Liliana Corobca: Wer schneidet ihnen die Haare?

Interview30. August 2015, 09:00
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Woher bekommen sie ihr Essen? Und wie leben sie? Die rumänische Schriftstellerin schreibt über das harte Leben moldawischer Kinder, deren Eltern sie zurücklassen, um im Ausland Arbeit zu finden

STANDARD: Sie haben sich in Ihrem neuen Roman, der auf Rumänisch "Kinderland" heißt, eines tragischen Themas angenommen. Kinder, die in Moldawien ohne Eltern aufwachsen. Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?

Corobca: Ich verbringe viel Zeit bei meinen Eltern in der Republik Moldau, und eines Tages wurden wir von einem Dorfbewohner besucht, der von seinem Sohn begleitet wurde. Der Junge hatte ängstliche Augen. Er wollte nicht spielen, nicht sprechen. Stattdessen beobachtete er nur seinen Begleiter, der sein Vater war. Der war ins Ausland gereist, um dort zu arbeiten. Dort traf er eine andere Frau und verließ seine Familie. Dieser Junge kannte also seine Eltern kaum. Seine Mutter war ebenfalls im Ausland, um zu arbeiten. Wenn der Vater im Urlaub nach Hause kam, nahm er seinen Jungen mit zu Freunden und Bekannten. Der Vater trank gerne, und manchmal passierte es, dass er seinen Jungen im Suff vergaß. Deswegen war der Bub so auf seinen Vater bedacht. Diese Begegnung hat mich nicht losgelassen, und ich begann, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

STANDARD: Das heißt: Eltern lassen ihre Kinder zurück, weil sie im Ausland arbeiten?

Corobca: Moldawien ist ein kleines und leider sehr armes Land am Rande Europas. Die Arbeitsmigration ist sehr ausgeprägt, gerade auf dem Land, wo es nahezu keine Arbeit gibt. Zur Zeit der Sowjetunion haben viele im Wein- oder Obstanbau gearbeitet. Aber dieser Wirtschaftszweig bietet kaum noch Arbeitsplätze für die Landbevölkerung. Deswegen verlassen Frauen und Männer ihre Dörfer, um als Pflegekräfte oder Bauarbeiter Geld in der EU oder in Russland zu verdienen. Kinder sind die Leidtragenden dieser Situation. Weil die Arbeiten der Eltern häufig illegal sind, werden die Kinder zurückgelassen.

STANDARD: Wie viele Kinder wachsen in Moldawien ohne Eltern auf?

Corobca: Dazu gibt es unterschiedliche Schätzungen. Man sagt, dass es rund 100.000 Kinder in Moldawien gibt, die nur mit einem Elternteil aufwachsen oder sogar ganz ohne Eltern. Ein ähnliches Phänomen gibt es auch in Rumänien.

STANDARD: Ihr Roman ist 2013 in Rumänien erschienen. Hat sich für die Kinder seither etwas verändert?

Corobca: Es gibt immer mehr Organisationen, die sich des Problems annehmen und versuchen, Eltern und Kindern zu helfen. Aber die Behörden in Moldawien verschließen die Augen. Meiner Ansicht nach wird nicht genug getan, um das Problem zu bekämpfen.

STANDARD: Ihr Roman zeigt eindrücklich das Innenleben der zwölfjährigen Kristina, die sich um ihre beiden kleineren Brüder kümmert. Wie haben Sie für den Roman recherchiert?

Corobca: Ich selbst bin in einem Dorf geboren und aufgewachsen. Deswegen kenne ich die Verhältnisse dort gut. Noch heute verbringe ich viel Zeit bei meinen Eltern, die am örtlichen Gymnasium als Lehrer beschäftigt sind und deswegen genau wissen, was im Dorf vor sich geht. Ich habe einen sieben Jahre jüngeren Bruder. Für das Buch hat es mir geholfen, mich daran zu erinnern, welche Beziehung ich als ältere Schwester zu ihm hatte. Ich selbst bin zwar nicht ohne Eltern aufgewachsen. Aber als ich an dem Roman arbeitete, befand ich mich in einer Phase meines Lebens, in dem ich mir Kinder und Familie wünschte. Ich fragte mich: Wie kann man seine eigenen Kinder zurücklassen? Der Roman war also auch ein Versuch, mich mit dieser Frage emotional eingehend zu beschäftigen. Dabei stellte ich mir vor, dass ich über meine Kinder schreibe, und gleichzeitig, dass ich diese Kinder bin. Natürlich habe ich auch recherchiert. Aber die trockene Recherche war nur dazu da, um bei den Fakten keinen Fehler zu machen. Die Grundlagen aber waren Zärtlichkeit, Liebe und die Fragen der Ungerechtigkeit und Hilflosigkeit. Und so etwas lässt sich nur über die Literatur beantworten.

STANDARD: Mit welchen Problemen haben die Kinder am meisten zu kämpfen?

