Forschung: "Fördern in Österreich nicht das Richtige"

28. August 2015, 10:17
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Arbeitskreis der Technologiegespräche widmet sich der Forschungsförderung zwischen Risiko, Kreativität und Mainstream

Alpbach – Die öffentliche Hand wendet heuer rund 3,8 Milliarden Euro für Forschung auf, gemessen am BIP zählt Österreich damit zu den "Förderweltmeistern". Doch wird damit das Richtige gefördert, unterstützt das Fördersystem auch risikoreiche Innovationen oder nur Mainstream-Forschung, fragt sich am Freitag ein Arbeitskreis bei den Alpbacher Technologiegesprächen. Experten zeigen sich auf APA-Anfrage uneinig.

In der Grundlagenforschung scheint die Frage nach dem "Richtigen" einfach zu beantworten sein: "Alles was gut ist, ist auch richtig", sagt etwa der ehemalige Präsident des Wissenschaftsfonds FWF, Christoph Kratky. Komplexitätsforscher Stefan Thurner von der Medizin-Uni Wien meint: "Das Richtige ist, was sich im Nachhinein als das Überlebensfähigste und das Gesellschaftsveränderndste herausstellt."

Uneinig sind sich die beiden aber in der Beantwortung der Frage, ob denn hierzulande das Richtige gefördert werde. Für Kratky fördern Institutionen wie der FWF allein durch ihre Verpflichtung zur Exzellenzforschung das "Richtige". Thurner fragt dagegen, "welche aus der Grundlagenforschung entstammende gesellschaftsverändernde Innovation in den letzten 50 Jahren aus Österreich gekommen ist" und kommt mangels positiver Antwort zum Schluss: "Nein, in Österreich fördern wir nicht 'das Richtige'".

Mainstream-Forschung

In der angewandten Forschung ist sich Innovationsexpertin Brigitte Ecker vom Institut für Höhere Studien (IHS) sicher, dass auch "das Richtige" gefördert werde, die "umfassend praktizierte Evaluierungskultur trägt hier wesentlich zur Qualitätssicherung bei". Das neue Mitglied im österreichischen Forschungsrat, Klara Sekanina, verweist auf das Beispiel USA, wo mittlerweile zwei Drittel der F&E-Ausgaben auf die Entwicklung fallen, der Rest auf Grundlagen- und angewandte Forschung. "Dieser Trend hat zur Folge, dass der Staat nahezu eine 'Forschungshoheit' hat und entscheidet, was 'das Richtige' ist", so Sekanina. Kratky findet es auch durchaus legitim, dass die Politik als Geldgeberin Prioritäten für die Forschungsförderung definiert, "allerdings ist das was politisch legitim ist, nicht automatisch gut bzw. 'richtig'".

Keine einheitliche Meinung gibt es in der Frage, ob vor allem Mainstream-Forschung gefördert wird. Thurner hat das Gefühl, dass das sehr stark der Fall ist. Das sei für die angewandte Forschung in Ordnung, aber in der Grundlagenforschung "komplett fehl am Platz". Kratky hat dagegen den abschätzigen Aspekt der Mainstream-Forschung nie verstanden: "Wenn 'Mainstream' das bezeichnet, was viele interessiert, kann ich darin nichts Schlechtes erblicken." Forschung an großen Problemen bestehe in der Regel aus kleinen Schritten, von denen sich einer im Nachhinein als Durchbruch erweise.

Für den ehemaligen FWF-Chef funktioniert das Fördersystem in Österreich "ausgezeichnet", dieses "System" habe in der Vergangenheit immer wieder geschafft, "Neues" zu fördern. "Was in Österreich fehlt, ist ausreichend Geld für die Grundlagenforschung, nicht der Mut zum Risiko", so Kratky. Thurner meint dagegen, dass ein "System, das auf Peer-Evaluierung (die Begutachtung durch Experten, Anm.) aufbaut, Mainstream-Forschung auswählt – es kann gar nicht anders – und hilft im wahrsten Sinne des Wortes das Mittelmaß zu perpetuieren".

Anreize setzen

In der angewandten Forschung meint Sekanina, dass ein Fördersystem "gar nicht darauf ausgelegt sein sollte, den Firmen das unternehmerische Risiko abzunehmen". Das Schweizer Fördersystem setze daher Anreize, intensiviere den Wissens- und Technologietransfer, baue Hemmnisse ab, etc. Den Firmen solle damit ermöglicht werden, größere Projekte durchzuführen, eine höhere Forschungstiefe zu erzielen und damit ein höheres Risiko einzugehen.

Auch Ecker sieht die Notwendigkeit für eine "stärkere Bereitschaft des Staates, den Unternehmen mehr Spielraum zu gewähren und damit einhergehend mehr Risikofreude zu unterstützen". Sie macht aber auch darauf aufmerksam, dass Österreich "gewiss kein Hochtechnologieland" sei, die überwiegende Mehrheit der Unternehmen sei im Segment der Mitteltechnologie tätig. "Angesichts dessen stellt sich die Frage, ob es in Österreich überhaupt eine so große Anzahl von zu fördernden Projekten im Bereich radikaler Innovationen, risikobehafteter Forschung gibt", so Ecker, die fragt, ob es dazu "nicht auch einer anderen Unternehmenskultur bedarf", die man hierzulande erst schaffen müsse.

Um Mut zum Risiko zu entwickeln, müssten nach Ansicht Thurners "die größten Talente identifiziert, gefördert, angelockt und hierbehalten werden". Weil sie ja Steuergeld verwalten, sollten Fördergeber gar keinen Mut zum Risiko haben, sie müssten "nur darauf achten, die besten Talente zu bekommen, die den entsprechenden Mut mitbringen". Auch Sekanina verweist darauf, dass "neue und kreative Ideen oft von Querdenkern kommen". Für sie sind jene Organisationen und Gesellschaften langfristig am erfolgreichsten, "die es schaffen, Freiräume zu gestalten und eine Toleranz des Versuchens und Scheiterns zu entwickeln". (APA, 28.8.2015)

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