Umnutzung von Gewerbebauten zu Wohnraum wird oft versucht, aber ist rechtlich und konstruktiv kompliziert. Wie kann man das erleichtern?

Fuhrhop: Da gibt es genügend Beispiele. Zum Beispiel in Frankfurt. Dort gab es leer stehende Büros mit mehreren Hunderttausend Quadratmetern Fläche. Inzwischen sind in diesem bisher reinen Büroviertel 1500 Wohnungen entstanden. Auch in Wien stehen Hunderttausende Quadratmeter Bürofläche leer, das wäre also auch dort eine Option! Es ist nicht einfach, aber es ist möglich.

STANDARD: Die Bauwirtschaft wird von Ihrem Neubaustopp nicht sehr erfreut sein.

Fuhrhop: Im Gegenteil, es ist im Interesse der Bau- und Immobilienwirtschaft, dass wir uns vom Neubau verabschieden! Große Immobilienfirmen haben Gebäude im Eigentum. Jeder Neubau ist für sie Konkurrenz. Wer am stärksten am Neubau hängt, sind die Spekulanten, die ihre Bauten schon verkaufen, bevor sie fertig sind.

STANDARD: Heute wird oft über die "Verbotskultur" geklagt. Wäre Ihr Bauverbot da überhaupt durchsetzbar?

Fuhrhop: Der Titel Verbietet das Bauen! ist mit einer Mischung aus Ernst und Augenzwinkern zu verstehen. Ich schlage keine neuen Gesetze vor, obwohl das an vielen Orten das Beste wäre. Es würde schon helfen, dort, wo viele Leute wegziehen, ein Wohnungsbau-Moratorium einzuführen. Schon die Bereitschaft, das einmal durchzudenken, würde uns dazu bringen, die Möglichkeiten auszuschöpfen und Ideen zu entwickeln.

STANDARD: Blicken wir in die Zukunft: Stellen wir uns vor, Deutschland, Österreich und die Schweiz haben Ihren Vorschlag erhört und 20 Jahre lang nichts neu gebaut. Wie sehen unsere Städte 2035 aus?

Fuhrhop: Mein Ziel war immer, Lösungen zu suchen, wie unsere Städte lebenswert bleiben. Wenn wir die Verödung durch Neubau stoppen, unsere Kraft dazu verwenden, gebaute Städte in Ordnung zu bringen, dann hätten wir bis 2035 lebenswertere Städte geschaffen. (29.8.2015)

Daniel Fuhrhop studierte Architektur und Betriebswirtschaft und arbeitet als Verleger und Publizist. 2013 startete er seinen Blog "Verbietet das Bauen!" Diese Woche erscheint das gleichnamige Buch im Oekom-Verlag.

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Daniel Fuhrhops Blog

  • Umbau radikal: Die Architekten Brandlhuber, Emde und Schneider verwandelten einen banalen Bau aus DDR-Zeiten in Krampnitz bei Berlin in eine "Anti-Villa" mit Brutalo-Charme.
    foto: erica overmeer

    Umbau radikal: Die Architekten Brandlhuber, Emde und Schneider verwandelten einen banalen Bau aus DDR-Zeiten in Krampnitz bei Berlin in eine "Anti-Villa" mit Brutalo-Charme.

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