Corobca: Es ist eine Sache, wenn man mit einem Elternteil oder bei den Großeltern aufwächst. Aber mich hat die Extremsituation interessiert. Kinder, die ganz ohne Eltern aufwachsen. Wie leben die? Wie meistern sie die Alltagsprobleme? Ich meine nicht nur seelische, sondern ganz praktische. Woher bekommen sie Essen? Kochen sie selbst? Wer schneidet ihnen die Haare? Wer erinnert sie daran, dass sie sich waschen müssen? Was ist, wenn ein Kind von einer Zecke gebissen wird, wie ich es beschreibe. Gerade die Buben kopieren häufig die männlichen Erwachsenen und beginnen zu fluchen. Das Leben auf dem Dorf ist nicht romantisch, sondern rau. Aber ich gebe zu: Die Realität kann noch grausamer sein, als ich es in dem Roman beschreibe. Kinder können auch Opfer von Missbrauch werden. Und Gewalt ist ohnehin allgegenwärtig.

STANDARD: Ist der Staat völlig machtlos bei diesem Problem?

Corobca: Das Schlimme: Auch die moldawische Gesellschaft hat diese Kinder vergessen. Erst wenn die Gesellschaft beginnt, sich für sie zu interessieren, wird der Staat gefordert sein. Diese Kinder haben einfach keine Lobby. Sie können sich nicht für ihre Rechte einsetzen. Die Unterstützung von Organisationen ist nicht ausreichend.

STANDARD: Kristina im Roman ist ein sehr starkes Mädchen. Gab es ein reales Vorbild für sie?

Corobca: Nein. Kristina ist das Produkt meiner Imagination, das sich aufgrund der Geschichten, die ich gehört habe, und der Begegnungen, die ich hatte, herausgebildet hat. Sie ist stark, weil sie es sein muss. Sie kocht für ihre Brüder, tröstet sie, wenn sie traurig sind. Ich wollte ein lebensnahes, normales Mädchen zeigen, keine Überfigur.

STANDARD: Man bekommt den Eindruck, dass die Frauen ein Glück für das Leben in Osteuropa sind. Ist das so?

Corobca: Das kann gut sein. Frauen sind in existenziellen Situationen häufig etwas pragmatischer und handlungsstärker. Sie sind nicht so mit sich selbst beschäftigt. Ich wollte zeigen, wie ein junges Mädchen sich dem Schicksal stellt und das schwere Leben ohne Eltern bewältigt. Trotz der traurigen der Ereignisse wollte ich eine hoffnungsvolle Geschichte erzählen. Mir war intuitiv klar, dass ich das nur über eine weibliche Hauptfigur zeigen konnte.

STANDARD: Kristina steht an der Schwelle vom Kind- zum Erwachsenensein. Hat sie unter ihren Lebensumständen überhaupt eine Chance, langsam und "gesund" erwachsen zu werden?

Corobca: Das ist ein weiterer Aspekt, der mich interessiert hat: das Reifen eines jungen Mädchens, das unter harten Lebensumständen bemüht ist, ihren Optimismus und ihren Charakter zu bewahren. Kristina hat gelernt in allem, was sie umgibt, Liebe zu suchen: in den Tieren, die auf dem Hof und im Wald leben, in den Mysterien, die das Dorfleben bereithält. Die Schwierigkeiten machen sie manchmal traurig, aber auch klüger. Diese positive psychologische und spirituelle Entwicklung wollte ich beschreiben. Das ist doch, was das Leben zum Leben macht.

STANDARD: Im Roman wird häufiger gesagt, dass die Kinder aufgehört haben zu weinen, weil das Weinen nichts bringe. Was passiert, wenn man aufhört zu weinen? Werden die Kinder depressiv?

Corobca: Auch wenn das ländliche Leben hart ist, dort leidet niemand unter Depressionen. Dies ist eher eine Krankheit des satten Lebens in der Stadt. Kinder weinen manchmal. Sie hören auf zu weinen, weil sie ihr Schicksal intuitiv akzeptieren. Kinder, die keine anderen Lebensentwürfe kennen, akzeptieren ihre Situation schnell. Für sie ist es irgendwann normal, dass die Eltern nicht da sind und sie allein klarkommen müssen. Kinder können ihre Tragödie gar nicht realisieren. (Ingo Petz, Album, 30.8.2015)

Liliana Corobca, geb. 1975 in Moldawien, lebt als Literaturwissenschafterin und Schriftstellerin in Bukarest. Ihr Roman "Der erste Horizont meines Lebens" (Zsolnay) wurde aus dem Rumänischen von Ernest Wichner übersetzt.

  • Liliana Corobca: "Kinderland" heißt ihr Roman auf Rumänisch.
    foto: petrina hicks

    Liliana Corobca: "Kinderland" heißt ihr Roman auf Rumänisch.

  • Viele verlassen ihre Dörfer, um in der EU oder Russland Geld zu verdienen. Kinder sind die Leidtragenden dieser Situation.
    foto: andy urban

    Viele verlassen ihre Dörfer, um in der EU oder Russland Geld zu verdienen. Kinder sind die Leidtragenden dieser Situation.

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    foto: zsolnay
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